Isabella Breier

101 Käfer in der Schachtel. Ihr Verschwinden in Bildern
(Leseprobe aus: 101 Käfer in der Schachtel. Ihr Verschwinden in Bildern. Eine fragmentarische Liebesgeschichte, Kitab Verlag 2007)

Der Ort des Verschwindens ist ein Moment, ist keiner,
zerfällt in viele, senkt sich in eine Welt vor mir,
die Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, und
streckt sich weit aus, tastet an mir vorbei.
Atmosphärisch dicht fühlt sich die Leere an, und die
Leere ist doch nur ein Wort, sagen sie. Dahinter gibt
es mich gar nicht, löst sich alles in einer Stille,
von der du glaubst, dass ich sie nicht kenne, weil sie
deinem Bild von mir nicht entspricht. Du bist die, die
stark ist und der es gut geht, entnehme ich diesem
Blick, das stimmt schon, denke ich, und gleichzeitig
gibt es manchmal aber diese Stille, von der ich weiß.
Im Schlaf Zuflucht suchen, abgewiesen werden,
angenommen. Weniger ist mehr, höre ich und höre nicht
auf, mich zu sehr im Detail zu verfangen, minutiös zu
erinnern, penibel zu skizzieren, jedes Räuspern krallt
sich im Kopf fest, jedes Nicken, das man genausogut
entbehren könnte. Statt dessen: man muss auf Distanz
achten, das Geschehene, Geträumte, Erfundene
ausziehen, bevor man ins Bett geht, die Auszüge
straffen. Man kennt diese Phrasen, die ewigen
Anleitungen. Mittlerweile dürfe man sich nicht mehr in
solcher Manier mitzuteilen suchen, solle man wieder,
müsse man. Zu abgehoben, denke ich, zu bodenständig,
zu oberflächlich, tiefgreifend, zu einfach,
kompliziert, finde ich, Einwände, ein Limbus, eine
Höhle in der anderen. Am Rand meiner eigenen
Lesbarkeit gehorche ich mir nicht mehr, pfeif drauf
und spitze die Lippen. Leider, sag ich mir, zum Glück:
statt dezent knusprigen Käfern mit Schönheitsfleck
klapprige und dicke, aufgesetzt und unförmig, noch
nicht mal fähig, sich ein Beinchen vor den Mund zu
halten, wenn sie sich gegenseitig anöden, herzhaft
gähnen. Ich weiß, ich wüsste es besser, hätte ich den
Faden nicht längst verloren.

(...)

Im ersten Jahr, die Gegensätzlichkeit wie eine
klaffende Wunde, hinter der Euphorie, ein paar Minuten
weiter, eine Berührung entfernt sitzt eigentlich
Angst, bewegt sich nicht, greift nicht über, geht
nicht fort, bleibt da und beobachtet uns stur. „Liebe
ist kein Gefühl, sondern ein symbolisch
generalisiertes Kommunikationsmedium, mit dem intime
Beziehungen vermittelt und geregelt werden" , lese ich
vor, mit vorwurfsvollem Ton in meiner Stimme. „Und
wenn schon", antwortet Sajid gelangweilt. „Was heißt
bitte „und wenn schon"", äffe ich ihn ungeduldig nach,
„zunächst entwickelt sich ein Code, dem sich
Empfindungen einschreiben, nichts weiter, ja?" „Von
mir aus", sagt Sajid. Ich frage ihn, was seine nach
welchen Maßstäben auch immer allerliebste, historische
oder literarische Liebesgeschichte sei. Als er den
Kopf zur Seite neigt, fordere ich ihn auf, sofort zu
antworten, aus dem Stegreif, ohne nachzudenken. Er
nennt Natalja Sedowa und Leon Trotzki, nickt mir
eifrig, seine spontane Wahl mit einem geschäftigen
Gesichtsausdruck stolz bekräftigend zu. „Was diese
beiden gemeinsam ertragen, wie sie kooperiert haben,
nichts war Selbstzweck, eine formvollendete Ehe",
meint er, gerät fast ins Schwärmen. Ich bringe seine
Affäre mit Frida ins Spiel, er zuckt nur die Achseln.
„Peanuts", wendet er ein, „und die schönste deiner
Meinung nach? Lass mich raten: das anonyme Urknäuel,
von den Göttern in zwei Wesen aufgespalten?" Ich
schüttle den Kopf, beiße mir auf die Lippen. „Zwar
nicht die schönste, aber eine sehr traurige, Héloise
und Pierre Abaelard, das ist wahrlich zum
Taschentücherauspacken." Wir erklären einander, warum
wir welche Geschichten bevorzugen, wieso wir diese
präferieren und jene vernachlässigen, weswegen wir
welchen Merkmalen besondere Aufmerksamkeit zuteil
werden lassen. Sajid behauptet, dass jede Liebe immer
tragisch sein müsse, um vor mir zu bestehen, ich halte
ihm vor, dass Leons und Nataljas ja auch nicht gerade
ein Sonntagsspaziergang gewesen sei. Man könne das
nicht vergleichen, erwidert er, weil hier die Tragik
von außen komme, durch die politischen Umstände
gewaltsam über sie hereinbreche. Ich gebe zu, dass er
in der Frage ihrer konkreten Entwicklung Recht habe,
wiewohl auch in Héloises und Pierres Fall die
Intensität sich, zumindest in den literarischen
Bearbeitungen, erst über die gesellschaftlichen
Schranken generiere, das Pathos sich durch die Normen
mitbegründe, die ihrer Liaison im Wege stehen. Die
Kastration sei der erste offenkundige Höhepunkt,
konstatiere ich. Das sehe mir ähnlich, murrt er. „Der
gnadenlosen Gewalt der Bedingungen, der Hilflosigkeit
beider, des Scheiterns, des unerfüllten Begehrens",
füge ich hinzu, „ein katastrophales Missverständnis
als Anlass des Überfalls." Sajid massiert sich den
Nacken, malt sich mit dem Zeigefinger kleine
unsichtbare Kreise auf die Brust. Er könne Fulberts
Verdacht, Pierre wolle sich seiner ehelichen Pflichten
entledigen, indem er Héloise als Nonne im Kloster
Argenteuil unterbrachte, bestens begreifen, er als
Beschützer wie Onkel Héloises hätte seinerzeit wohl
ähnliche Vermutungen gehegt, wobei dies natürlich die
angeordnete Verstümmelung in keinster Weise
rechtfertige. Außerdem sei ihm dieser Abaelard
persönlich unsympathisch, und er verstehe beim besten
Willen nicht, was ich an dem finde. Und ich solle doch
mal bedenken, wie er sich seiner viel großzügigeren,
verständigeren Geliebten gegenüber verhielt, wie
egoistisch, wie kleinmütig, wie feig. Er hätte sich
doch nur unter der Bedingung absoluter Geheimhaltung
mit ihr vermählen wollen. Nichts liege mir ferner, als
Abaelard zu verteidigen, erläutere ich, es gehe mir um
die Geschichte, nicht primär um die Charaktere als
historische Figuren, es sei allerdings nicht zu
vergessen, dass auch Héloise immer die Reputation
Pierres im Auge behalten hatte, allen mir bekannten
Quellen zufolge dezidiert gegen die Eheschließung
urgierte. Im übrigen hätte Fulbert, dieser Lügner,
versprochen, die Hochzeit geheimzuhalten. Was er denn
tun hätte sollen, widerspricht Sajid, seine Nichte mit
ihrem Sohn, unehelich, das müsse man sich vorstellen,
und Abaelard hätte doch sonst nie eingewilligt.
„Fulbert ist das Schwein in der Partie", insistiere
ich, „nimm das bitte zur Kenntnis." „Ich mag diesen
Abaelard nicht, ich kann mir nicht helfen." Er kratzt
sich am Hals. Seine Schriften seien nicht unspannend,
räume ich ein, und seine Position im
Universalienstreit. Das interessiere ihn nicht,
unterbricht mich Sajid. Ich massiere meinen Nacken.
„Wann hast du eigentlich beschlossen, dass dich
philosophische Texte, Probleme und dergleichen nicht
interessieren? Das passt nicht zu dir." Der Vorwurf
stimme nicht, die Frage gehe ins Leere, er
interessiere sich durchaus, solang es irgendeine
praktische, politische Relevanz gebe. Mittelalterliche
Scholastik oder Luhmanns Liebesanalysen könnten ihm
allerdings gestohlen bleiben. Ich will ihm ins Wort
fallen, der Widerspruch bleibt mir im Hals stecken.
Davon wisse er nichts, davon wolle er nichts wissen.
Er könne sich nicht um alles kümmern, sich nicht mit
jedem dahergelaufenen Satz dieser Welt beschäftigen.
Ich versuche, zu beschwichtigen, starre an die Wand.
Sollten wir uns nicht klar machen, dass es an den
Kriterien liegt, die unsere unterschiedlichen
Geschmäcker stützen. Oder umgekehrt, entgegnet Sajid.
Hinter den Geschmack müsse man kommen, darauf einigen
wir uns. Mir sei ja auch Medea von allen weiblichen
Personen, Göttinnen und Halbgöttinnen der griechischen
Mythologie die liebste, erinnert er sich unvermittelt.
„Als du mir das erzähltest, dachte ich anfangs, du
wolltest mich nur erschrecken oder dich in Szene
setzen. Mittlerweile weiß ich, dass du es allem
Anschein nach ernst meinst." „Womit, was", frage ich.
„Wie kannst du nur diese völlig Verrückte einer Athene
vorziehen, Themis und Pyrrha, einer Kassandra? Arachne
oder Artemis, diese zwei würden zu dir passen, sie
ließe ich mir einreden." „Komm mir nicht mit Artemis",
sage ich. Wir kommen vom Thema ab, Tag für Tag. 

(2006)

Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © I.B.