Nach dem Schlussakkord von Alfred Brendel, 2010, Hanser

Alfred Brendel

Nach dem Schlussakkord
(Leseprobe aus: Nach dem Schlußakkord, Fragen und Anworten, Gedanken zu Leben und Kunst, Gespräch mit Martin Meyer, 2006, 2010, Hanser, mit einem Nachwort von Peter Hamm).

Sie sind ein überaus erfolgreicher Musiker. Doch einmal von

der anderen Seite her gefragt: Was wäre – im Rückblick auf

hypothetische Korrekturen Ihres Lebens als eines Künstlerlebens

– anders zu machen gewesen?

Ich kann mich nicht beklagen. Es ist ja erstaunlich gut gegangen.

Und statt mein Schicksal im Detail zu korrigieren, erfinde

ich jetzt Szenarien, die mein Leben in eine andere Richtung

gelenkt hätten.

Wenn ich Ihren schwarzen Humor in Rechnung stelle, versprächen

auch jene Szenarien keine allzu bürgerlich-friedliche

Ambience. Können Sie Beispiele nennen?

Erstens: Musikereltern. Kein Krieg, keine Erinnerung an

Nazis und Faschisten, an Hitler und Goebbels im Radio, an

Soldaten, Parteigenossen und Bomben. Sodann Klavierstunden

bei einem Neffen Rachmaninows in Amerika. Kompositionsstudium

bei Schönberg in Los Angeles. Filmmusiken für

Woody Allen.

Das klingt allerdings vielversprechend, und ich freue mich,

daß so wenigstens im spielerischen Konjunktiv eine gewisse

Nähe zu Rachmaninow zustande kommt. Aber noch Skurrileres

wäre wohl möglich.

Also gut: Künstlereltern. Vater Bildhauer und Tierausstopfer,

Mutter Tänzerin und Diseuse. Frühzeitig Zuträger von Fundgegenständen

für Joseph Cornell, dessen Assistent ich wurde.

Alle Cornell-Boxen, in denen Vögel oder Ballerinen vorkommen,

sind eigentlich von mir. Danach Drehbuch-Autor von

Buñuel-Filmen. Schöpfer des Grazer Dada-Mahnmals, bei

dessen Enthüllung sich der Bürgermeister verpflichtet hatte,

stets auch das Gegenteil zu sagen.

Das Gegenteil zu spielen wäre vermutlich wieder zu einer

Hommage für Rachmaninow geworden … Aber im Ernst:

mir ist Ihre Begeisterung für Dada, mit oder ohne Mahnmal,

nie ganz plausibel geworden. Maske, Rhetorik und die Schaubühne

des Kabaretts vertragen sich doch nicht mit dem Ernst

des Interpreten.

Wenn ich Beethoven spiele, bin ich kein Dadaist. Dennoch

wird selbst der seriöseste Musiker ohne eine Beziehung zu

Maske, Bühne und Rhetorik nicht auskommen. Dazu mein

drittes Szenario: Schauspielereltern. Mein Vater, der sachlichste

Hamlet seiner Generation, meine Mutter eine Tragödin,

deren Schreie als Messalina, der Charlotte Wolter nachempfunden,

gefürchtet waren. Als Kind zahlreiche Auftritte

am Burgtheater,

bevor ich zu den Wiener Kellerbühnen desertierte.

In der Wiener Premiere von »Warten auf Godot«

spielte ich abwechselnd Estragon und Vladimir, danach mit

überwältigendem Erfolg »Victor« von Vitrac. Charakterrollen

in Antonioni-Filmen neben Monica Vitti, die beinahe

meine dritte Frau wurde.

Letzteres hätte mich allerdings, wenigstens damals, neidisch

gemacht. – Doch zurück ins reale Leben. Welche Projekte beschäftigen

heute den Interpreten und Konzertsolisten?

Das, was ich schon kann, noch besser können. Die Mozart-

Sonaten weiterführen. Mit den nettesten Dirigenten und besten

Orchestern spielen. Die Konstitution eines 75jährigen in

Rechnung stellen. Architektur besichtigen, Museen und Ausstellungen

besuchen, also: mehr Zeit haben. Alte Filme

ansehen.

Große Literatur wiederlesen. Gedichte schreiben.

Vorträge

halten. Trotz des Zustandes der Welt versuchen,

glücklich und dankbar wenigstens auszusehen.

Wahrlich ein großes Pensum, doch – wie mir scheint – gut

balanciert zwischen Kontemplation und Vita activa. Der

75jährige wirkt freilich, wenn ich so sagen darf, überaus

rüstig.

Besteht da überhaupt die Notwendigkeit, sich Gedanken

zu einem möglichen »Spätstil« des Interpretierens zu

machen?

Gute Frage. Schon in jungen Jahren hatte ich den deutlichen

Eindruck, der sogenannte Altersstil sei ein Kompromiß mit

der Arthritis. Für Arthritis setze man Gelenkschäden, Muskel-

und Nervenentzündungen und was sich sonst noch an

Leiden ansammelt: Ein Musiker, der sich nach siebzig seinen

natürlichen Schwung bewahrt hat, ist also selten.

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