vom absägen der berge von Beat Brechbühl, 2001, Nagel & KimcheBeat Brechbühl

Jede Nacht und nächste Stunden
(Leserprobe aus: vom absägen der berge, 2001, Nagel & Kimche)

Jede Nacht träume ich vom Meer.
Wie ein stummes Gewitter
schwemmt es bei Basel herein, und
in St. Gallen, auch bei Genf. Es überzieht
den bergigen Hühnerhof mit
Delphinen, Schiffen und weiter, trügerischer Ruh.

Schade, dass ich die Alpen [sowie die Kirchtürme]
- wie dies in meiner Jugend dringend war: -
nicht bodennah flach abgesägt habe. Nun
gibt es keine Freie Sicht aufs Mittelmeer,
dafür aber die Wolke, von der aus
der Gast betrachtet werden kann.
(Dort drüben war Zürich, das Klischee, mit Leuten drin,
dort unten war Bern, das Cliché, mit Leuten drin,
hier schwimmt der Bodensee, von ums Eckchen
winkt das Matterhorn, es kann nichts dafür,
und überall hüpfen die letzten Hasen der Menschheit
auf dem prächtigen Meerwasser; sie lassen ihre Haare kurz schneiden,
sie wollen raus
aus dem Reservat, hinaus zum baden,
hinein ins mare nostrum, hinfort
zur unbestimmten Freiheit.)
Jede Nacht träume ich vom
Meer.
Im Morgengrauen verlässt mich
die warme, zufriedene Frau.
Dann schlag ich mir
die ganzen Tage meine Stirn wund
an den einheimischen Mauern
aus schwach bunten geschäftigen kleinen Karrees.

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