Der Leser
(Leseprobe aus: Gedichte, 1909, Haupt &
Hammon)
Sag: ist das nicht ein wunderliches
Leid:
um fremde Menschen trauern, die nicht leben,
und über Dinge, die sich nie begeben,
voll Sehnsucht träumen in der Einsamkeit?
Geheimnis, dessen Sinn ich nie
verstand:
sich über Worte atemlos zu neigen
und zu vernehmen in gespanntem Schweigen,
was einer dachte, träumte und empfand.
Wenn dann die letzte Zeile still
verrinnt,
sich weit zurück im weichen Sessel lehnen,
die Arme breiten, lächeln unter Tränen
und wieder müßig blättern wie ein Kind.
Und stundenlang wie tief im Nebel
gehn
und Verse summen, die wie Glocken läuten,
die tiefstes Glück und tiefstes Leid bedeuten
und dennoch langsam in den Wind verweh'n.
Rezension I Buchbestellung I home 0I05 LYRIKwelt © T.P.