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aus: Die Exekution
Schmidt beneidete seinen
Schwiegersohn Kuberek um die gelben Stiefeletten aus Wildleder. Stiefeletten
hatte Schmidt als junger Mann auch gerne getragen. Es war der einzige Luxus
gewesen, den er sich damals geleistet hatte. Schmidt beneidete Kuberek natürlich
auch um Anna. Sie hatte die schönen, strengen Gesichtszüge der Mutter, sie war
ebenso schlank, hochgewachsen und stolz, wie Margot gewesen war, als Schmidt sie
kennengelernt hatte. Anna war auch ebenso intelligent wie ihre Mutter. Dennoch
war sie auf Kuberek hereingefallen. Daß Kuberek nur zehn Jahre jünger war als
er, störte Schmidt wenig. Es störte ihn, daß Kuberek genauso war wie er früher:
ein Draufgänger und Großmaul. Schmidt war sich ziemlich sicher, daß Kuberek
nebenher noch was laufen hatte - schließlich war er selbst einmal wie Kuberek
gewesen. An seinem großen Tag trug Kuberek die gelben Stiefeletten und einen
beigen Anzug aus Mailand. Er blies mit einer Heliumflasche rosa Luftballons auf,
die er mit einem verlegenen Lächeln an die Kinder verteilte. Selbst darin glich
Kuberek seinem Schwiegervater: Auch Schmidt war Kindern gegenüber verlegen.
Natürlich war Alberta One mit einem kleinen Nachrichtenteam vor Ort. Sie
filmten Kuberek in seinem beigefarbenen Anzug, wie er Luftballons austeilte, auf
denen in windschiefen Lettern ToOl TiMe MaRkeT stand.
Als die geistig zurückgebliebene Tochter des zweiten Bürgermeisters Joshua
Green ihren Ballon aus Versehen losließ und er in den kanadischblauen Himmel
hinaufschoß - Schmidts Schwiegersohn hatte sogar mit dem Wetter unverschämtes
Glück -, da fuhr Kuberek das Mädchen an: »Paß doch auf, Idiot, jeder bekommt
nur einen Ballon!«
Kuberek bemerkte sofort, daß er einen Fehler gemacht hatte. Er ging in die
Knie, verzog das Gesicht zu einer Comicfratze und krächzte: »Nun rate mal, wer
ich bin? Ich fresse am liebsten Erdnüsse und lebe in einem Baumhaus.«
Das Mädchen flüchtete sich heulend in die Arme seines Vaters. Coleen Serafino,
die Chefreporterin von Alberta One, gab ihrem Team ein Zeichen. Der Kameramann
nahm die Kamera von der Schulter. Sie beratschlagten. Dann ging Coleen - vor
zwei Jahren noch hatte sie in den Schulferien bei Schmidt an der Kasse
ausgeholfen - mit dem Mikrophon in der Hand zu Kuberek. Ihr Kameramann
schulterte die Optik, stellte die Schärfe nach und folgte der Reporterin.
Kuberek bellte, ohne die Frage abzuwarten, ins Mikro. »Alberta hat seit heute
einen neuen Anziehungspunkt. Tool Time wird die Stadt verändern. Tool Time
Market bedeutet Do it yourself nach professionellem Maßstab. Schluß mit der
Flickschusterei. Schluß mit stundenlangem Suchen nach der richtigen Schraube.
Tool Time hat alles: vom 1/4-Zoll-Nagel bis zum Kleintraktor. Und was das Beste
ist: Tool Time ist günstig. Günstiger als all die kleinen Krauter, die unseren
Heimwerkern seit Jahren das Geld aus der Tasche ziehen.« Das war Schmidts
Stichwort. Er trat vor und schoß Kuberek zwischen die Augen.
Ein träger Tropfen Blut klatschte gegen Coleens Wange. Ihr Kameramann hielt
erst auf den sterbenden Kuberek und dann, nachdem Colleen Serafino ihn am Ärmel
gezogen hatte, auf Schmidt, der zu seinem Wagen rannte.
Hauptmann Grigori Jalenko hatte das Pech, zu den Offizieren zu gehören, die
nach dem Ende der Präsidentschaft Jelzins aus dem Geheimdienst entfernt worden
waren: wegen allzu offensichtlicher Sympathie für das Wahlbündnis des
ehemaligen Präsidenten.
Jalenko - ein feingliedriger Mensch mit dünnen, schwarzen Haaren - trug ein
altmodisches, französisches Bärtchen, das ihm unter KGB-Kollegen den
Spitznamen Monsieur eingebracht hatte. Er war am -17. Oktober 1996, vier Monate
nach Jelzins Wahlsieg über den Kommunistenführer Gennadij Sjuganow, in eine
der Parteien eingetreten, die den Präsidenten unterstützten. Es war eine
symbolische Handlung gewesen: Diese Parteien hatten wenig Macht, sie nannten
sich pathetisch Rußlands Wahl, Unser Haus Rußland oder Demokratische Wahl und
konnten während einer Duma-Legislatur ebensogut in die Bedeutungslosigkeit
versinken wie zu einer wichtigen Kraft werden.
Anlaß für Jalenkos Schritt waren die öffentlichen Vorwürfe, die der damalige
Innenminister Anatolij Kulikow an die Adresse von Jelzins Sicherheitsberater
Lebed gerichtet hatte. Der Innenminister behauptete, Beweise dafür zu haben, daß
der General mit den 50.000 Mann der ihm unterstellten Sondertruppen einen Putsch
plante.
Jalenko wußte genau, was das bedeutete: Nach einem gelungenen Putsch wäre die
Welt unweigerlich in den Kalten Krieg zurückgefallen. Das hätte das Ende aller
Wirtschaftshilfen aus dem Westen bedeutet und damit das Ende eines einigermaßen
zivilisierten Lebens in Jalenkos Heimatstadt Moskau.
Doch die Gefahr durch den machtlüsternen Lebed war nicht der einzige Grund für
Jalenkos Parteieintritt. Grigori brauchte dringend eine neue Wohnung. Er hauste
mit Katia und den vier Mädchen in einem Zimmer. Im Winter froren die
Wasserrohre zu, im Sommer stank die Kloake, und man mußte den Kindern
verbieten, die Toilette im Flur zu benutzen, weil sie sich dort mit widerlichen
Krankheiten anstecken konnten.
Nach Jalenkos Parteieintritt hatte es genau sechs Wochen gedauert, dann kam der
Bescheid, daß - noch rechtzeitig vor dem Wintereinbruch - eine Dienstwohnung
nahe der Sodowaja-Kudrinskaja Uliza freigeworden war, nicht weit von der
Kinderklinik No.13 Filatow, dem Planetarium, das Katia so liebte, und dem
Zoologischen Garten.
Es handelte sich um drei helle, große Zimmer im zweiten Stock. Die Wohnung
hatte eine Zentralheizung und ein kleines Bad mit einer Toilette. Die Jalenkos
waren glücklich, die Töchter tanzten durch den Flur und drehten den
zerschlissenen, braunen Winterschal des Vaters wie eine Blumengirlande. Grigori
lief mit einem Korb voller Köstlichkeiten, die er vom letzten Geld der
Schwiegermutter auf dem Schwarzmarkt erworben hatte, zu Alexander Schochin von
Unser Haus Rußland, dem Parteifunktionär, dem er den Segen zu verdanken hatte.
Am 18.Dezember des Jahres 1997 zwang ein Moskauer Bezirksgericht Anatolij
Kulikow, seine Putschvorwürfe gegen General Lebed zurückzunehmen. Sie hatten
sich als völlig aus der Luft gegriffen erwiesen, eine Retourkutsche des
Innenministers für die harschen Vorwürfe Lebeds: Der Held von Tschetschenien
hatte behauptet, Kulikow habe durch seine aggressive Politik die vielen Toten
des ersten Krieges zu verantworten. Da wußte Grigori Jalenko, daß er auf das
falsche Pferd gesetzt hatte.
Als er nach Jelzins Ende den Dienst verlassen mußte, wurde ihm auch die schöne
Wohnung in der Seitenstraße der Sodowaja-Kudrinskaja Uliza gekündigt. Sein
Nachfolger benötigte sie - obwohl der nicht mal Kinder hatte.
Die Jalenkos zogen wieder zurück in ihre alte Gegend. Die neue Wohnung bestand
nur noch aus zwei Zimmern und einem renovierungsbedürftigen Bad. Die Jalenkos
mußten sie mit einer dreiköpfigen Familie aus Kasachstan teilen. Der mürrische
Vater schlug die Kinder und tobte nachts. Katia wurde immer nervöser, sie
weinte oft und schlief kaum noch.
Grigori Jalenko fand Arbeit bei einem privaten Wachschutz. Er fuhr nachts
Patrouille und verdiente nicht einmal ein Drittel seines kargen Staatslohnes. Er
ging wieder zu seinem Parteifunktionär, aber der konnte nichts mehr für ihn
tun. Als Angehöriger des Geheimdienstes war Grigori für die Schochin-Leute
wichtig gewesen. Jetzt aber war er ein unbedeutender Wachmann, und die Partei
hatte nach Jelzins Abgang weder Wohnungen noch Posten zu vergeben.
Grigori biß die Zähne zusammen und versuchte, beim Wachschutz Karriere zu
machen. Schließlich war er kein kleiner Polizist gewesen, sondern ein
hochqualifizierter Nachrichtenfachmann. Es schien ihm wirklich zu gelingen: Er
wurde erst Schichtleiter für die Nachtschicht, dann betraute man ihn mit der
Einsatzplanung.
Katias Zustand aber blieb unverändert, am Hinterkopf fielen ihr bereits die
Haare aus. Die Mädchen kauten ihre Fingernägel bis aufs Nagelbett ab, mit der
Ältesten mußten sie in die Klinik, weil in der Schule beim Turnen entdeckt
worden war, daß sie eine Gürtelrose hatte.
Eines Tages sagte Katia: »Entweder wir bekommen eine neue Wohnung, oder ich
bringe mich um!«
Grigori wußte, daß Katia es ernst meinte, sie hatte schon zwei
Selbstmordversuche hinter sich. Er ging zum Leiter des Wachschutzes und sagte:
»Ich brauche eine Wohnung und würde alles dafür tun.«
Der Mann zuckte mit den Achseln. »Ich kann Ihnen nicht helfen. Eine Lohnerhöhung
ist erst in zwei bis drei Jahren drin. Die Konkurrenz ist zu groß, mir sind die
Hände gebunden.«
Grigori tat etwas, was er sonst nie tat: Er betrank sich. Als er nach Hause kam,
weinte Katia und in den Augen der Mädel las er zum ersten Mal Angst vor dem
Vater. Grigori schlief seinen Rausch aus. Dann schickte er die Familie weg und
nahm den schweren Koffer vom Schrank. Unter alten Kleidern, die Katia aufbessern
wollte, lag seine verschließbare Briefmappe. Sie enthielt das Foto einer
Jugendfreundin, seinen abgelaufenen Geheimdienstausweis und eine Akte aus dem
Amt. Er hatte sie an seinem vorletzten Arbeitstag heimlich mit nach Hause
genommen. Er ging mit der Akte zum Jarowslawler Bahnhof und verschloß sie in
einem Schließfach. Den Schlüssel übergab er seinem Cousin Alexander, einem
arbeitslosen und verbitterten Mathematiklehrer, der kaum redete und sich nicht
um Grigoris Angelegenheiten kümmerte.
Dann rief Grigori im Büro des neuen Präsidenten Putin an. Er wußte, daß dort
ehemalige KGB-Leute beschäftigt waren, denen Putin eher vertraute als seinen
politischen Mitarbeitern. Der Mann, mit dem Grigori nach langem Hin und Her
verbunden wurde, konnte sich dunkel an Monsieur erinnern. Immerhin war er
bereit, den Anrufer anzuhören. Grigori bat den Mann, ihm eine Unterredung mit
Putins Stabschef zu vermitteln. Er sagte, er hätte Informationen, die für Rußland
wichtig wären. Grigori wußte, daß das sehr vage war. Aber mehr als ein paar
Andeutungen konnte er sich in dieser Phase noch nicht erlauben.
Der Ex-Kollege machte ihm deshalb auch wenig Hoffnung. Wenn überhaupt, so würde
es Wochen dauern, bis er im Kreml vorgelassen werden würde.
Der ehemalige Hauptmann des russischen Geheimdienstes nutzte die Zeit. Grigori
verbrachte jeden Tag etliche Stunden im ungeheizten Hauptlesesaal der neuen
Lomonosow Universität auf den Leninbergen, die die alten Leute längst wieder
Sperlingsberge nannten.
Der Pförtner des 31 Stockwerke hohen Hauptgebäudes wollte ihn zuerst nicht
hereinlassen, weil er nicht immatrikuliert war. Grigori hielt dem alten Mann mit
dem Parteiabzeichen an der zerschlissenen Jacke seinen abgelaufenen
Geheimdienstausweis unter die Nase. Der Pförtner salutierte und ließ ihn von
nun an ohne Kontrolle passieren.
Im allgemeinen Lesesaal im dritten Stock legte man schon nach wenigen Tagen alle
deutschen Tageszeitungen für ihn bereit. Die Bibliotheksangestellten hatten vom
Pförtner erfahren, daß es sich bei dem stillen Besucher um einen
Geheimdienstoffizier handelte. Man war im Leihdienst der Lomonosow Universität
stolz darauf, dem Staat behilflich sein zu können.
Grigori studierte jede Meldung, die etwas mit der Innenpolitik zu tun hatte. Das
Deutsch, das er während seiner Dienstzeit gelernt hatte, reichte aus, um den
Sinn der Nachrichten zu verstehen. Wenn es ernst wurde und er alle Details der
Meldungen brauchte, würde er seinen Cousin, den Mathematiker, um Hilfe bitten müssen,
der in Ostdeutschland seinen Militärdienst abgeleistet hatte.
Der Nachrichtenexperte Jalenko wußte, daß die Akte, die er im Jaroslawler
Bahnhof versteckt hatte, allein nichts wert war. Der Wert des Materials ergab
sich durch die Nachrichtenlage. Wenn diese günstig war, konnte Grigoris Akte
sich entwickeln. Darauf wartete er.
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