Rosenraupe
(Leseprobe aus: Interferenzen, Erzählungen,
Kurz- und Noch-Kürzer-Geschichten, 2008, Kitab-Verlag).
Hören Sie haarscharf zu und tippen Sie anschließend den Buchstaben in das bunte Kästchen: Großes s, kleines o, kleines f, kleines a. Drücken Sie dann auf „Enter“. Gleich werden Sie erfahren, ob Sie es richtig gemacht haben. Toi, toi, toi.
Herr Aadih möchte den Computer noch nicht abschalten, verzichtet auf die erste Pause. Erst, wenn das Wort am Ende angelangt ist. Erst, wenn das Hakerl am Rand anzeigt, dass da ein Wort steht, dass das Wort stimmt.
Sie wollen lernen, Mitteilungen von Freunden und Bekannten zu verstehen. Stimmt das? Sie wollen Briefe lesen, begreifen können. Wählen Sie ein Maskottchen, das führt Sie durch Übungen, wählen Sie eine Stimme.
Vielleicht beginnt der Tag mit Wind, Regen und einer Winterjacke im Hochsommer. Du würdest dich gern im Bett wälzen und nichts wissen wollen von dir und der Welt. Nach und nach jaulen dir Jahre um die Ohren, mit einer Geschwindigkeit, die du dir nicht glaubst. Dass du weißt, dies habe damit zu tun, dass sich mittlerweile ein Konvolut an Erfahrungen, in der Regel einander durchwegs sehr ähnlich, angesammelt hat, ändert nichts. Davon, dass das nichts ändert, willst du nichts wissen. Du mäanderst durch staubige Stundenpläne, hältst nach ihm Ausschau, der nicht kommt. Anstatt am Abend auszugehen, sitzt du neuerdings zuhause, mit einem Weinglas voll Bier auf dem Glastisch, löst Sudokus und hörst Kulturradio. Sobald es im Kopf drückt, hast du Gehirntumor, mindestens. Deine Freunde haben gleichsam gleichzeitig aufgehört, zu wissen, wie man Abende arrangiert, pokern mit ihren jeweiligen Partnern daheim. Übers Telefon enträtselt ihr manche Quadrate schneller, deckt Karten auf. Dieser Sommer ist ein Ende, sagst du dir und heulst Taschentücher voll, die du nachher wieder ausbreitest, mit kleinen Kreisen versiehst, mit schwarzer Tusche.
Heute kann dir, Olga, keine Welt nichts anhaben. Morgen gehen die Dinge ihren gewohnten Gang, schlafen vor Hauseingängen und unter Pflastersteinen, wo kein Strand liegt, das weißt du schon. Gerne würdest du lesen, schreiben, lesen, während du dich anziehst, ein Schluck Kaffee und zwei Bissen Brot im Badezimmer, du spuckst aus, trocknest dich ab. Sieben Stunden, sagst du dir vor, Tage mit Struktur, Substanz. Solltest nicht stur sein, nicht so süffisant. Wieviele wären froh, wenn. Danke, Mama, danke, Papa, esse auf, alles auf.
Ganz in weiß, summt er, mit einem Blumenstrauß. Du unterbrichst ihn: Herr Aadih, wenn Sie die Buchstaben kennenlernen wollen, müssen Sie sich konzentrieren. Mein Großvater könnte er sein. Woher kennen Sie dieses Lied, aus der Kabylei wohl kaum. Eruiere Lebenslauflogiken, erwarte eine Litanei. Loyal ist er, nimmt alles hin, sogar E-Learning. Von ehedem erfahre ich nichts, seit dreißig Jahren sei er in Wien, zuvor in einem Pariser Vorort gewesen. Wieso, weswegen, wie kam das, beuge mich vor, lauernd. Er zuckt die Achseln, zaudernd. Etwas leckt, läuft aus. Wer bin ich, Sommersupplierkraft, auf Suche, nach Schrammen, Schneisen, Schnörkeln. Stets suppliere ich, seit neuestem auch mich, mein Leben.
Mein Juli, mein August, ihre Tage sind gezählt, auf Stiege sieben, suhle mich in Selbstmitleid, für sechzehn Euro die Stunde, kann nicht anders. Laufe von Person zu Person, lege CD-ROMs ein, erkläre Programme, Rechtschreibregeln, erstelle Übungen. Zwei, drei ehrgeizige sind jedesmal dabei, rufen jede Minute, Herr Eifrig heute, schreibt man „gefräßig“ mit scharfem s, „Insassen“, „beißen“? Ja und nein und ja und Diphtong und kurzer Vokal, langes Verkümmern hinter gedehntem. Hinter den Konsonanten kraule ich Richtung Himmel, ohne Sonnenschutzcreme, krache zu Boden. Könntest zufrieden, müsstest glücklich sein. Danke, Partner, danke, Freund, schon zapple ich weiter, auf dem Drehstuhl vor meinem Schreibtisch. Erhobener Arm von links, wovon sich „Kreißsaal“ ableite? Herr Eifrig, feine Frage, hören Sie zu. Herr Aadih hört Buchstaben, streicht über die Tastatur, macht halt, schaut auf. Fast klopfe ich ihm die Schulter.
Hören Sie: das a, das e, das ä. Hören Sie den Regen peitschen, weiße Splitter auf Asphalt, die ineinanderzischen. Merken Sie, wie müde ich werde, wie wenig fehlt, um nicht nur den Tag zu beenden. Wie wenig überhaupt bleibt. Achten Sie auf in Hüften gestemmte Hände, die gleich darauf das Langarmleiberl über den Hosenbund zupfen. Nehmen Sie das „ja, gut gemacht“ und „und jetzt ziehen Sie mit der Maus nach links und drücken hier“ und „nein, das ist ein w, hören Sie, kein m“ als das, was es auch ist, nachdem die Spuren verwischt sein werden. Sehe ich durch das Glas, stürzt eine Schwalbe den Schornstein hinab, gleich gegenüber. Das wieder glaubt mir, Olga, niemand.
Am Balkon sich unter Gewitterwolken brav biegendes Kind. Kind, das sich einbildet, es könne bis Schuljahresschluss lernen, die Schwalben und Spatzen zu dirigieren. Mädchen, das davon träumt, seinen Eltern eine Show zu bieten, eine Zirkusvorstellung wilder Vogelschwärme, über ihren Gesten handzahm geworden. Mittels starker Willenskraft, einem Zaubergeräusch würde sie es schaffen. Im Bett sich unter Tuchenthimmel konvex krümmende Frau. Frau, die sich nichts mehr einbildet, nichts im Juli, nichts im August. Ein Uhr nachts Schlafenszeit, sechs Uhr morgens Radiowecker, das Leben ist ein, du schließt die Lider, gibst die Losung aus, für heute, morgen. Kann schon sein, dass andere können, du ahnst Alltag seit langem, ahndest ihn, rau rundet er dich auf, ab. Gefällst dir nicht, nach Schublade und Stundenplan, Strich und Faden.
Auf der Decke im Garten, in erster Pause, zweiter, starrst du, Olga, aufs Gras und wirst ein Wurm, ein Käfer, ein kosmischer Kreisel. Drehst auf Erdkrusten zu, kletterst zwischen den Halmen zu dir herauf, erkennst dich nicht, erkennst dich doch.
Herr Aadih, braungebrannt, sechzig Jahre alt, fünfundfünfzig. Ihm fehlen: 2 Schneidezähne, 4 Eckzähne, 14 Buchstaben. Nie absolvierte er: eine Schule, einen Schönheitstag. Nun sitzt er Tage ab im E-Learning-Kurs, soll Neue Deutsche Rechtschreibung trainieren, möglichst selbständig. Das Problem ist: dass er den Computer nicht einschalten kann, nicht lesen, nicht schreiben, mich schlecht verstehen. Hoch lebe das AMS, dreimal hoch.
In der Pause treffen wir uns, in peitschendem Regen, vor der Stiege sieben, er schwebt auf Wolken, ich falle aus allen heraus. Wir sind die einzigen, die es vorziehen, draußen zu rauchen, beim Dachvorsprung. Streckt man die Nase ein Stück voraus, ist der ganze Körper nass. Herr Aadih erzählt mir, gestern wäre sein Enkel geboren worden, sein dritter. Er plaudert mitunter ohne Prädikat, stellt es als Nennform vor mich hin, reicht mir das Subjekt nach. Ich greife danach, verstehe ihn, seine Freude, stell mir vor, ein Satz ergebe den nächsten, leite über. Noch kommen Wörter wie Sohn, Vater vor, kein Heiliger Geist, auch keine Schwiegertochter. Noch ist die Rede von Fest, Familie, was hat hier Tod verloren, was Tumor.
Frage bleibt mir im Hals stecken, Zigarette an der Unterlippe kleben, was zur Hölle, um Gottes Willen, tun Sie hier? Ein Jahr noch maximal, wie kann man sich für Buchstaben interessieren, Stimmen aus dem Kopfhörer, mit deutschem Akzent. Das AMS kann, könnte Sie mal. Für die, die bald tot sind, kein E-Learning. Herr Aadih stottert, spricht. Es fehlt ihm außerdem ein Fingerstück, an der rechten Hand, mir der Flaum von früher. Die Flecken meiner Kindheit, die blinden, das Vorwort, das eingreift, aufmacht, weit, das Vorspiel, das bleibt, selbstvergessen, seinetwegen. Flicke mir mein Leben, füge Wörter zusammen, koordiniere sie neu, zu Aussagen. Vielleicht wären es Fragen gewesen, hätten bessere Figur gemacht. Kein Vorwand mehr, keine Silbe über dem Sims, wo die Schwalbe weder sitzt noch sich dirigieren lässt. Ich hocke in einem Verschlag, kommt mir vor, verbrauche meine Zeit, verliere Juli, August, Jahr für Jahr, für Jahr. Herr Aadih lässt mir die Wahl. Er möchte schreiben lernen, ein wenig. Wozu denn, will ich fragen, wringe mich aus, mit dem Regen um die Wette.
Mein Juli, mein August: Neue Deutsche Rechtschreibung, Sudoku, pro Woche einmal schwimmen gehen, einmal Gnocchi im Gastgarten, zweimal vögeln, Samstag, Sonntag Ausflug in Wälder, Berge. Will mich einmummen, die Stunden schützen. Ticke nicht richtig, tausche mich gegen Testbild, ich ganz woanders. Töricht vielleicht, taub für Töne, bestimmte, blind für den Blick, den richtigen. Alles an mir Wackelkontakt.
Gut gemacht, Sie können „Sofa“ schreiben, „Haus“ und „Tisch“. Wählen Sie nun je eines der Wörter von links und rechts, setzen Sie beide zusammen. Erfinden Sie ein neues, Ihr eigenes.
Erhobener Arm oder Pfeifen oder Fingerschnippen, wie sehr er sich freut. Ich gehe hin, ein und aus in meinem Kopf, lese „Rosenraupe“, reibe ihm den Rücken, in Gedanken. Herr Aadih lacht, leiert das Wort, zieht es in Längen, stolz in einen Sog, als könnte er darüber verfügen, noch. Statt als Wurm oder Käfer werde ich als Rosenraupe Erdhügel hinunter rollen, Blätterbögen entlangkrabbeln, der AMS-Garten meine Wildnis, ein Schlosspark, am nächstbesten sonnigen Morgen, zur Mittagspause. Breite die Decke aus, über meinen Unzufriedenheiten, will mir ein Beispiel nehmen, sie brechen durch, die Biester. Weiß schon, Mama, Papa, reiß mich zusammen, mach die Aufgaben, vor dem Spielen.
Du, Olga, fängst dich nicht in diesem Sommer, zwischen Sudoku und S-Schreibung gehen dir Dinge zugrunde, die kleinen, großen, die laufen sollen, die Sinne, der Sinn. Suchst Schwalben nur, um sie stürzen zu sehen, das siehst du ein. Du siehst dich vor und scheitern, an Silben vorbei. Herrn Aadih fehlen nicht nur Zähne, selbst die Lücke im Leben, die lädt, ein, aus, die Gäste für später. Ein Herbst noch, ein Winter, wenn der Tumor hält, was er verspricht. Herr Eifrig interveniert, mit Fingerübungen: „Flegeljahre“, seit wann, woher, warum nicht anders, was Synonyme seien, graduelle Antonyme. Heiß, kalt, kollidierst du, mit Kennzeichen, auf seine Fragen geheftet, dazwischen ich, Olga, lau, launisch, lebensmüde, nichts weiter. Deine Etymologien eskalieren, in jeder Reihe, Zeile bloß eine Ziffer, in jedem Raum, vorgegeben. Vielleicht schlägst du nach oder auf ihn ein, vielleicht beginnt der nächste Tag mit Wind, Regen und einer Winterjacke, vielleicht höhlt dich Hitze aus, vielleicht zählen sich die Tage wieder, nach Juli, August.
Rezension I Buchbestellung I home 0I09 LYRIKwelt © I.B.