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Nesthäkchen
kommt ins KZ
(Leseprobe aus: Nesthäkchen kommt
ins KZ, Eine Annäherung an Else
Ury, S. 120 ff, 1997, S. Fischer TB)
Jahre des Erfolgs 1918 -1933
Annemarie Braun, die goldblonde
Heldin der Nesthäkchen-Bücher, war bei den Mädchen sofort beliebt. Als die
Ury mit der Hochzeit des Nesthäkchens die Serie beenden wollte, türmten sich
die Protestbriefe der kleinen und großen Leserinnen auf ihrem Schreibtisch.
Gegenüber dem bittenden Verleger verwies die Ury auf andere Backfischromane.
Auch die endeten regelmäßig mit der Hochzeit der Heldin. Was sollte einer Frau
danach noch passieren? Welche Abenteuer sollten es noch geben? Da hörte doch
schließlich alles auf. "Schreiben Sie, Fräulein Ury, schreiben Sie
weiter. Erzählen Sie meinetwegen die Geschichte der Kinder und Kindeskinder.
Tun Sie es Ihren kindlichen Verehrerinnen zu Liebe." Und Else Ury schrieb
weiter. Bis Nesthäkchen weiße Haare hatte und vielfache Großmutter war. Nur
den Tod, den mußte sich jeder selber denken. Den ersparte sie uns.
Mit Annemarie Braun, Arzttochter aus Berlin, entstand eine Identifikationsfigur
für viele Mädchengenerationen des Bürgertums. Direkt wandte sich die Ury an
ihre Leserinnen: "Habt Ihr schon mal unser Nesthäkchen gesehen? Es heißt
Annemarie, ein lustiges Stubsnäschen hat unser Nesthäkchen und zwei winzige
Blondzöpfchen mit großen, hellblauen Schleifen. `Rattenschwänze´ nennt
Bruder Hans Annemaries Zöpfe, aber die Kleine ist ungeheuer stolz auf sie.
Manchmal trägt Nesthäkchen auch rosa Haarschleifen und die Rattenschwänzchen
als niedliche kleine Schneckchen über jedes Ohr gesteckt. Doch das kann es
nicht leiden, denn die alten Haarnadeln pieken. Sechs Jahre ist Annemarie vor
kurzem geworden, ihre beiden Beinchen stecken in Wadenstrümpfen und hopsen
meistens. Keinen Augenblick stehen sie still, geradeso wie ihr kirschrotes Mäulchen.
Das schwatzt und fragt den ganzen lieben Tag, das lacht und singt, und nur ganz
selten mal verzieht es sich zum Weinen." Mit diesen Worten lud sie 1918 die
Mädchen zum Lesen ein. Bis heute, zuletzt durch die Fernsehserie bekräftigt,
ist Nesthäkchen bei unzähligen Frauen bekannt und beliebt. Großmütter und
Enkelinnen sahen sich die Fernsehserie gemeinsam an, und in der Statistik der
bekanntesten Mädchenbücher steht Nesthäkchen immer noch ganz oben. Fast
sieben Millionen beträgt die Gesamtauflage inzwischen.
Annemarie Braun, das Nesthäkchen, muß ungefähr 1904 geboren sein. So ganz
genau nimmt die Ury es nie mit den Daten. Als Nesthäkchen weiße Haare hat und
vielfache Großmutter ist, schreiben wir erst das Jahr 1925. Sie lebt, wie die
Urys, im Berliner Westen, hat zwei ältere Brüder und ein Fräulein, das sie
die ganze Kindheit hindurch begleitet. Ihre Puppen hat sie nach Vater und Mutter
am liebsten. Die zahlreiche Puppenfamilie wird im ersten Band der Serie
lebendig, fordert die volle "mütterliche" Aufmerksamkeit des kleinen
Mädchens, und jedes verkörpert eine andere positive oder negative Eigenschaft
des Kindes. Unordnung, Raufen, die Kleidung zerreißen, beleidigt sein, streiten
und zanken in der Negativliste, Ordnung, Sauberkeit, Gehorsam und Bescheidenheit
bei den erstrebenswerten Tugenden. Schon frühere Kinderbücher des 19.
Jahrhunderts hielten den kleinen Leserinnen mit dem Zaubermittel
"Puppen" einen Spiegel vor, der sie belehren und zu guten Taten
motivieren sollte. Der Kindheitstraum von "lebendigen" Puppen wird von
der Ury in allen Variationen durchgespielt: Die Puppen mahnen und trösten, sie
freuen sich und sie weinen mit, sie schimpfen über mangelnde Pflege und
streiten sich untereinander. Sie sind jederzeit die in der Phantasie verfügbaren
Spielgefährten. Den Puppen kommt es außerdem zu, soziale Verhaltensweisen der
Erwachsenenwelt einzuüben. Als Nesthäkchen über eine neue Puppe die alten
Puppen vernachlässigt, mahnt die Mutter sie, doch daran zu denken, daß sie
selbst die beiden Brüder nicht vernachlässigt hat, als Nesthäkchen geboren
wurde. Diese Gleichsetzung von Puppen- und wirklicher Mutter leuchten dem Kind
unmittelbar ein und bewirkt eine positive Verhaltensänderung. Das ganze sechste
Lebensjahr wird bei der Ury von der Puppenwelt bestimmt. Dann kommt das erste
Schuljahr und die Puppen geraten ins Abseits. Auch hier eine klar gegliederte
Welt, eben die Nesthäkchen-Welt.
Der Vater der Annemarie Braun ist Arzt, die Mutter leitet den großen Haushalt
mit Köchin, Stubenmädchen und Kinderfräulein. Die Mutter ist Neuerungen
aufgeschlossen, begrüßt die Einrichtung von Kindergärten und öffentlichen
Schulen für Mädchen, ist liberal und verständisvoll. Sie ist ganz und gar
nicht die kaisertümelnde Schreckschraube, die sich die Serienmacher des ZDF als
Mutterfigur ausgedacht haben. Die Mütter sind gebildete, menschliche,
aufgeschlossene und erstaunlich selbstbewußte Frauen.
Außergewöhnlich an dem Kind Annemarie, dem Nesthäkchen, ist eigentlich wenig.
Sie lebt wie viele andere höhere Töchter ihrer Zeit. Else Ury gibt ihr eine
gute Portion Keßheit, Witz und Eigensinn, läßt sie mit Phantasie und Charme
die geforderten Tugenden torpedieren und ihre kleinen Sehnsüchte ausleben:
Hosen anziehen, wie ein Junge sein, die Welt erforschen, im Regen herrumlaufen,
weil der neue Regenmantel so schön ist, mit dem Milchjungen am Urlaubsort vor
Tagesanbruch Kannen ausfahren, den größten Mohrenkopf vom Kuchenteller
stibitzen und auf der für kleine Mädchen verbotenen Straße eben mal den
Musikanten um ein paar Häuserecken begleiten, am Kindergeburtstag alles und
alle bestimmen und bei der Verlosung das schönste Geschenk abkriegen. Auch als
Backfisch stellt die Heldin keine Ansprüche jenseits der Konvention. Sie lernt
fleißig auf dem Gymnasium, feiert mit Pfannkuchen im Kreis der Kränzchenfreundinnen
ihren Geburtstag und bekommt die erste Gesamtausgabe von Gerhart Hauptmann
geschenkt. Sie schippt im härtesten Winter der Inflationsjahre im
Klassenverband auf Geheiß des Schuldirektors Schnee, und der Konditor lädt die
fleißigen Mädchen zu Kakao und Kuchen ein, was ihnen einen schweren Tadel der
stets schlecht gelaunten Klassenlehrerin beschert. Nach dieser ungerechten
Ermahnung wird Annemarie aktiv und will einen Schülerrat gründen, was aber kläglich
am Einwand des erzkonservativen Schulleiters scheitert. Widerspiegelung der Rätebewegung
im Klassenzimmer? Die Geschichte ist amüsant und vervollständigt das Bild des
ungebärdigen Wildfangs, der mit Charme die Probleme des Alltags anpackt und
selber keine ernsthaften hat. Aber auf dem Hintergrund der geforderten Bravheit
sind die Streiche der Annemarie immer etwas besonderes. Keine der Freundinnen
traut sich so viel wie Annemarie Braun. Sie ist die unbestrittene Wortführerin.
Nach dem Abitur darf sie ein Jahr nach Tübingen, um dort ihr Medizinstudium zu
beginnen. Vaters Assistentin will sie werden. Auch dort erobert sie die Herzen
der Menschen Sie bleibt wie sie ist: schlagfertig, schusselig, unordentlich,
aufbrausend, schlank, hübsch, witzig und kinderlieb. Else Ury erzählt mit viel
Zeit- und Lokalkolorit. Inflation und Kohlenknappheit, Generalstreik und
Stromsperren, Gerhart Hauptmann und die Meistersinger, die Wandervogelbewegung
und die neusten Entdeckungen der Medizinischen Wissenschaft. Alle Neuheiten des
Lebens haben bei der Ury einen Platz, sie sind farbige Pinselstriche und bilden
den Stoff für heitere Anekdoten in schwerer Zeit. Die Welt ist so, wie sie ist,
und die Ury will sie nicht ändern. Aber vom kleinen, menschlichen Lebensglück
versteht sie etwas. Das macht ihre Bücher so beliebt. Der Kreis der Leserinnen
wächst. Viele Mädchen möchten auch so kess, so schnoddrig und doch so
geachtet sein.
Die Verhältnisse sind klar und übersichtlich. Die Köchin ist fleißig und
herzensgut, das Stubenmädchen etwas dumm, der Hausmeister wohnt in der
Kellerwohnung und ist ein Grobian. Diese "kleinen Leute" berlinern mit
grammatisch fehlerhaften Wendungen, und Else Ury läßt keine Möglichkeit aus,
sie in einer speziellen Lautumschrift zu Wort kommen zu lassen. Demgegenüber
sprechen die "Herrschaften" einschließlich Kinderfräulein das
typische Mittelstands-hochdeutsch, oft mit lateinischen oder französischen
Begriffen besonders aus dem Burschenschaftsjargon gewürzt. Da kommt die
Fidelitas zu Wort, da entladen sich Lachsalven, die Evastöchter schlagen die
Augen schamhaft nieder, die Herren der Schöpfung bleiben unter sich, beim
Abitur regieren die Examensfurien ... Die Kinder fallen nur selten ins
Berlinern. Sie benutzen zwar typische Wendungen, doch die schichtenspezifische
Wortwahl haben sie früh gelernt. Berlinern ist etwas für Dienstboten.
Anders als in vielen Backfischromanen der Zeit kennt Nesthäkchen auf dem Weg
vom Mädchen zur Frau keine Wirrnisse. Die schwierige Zeit der Pubertät bewältigt
die Doktorentochter mit Bravour. Sie bleibt die Unberührbare und doch reißen
sich alle Tanzstundenjünglinge um sie. Noch zum Abiturball ist der älteste
Bruder ihr beliebtester Tänzer. Wieder heißt er Hans wie der eigene
Lieblingsbruder. Am Studienort ist Annemarie Braun die umschwärmte Studentin,
aber die jungen Studenten blitzen ab, wenn sie zu nahe kommen. Cool, wie sie das
macht. Nicht putzsüchtig, aber immer hübsch anzusehen und auch noch eine
eifrige Studentin. Schließlich will sie Assistentin in Vaters Klinik werden.
Das hat sie fest versprochen.
Und dann lernt sie den erfahrenen, reifen Mann, die Vater- bzw. Bruderfigur
kennen. Erst jetzt verändert sie sich. Zärtliche Gedanken an Dr. Hartenstein,
stille Träumereien und schamvoll gesenkte Augenlider charakterisieren die neue
Phase. Nesthäkchen wird bald eine Frau werden. Sie ist 19 Jahre alt und zum
ersten Mal ahnt sie innere Konflikte. Wie schon bei der Hilde in Studierte Mädel
spielen die Naturgewalten dann die ehestiftende Rolle. Hilde wurde von ihrem zukünftigen
aus einer Gletscherspalte gerettet, Annemarie ereilt die Rettung durch Dr.
Hartenstein in einer Tropfsteinhöhle, als sie in Gefahr gerät, in einem Höhlensee
zu versinken. Nur in extremen Situationen wird Dornröschen wachgeküßt. Der
sexuelle Tiefschlaf kann nur unter äußersten Natureinflüssen beendet werden.
Erste zaghafte körperliche Liebesbezeugungen werden benannt, aber nicht
beschrieben. Wichtiger ist, daß die Tochter dem Vater doch versprochen hat, das
Studium zu Ende zu führen und in seine Fußstapfen zu treten. Dies Gelöbnis
treibt die fast zwanzigjährige um. Pflichterfüllung hat sie schließlich bei
ihrem Vater gelernt! Es dauert einige Monate, bis das Mädchen Annemarie sterben
darf und die Frau Dr. Hartenstein zum Leben erweckt wird. In den Semesterferien
arbeitet sie als Famulus, wie man das nannte, unter Aufsicht des heimlich
geliebten Arztes in der Kinderklinik, ärgerte sich über seine "männliche
Sachlichkeit und Strenge" und beweist - wir kennen das schon von Daisy -
bei der Pflege kranker Kinder ihre mütterlichen und somit weiblich-reifen
Qualitäten. Ein zweites Unwetter, diesmal im Schloßpark Charlottenburg, direkt
bei den üppigen Armorstatuen, und die Ehe ist besiegelt. Naturkatastrophen als
Geburtshelfer bürgerlicher Liebesheirat.
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