Die Exekution von Wolfgang Brenner, 2000, Eichborn

Wolfgang Brenner

aus: Die Exekution

Schmidt beneidete seinen Schwiegersohn Kuberek um die gelben Stiefeletten aus Wildleder. Stiefeletten hatte Schmidt als junger Mann auch gerne getragen. Es war der einzige Luxus gewesen, den er sich damals geleistet hatte. Schmidt beneidete Kuberek natürlich auch um Anna. Sie hatte die schönen, strengen Gesichtszüge der Mutter, sie war ebenso schlank, hochgewachsen und stolz, wie Margot gewesen war, als Schmidt sie kennengelernt hatte. Anna war auch ebenso intelligent wie ihre Mutter. Dennoch war sie auf Kuberek hereingefallen. Daß Kuberek nur zehn Jahre jünger war als er, störte Schmidt wenig. Es störte ihn, daß Kuberek genauso war wie er früher: ein Draufgänger und Großmaul. Schmidt war sich ziemlich sicher, daß Kuberek nebenher noch was laufen hatte - schließlich war er selbst einmal wie Kuberek gewesen. An seinem großen Tag trug Kuberek die gelben Stiefeletten und einen beigen Anzug aus Mailand. Er blies mit einer Heliumflasche rosa Luftballons auf, die er mit einem verlegenen Lächeln an die Kinder verteilte. Selbst darin glich Kuberek seinem Schwiegervater: Auch Schmidt war Kindern gegenüber verlegen.
Natürlich war Alberta One mit einem kleinen Nachrichtenteam vor Ort. Sie filmten Kuberek in seinem beigefarbenen Anzug, wie er Luftballons austeilte, auf denen in windschiefen Lettern ToOl TiMe MaRkeT stand.
Als die geistig zurückgebliebene Tochter des zweiten Bürgermeisters Joshua Green ihren Ballon aus Versehen losließ und er in den kanadischblauen Himmel hinaufschoß - Schmidts Schwiegersohn hatte sogar mit dem Wetter unverschämtes Glück -, da fuhr Kuberek das Mädchen an: »Paß doch auf, Idiot, jeder bekommt nur einen Ballon!«
Kuberek bemerkte sofort, daß er einen Fehler gemacht hatte. Er ging in die Knie, verzog das Gesicht zu einer Comicfratze und krächzte: »Nun rate mal, wer ich bin? Ich fresse am liebsten Erdnüsse und lebe in einem Baumhaus.«
Das Mädchen flüchtete sich heulend in die Arme seines Vaters. Coleen Serafino, die Chefreporterin von Alberta One, gab ihrem Team ein Zeichen. Der Kameramann nahm die Kamera von der Schulter. Sie beratschlagten. Dann ging Coleen - vor zwei Jahren noch hatte sie in den Schulferien bei Schmidt an der Kasse ausgeholfen - mit dem Mikrophon in der Hand zu Kuberek. Ihr Kameramann schulterte die Optik, stellte die Schärfe nach und folgte der Reporterin. Kuberek bellte, ohne die Frage abzuwarten, ins Mikro. »Alberta hat seit heute einen neuen Anziehungspunkt. Tool Time wird die Stadt verändern. Tool Time Market bedeutet Do it yourself nach professionellem Maßstab. Schluß mit der Flickschusterei. Schluß mit stundenlangem Suchen nach der richtigen Schraube. Tool Time hat alles: vom 1/4-Zoll-Nagel bis zum Kleintraktor. Und was das Beste ist: Tool Time ist günstig. Günstiger als all die kleinen Krauter, die unseren Heimwerkern seit Jahren das Geld aus der Tasche ziehen.« Das war Schmidts Stichwort. Er trat vor und schoß Kuberek zwischen die Augen.
Ein träger Tropfen Blut klatschte gegen Coleens Wange. Ihr Kameramann hielt erst auf den sterbenden Kuberek und dann, nachdem Colleen Serafino ihn am Ärmel gezogen hatte, auf Schmidt, der zu seinem Wagen rannte.
Hauptmann Grigori Jalenko hatte das Pech, zu den Offizieren zu gehören, die nach dem Ende der Präsidentschaft Jelzins aus dem Geheimdienst entfernt worden waren: wegen allzu offensichtlicher Sympathie für das Wahlbündnis des ehemaligen Präsidenten.
Jalenko - ein feingliedriger Mensch mit dünnen, schwarzen Haaren - trug ein altmodisches, französisches Bärtchen, das ihm unter KGB-Kollegen den Spitznamen Monsieur eingebracht hatte. Er war am -17. Oktober 1996, vier Monate nach Jelzins Wahlsieg über den Kommunistenführer Gennadij Sjuganow, in eine der Parteien eingetreten, die den Präsidenten unterstützten. Es war eine symbolische Handlung gewesen: Diese Parteien hatten wenig Macht, sie nannten sich pathetisch Rußlands Wahl, Unser Haus Rußland oder Demokratische Wahl und konnten während einer Duma-Legislatur ebensogut in die Bedeutungslosigkeit versinken wie zu einer wichtigen Kraft werden.
Anlaß für Jalenkos Schritt waren die öffentlichen Vorwürfe, die der damalige Innenminister Anatolij Kulikow an die Adresse von Jelzins Sicherheitsberater Lebed gerichtet hatte. Der Innenminister behauptete, Beweise dafür zu haben, daß der General mit den 50.000 Mann der ihm unterstellten Sondertruppen einen Putsch plante.
Jalenko wußte genau, was das bedeutete: Nach einem gelungenen Putsch wäre die Welt unweigerlich in den Kalten Krieg zurückgefallen. Das hätte das Ende aller Wirtschaftshilfen aus dem Westen bedeutet und damit das Ende eines einigermaßen zivilisierten Lebens in Jalenkos Heimatstadt Moskau.
Doch die Gefahr durch den machtlüsternen Lebed war nicht der einzige Grund für Jalenkos Parteieintritt. Grigori brauchte dringend eine neue Wohnung. Er hauste mit Katia und den vier Mädchen in einem Zimmer. Im Winter froren die Wasserrohre zu, im Sommer stank die Kloake, und man mußte den Kindern verbieten, die Toilette im Flur zu benutzen, weil sie sich dort mit widerlichen Krankheiten anstecken konnten.
Nach Jalenkos Parteieintritt hatte es genau sechs Wochen gedauert, dann kam der Bescheid, daß - noch rechtzeitig vor dem Wintereinbruch - eine Dienstwohnung nahe der Sodowaja-Kudrinskaja Uliza freigeworden war, nicht weit von der Kinderklinik No.13 Filatow, dem Planetarium, das Katia so liebte, und dem Zoologischen Garten.
Es handelte sich um drei helle, große Zimmer im zweiten Stock. Die Wohnung hatte eine Zentralheizung und ein kleines Bad mit einer Toilette. Die Jalenkos waren glücklich, die Töchter tanzten durch den Flur und drehten den zerschlissenen, braunen Winterschal des Vaters wie eine Blumengirlande. Grigori lief mit einem Korb voller Köstlichkeiten, die er vom letzten Geld der Schwiegermutter auf dem Schwarzmarkt erworben hatte, zu Alexander Schochin von Unser Haus Rußland, dem Parteifunktionär, dem er den Segen zu verdanken hatte.
Am 18.Dezember des Jahres 1997 zwang ein Moskauer Bezirksgericht Anatolij Kulikow, seine Putschvorwürfe gegen General Lebed zurückzunehmen. Sie hatten sich als völlig aus der Luft gegriffen erwiesen, eine Retourkutsche des Innenministers für die harschen Vorwürfe Lebeds: Der Held von Tschetschenien hatte behauptet, Kulikow habe durch seine aggressive Politik die vielen Toten des ersten Krieges zu verantworten. Da wußte Grigori Jalenko, daß er auf das falsche Pferd gesetzt hatte.
Als er nach Jelzins Ende den Dienst verlassen mußte, wurde ihm auch die schöne Wohnung in der Seitenstraße der Sodowaja-Kudrinskaja Uliza gekündigt. Sein Nachfolger benötigte sie - obwohl der nicht mal Kinder hatte.
Die Jalenkos zogen wieder zurück in ihre alte Gegend. Die neue Wohnung bestand nur noch aus zwei Zimmern und einem renovierungsbedürftigen Bad. Die Jalenkos mußten sie mit einer dreiköpfigen Familie aus Kasachstan teilen. Der mürrische Vater schlug die Kinder und tobte nachts. Katia wurde immer nervöser, sie weinte oft und schlief kaum noch.
Grigori Jalenko fand Arbeit bei einem privaten Wachschutz. Er fuhr nachts Patrouille und verdiente nicht einmal ein Drittel seines kargen Staatslohnes. Er ging wieder zu seinem Parteifunktionär, aber der konnte nichts mehr für ihn tun. Als Angehöriger des Geheimdienstes war Grigori für die Schochin-Leute wichtig gewesen. Jetzt aber war er ein unbedeutender Wachmann, und die Partei hatte nach Jelzins Abgang weder Wohnungen noch Posten zu vergeben.
Grigori biß die Zähne zusammen und versuchte, beim Wachschutz Karriere zu machen. Schließlich war er kein kleiner Polizist gewesen, sondern ein hochqualifizierter Nachrichtenfachmann. Es schien ihm wirklich zu gelingen: Er wurde erst Schichtleiter für die Nachtschicht, dann betraute man ihn mit der Einsatzplanung.
Katias Zustand aber blieb unverändert, am Hinterkopf fielen ihr bereits die Haare aus. Die Mädchen kauten ihre Fingernägel bis aufs Nagelbett ab, mit der Ältesten mußten sie in die Klinik, weil in der Schule beim Turnen entdeckt worden war, daß sie eine Gürtelrose hatte.
Eines Tages sagte Katia: »Entweder wir bekommen eine neue Wohnung, oder ich bringe mich um!«
Grigori wußte, daß Katia es ernst meinte, sie hatte schon zwei Selbstmordversuche hinter sich. Er ging zum Leiter des Wachschutzes und sagte: »Ich brauche eine Wohnung und würde alles dafür tun.«
Der Mann zuckte mit den Achseln. »Ich kann Ihnen nicht helfen. Eine Lohnerhöhung ist erst in zwei bis drei Jahren drin. Die Konkurrenz ist zu groß, mir sind die Hände gebunden.«
Grigori tat etwas, was er sonst nie tat: Er betrank sich. Als er nach Hause kam, weinte Katia und in den Augen der Mädel las er zum ersten Mal Angst vor dem Vater. Grigori schlief seinen Rausch aus. Dann schickte er die Familie weg und nahm den schweren Koffer vom Schrank. Unter alten Kleidern, die Katia aufbessern wollte, lag seine verschließbare Briefmappe. Sie enthielt das Foto einer Jugendfreundin, seinen abgelaufenen Geheimdienstausweis und eine Akte aus dem Amt. Er hatte sie an seinem vorletzten Arbeitstag heimlich mit nach Hause genommen. Er ging mit der Akte zum Jarowslawler Bahnhof und verschloß sie in einem Schließfach. Den Schlüssel übergab er seinem Cousin Alexander, einem arbeitslosen und verbitterten Mathematiklehrer, der kaum redete und sich nicht um Grigoris Angelegenheiten kümmerte.
Dann rief Grigori im Büro des neuen Präsidenten Putin an. Er wußte, daß dort ehemalige KGB-Leute beschäftigt waren, denen Putin eher vertraute als seinen politischen Mitarbeitern. Der Mann, mit dem Grigori nach langem Hin und Her verbunden wurde, konnte sich dunkel an Monsieur erinnern. Immerhin war er bereit, den Anrufer anzuhören. Grigori bat den Mann, ihm eine Unterredung mit Putins Stabschef zu vermitteln. Er sagte, er hätte Informationen, die für Rußland wichtig wären. Grigori wußte, daß das sehr vage war. Aber mehr als ein paar Andeutungen konnte er sich in dieser Phase noch nicht erlauben.
Der Ex-Kollege machte ihm deshalb auch wenig Hoffnung. Wenn überhaupt, so würde es Wochen dauern, bis er im Kreml vorgelassen werden würde.
Der ehemalige Hauptmann des russischen Geheimdienstes nutzte die Zeit. Grigori verbrachte jeden Tag etliche Stunden im ungeheizten Hauptlesesaal der neuen Lomonosow Universität auf den Leninbergen, die die alten Leute längst wieder Sperlingsberge nannten.
Der Pförtner des 31 Stockwerke hohen Hauptgebäudes wollte ihn zuerst nicht hereinlassen, weil er nicht immatrikuliert war. Grigori hielt dem alten Mann mit dem Parteiabzeichen an der zerschlissenen Jacke seinen abgelaufenen Geheimdienstausweis unter die Nase. Der Pförtner salutierte und ließ ihn von nun an ohne Kontrolle passieren.
Im allgemeinen Lesesaal im dritten Stock legte man schon nach wenigen Tagen alle deutschen Tageszeitungen für ihn bereit. Die Bibliotheksangestellten hatten vom Pförtner erfahren, daß es sich bei dem stillen Besucher um einen Geheimdienstoffizier handelte. Man war im Leihdienst der Lomonosow Universität stolz darauf, dem Staat behilflich sein zu können.
Grigori studierte jede Meldung, die etwas mit der Innenpolitik zu tun hatte. Das Deutsch, das er während seiner Dienstzeit gelernt hatte, reichte aus, um den Sinn der Nachrichten zu verstehen. Wenn es ernst wurde und er alle Details der Meldungen brauchte, würde er seinen Cousin, den Mathematiker, um Hilfe bitten müssen, der in Ostdeutschland seinen Militärdienst abgeleistet hatte.
Der Nachrichtenexperte Jalenko wußte, daß die Akte, die er im Jaroslawler Bahnhof versteckt hatte, allein nichts wert war. Der Wert des Materials ergab sich durch die Nachrichtenlage. Wenn diese günstig war, konnte Grigoris Akte sich entwickeln. Darauf wartete er.

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