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Falsche Fragen
(Leseprobe aus: Falsche Fragen, Roman, 2007, Skarabaeus)
Die Straßenbahn donnerte unter die
Erde. Maya nutzte die Gelegenheit, die Haube zu überprüfen. Sie gefiel sich
unter dem glänzenden Stoff, der sachte auf der Stirn aufsetzte und ihr Gesicht
zur Geltung brachte. Durch die kunstvolle Kniffung am Hinterkopf trat dieser
schmeichelhaft vor. Maya hatte ihren Hinterkopf immer zu flach gefunden, wenn
sie sich mit einem zweiten Spiegel von der Seite betrachtet hatte.
Das war jetzt vorbei. Manchmal, wenn sie eine namenlose, aber wohlbekannte
Traurigkeit überkam, ein Gefühl aus Kindertagen, nahm Maya den kleinen
Spiegel, ging ins Bad und überlegte, ob es ihr eines Tages gelingen würde, ein
Selbstporträt von der Seite zu machen, mit dem Fotoapparat oder ihren geliebten
Pastellkreiden. Ein Bild wie das von Vermeer, die Frau mit dem Turban.
Die Haube hielt alle Energien zusammen. Und natürlich verlieh sie einer Frau Würde.
Sie bedeutete, dass man verantwortungsvoll mit seiner Sexualität umging und sie
nicht wie hier und heute entweder verleugnete oder zwanghaft zur Schau stellte.
Die alten Holländerinnen hatten die Haube, diese Auszeichnung, auch erst tragen
dürfen, wenn sie verheiratet waren. Oder einem bestimmten Stand angehörten.
Maya war an dem Tag, als sie die Haube zum ersten Mal auf der Straße getragen
hatte, auf dem Fahrrad gesessen wie eine Königin. Wie eine schnell strampelnde,
übermütige Prinzessin. Fort von der Stimme, die sagte: Es ist peinlich. Jetzt
weiß es jeder. Sie sollten es ja gerade wissen! Maya war bereit, sich zu
offenbaren. Aber dass sie jeder darauf ansprechen musste, war ihr dann doch auf
die Nerven gegangen.
Diese mitleidigen Blicke. Diese Ich-würde-dich-gern-retten-Gesichter von
feisten alten Damen, die mit feisten alten Despoten verheiratet waren, von denen
sie im Bett nicht befriedigt wurden, nicht einmal, als sie noch jung waren. Sie
dachten, dass Maya unterdrückt sei von ihrem Ehemann, verführt von einer
grausamen Sekte. Was wussten die, mit ihrer heruntergekommenen Restreligion,
ihrer Scheinmoral. Die waren noch schlimmer als Teresa und Didi, die wenigstens
nicht vorgaben, etwas zu sein, was sie nicht waren, die nicht so taten, als ob
sie die Wahrheit mit Löffeln gefressen hätten.
Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © K.B./Skarabaeus