Falsche Fragen von Kirsten Breitenfellner, 2007, Skarabaeus-Verlag

Kirstin Breitenfellner

Falsche Fragen
(Leseprobe aus: Falsche Fragen, Roman, 2007, Skarabaeus)

Die Straßenbahn donnerte unter die Erde. Maya nutzte die Gelegenheit, die Haube zu überprüfen. Sie gefiel sich unter dem glänzenden Stoff, der sachte auf der Stirn aufsetzte und ihr Gesicht zur Geltung brachte. Durch die kunstvolle Kniffung am Hinterkopf trat dieser schmeichelhaft vor. Maya hatte ihren Hinterkopf immer zu flach gefunden, wenn sie sich mit einem zweiten Spiegel von der Seite betrachtet hatte.
Das war jetzt vorbei. Manchmal, wenn sie eine namenlose, aber wohlbekannte Traurigkeit überkam, ein Gefühl aus Kindertagen, nahm Maya den kleinen Spiegel, ging ins Bad und überlegte, ob es ihr eines Tages gelingen würde, ein Selbstporträt von der Seite zu machen, mit dem Fotoapparat oder ihren geliebten Pastellkreiden. Ein Bild wie das von Vermeer, die Frau mit dem Turban.
Die Haube hielt alle Energien zusammen. Und natürlich verlieh sie einer Frau Würde. Sie bedeutete, dass man verantwortungsvoll mit seiner Sexualität umging und sie nicht wie hier und heute entweder verleugnete oder zwanghaft zur Schau stellte. Die alten Holländerinnen hatten die Haube, diese Auszeichnung, auch erst tragen dürfen, wenn sie verheiratet waren. Oder einem bestimmten Stand angehörten.
Maya war an dem Tag, als sie die Haube zum ersten Mal auf der Straße getragen hatte, auf dem Fahrrad gesessen wie eine Königin. Wie eine schnell strampelnde, übermütige Prinzessin. Fort von der Stimme, die sagte: Es ist peinlich. Jetzt weiß es jeder. Sie sollten es ja gerade wissen! Maya war bereit, sich zu offenbaren. Aber dass sie jeder darauf ansprechen musste, war ihr dann doch auf die Nerven gegangen.
Diese mitleidigen Blicke. Diese Ich-würde-dich-gern-retten-Gesichter von feisten alten Damen, die mit feisten alten Despoten verheiratet waren, von denen sie im Bett nicht befriedigt wurden, nicht einmal, als sie noch jung waren. Sie dachten, dass Maya unterdrückt sei von ihrem Ehemann, verführt von einer grausamen Sekte. Was wussten die, mit ihrer heruntergekommenen Restreligion, ihrer Scheinmoral. Die waren noch schlimmer als Teresa und Didi, die wenigstens nicht vorgaben, etwas zu sein, was sie nicht waren, die nicht so taten, als ob sie die Wahrheit mit Löffeln gefressen hätten.

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