Aus dem Sinn von Emma Braslavsky, 2007, Claassen

Emma Braslavsky

Aus dem Sinn
(Leseprobe aus: Aus dem Sinn, Roman, 2007, Claassen)

»Ende der Fahnenstange?«, heißt es in der Stadtzeitung,
auf Seite zwei unten, weil die vierhundertzweiundsiebzig
Jahre alte Domglocke wieder aus heiterem Himmel
zum Stillstand gekommen ist und seit Monaten
nicht mehr läutet, weil die amtlich gewartete, schon siebenhundertneunundneunzig
Jahre alte Domuhr seit
gestern zerstört, da explodiert ist, und die ebenso alten,
echt römischen, hauchdünnen Goldziffern verbogen
und angesengt auf dem Bordstein liegen. Dass die Sieben
nicht auffindbar ist, wird nur erwähnt und im Weiteren
offengelassen. Schon den ganzen Tag sind Bürger
auf der Suche nach ihr. Die Katholische Gemeinde hat
auf das Fundstück eine hohe Geldbelohnung ausgesetzt.
Dem Pfarrer stehen heute Morgen die Tränen in den
Augen, als er es vor der Presse ein »Werk des Teufels«
nennt.
Na ja, sagt grinsend nur dazu der frisch eingesetzte
Oberbürgermeister Scheinpflug.
Darüber kann der Pfarrer bloß lachen, als er im Anschluss
an die Pressekonferenz gegenüber einem Journalisten
meint, dass das »ja wieder so typisch einfältig«
sei! Gerade weil es die Sieben sei, könne es nur Satans
Werk sein.

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