Alles Zirkus von Lars Brandt, 2012, Hanser

Lars Brandt

Alles Zirkus
(Leseporbe aus: Alles Zirkus, Roman, 2012, Hanser).

Die Rakete

Leben in der Wand, oder was? Wühlt sich da etwa ein Tier

durch die Mauer? Hinter der Tapete raschelt es um die beiden

sinnlosen Nagellöcher herum. Jetzt zwischen den

Steinen ein Rauschen. Man sieht so einer Wand ja nicht an,

was sich in ihr eigentlich abspielt. Auf der anderen Seite

steht Trixis Mann. Wie an jedem Morgen ist Walter als erster

im Bad. Er besitzt die irritierende Angewohnheit,

mit dem Wasserhahn so umzugehen, dass es überall klappert

und jault, sie fragt sich, auf welche Weise er das anstellt.

Wenn sie sich im Badezimmer aufhält, klebt der

Spiegel geräuschlos auf den Kacheln.

Falls sie mit Walter frühstücken will, muss sie jetzt langsam

aufstehen. Beim Gang in die Küche hört sie ihn das

Rasiermesser auf dem Streichriemen abziehen. Zu Hause

in Südtirol ließen sich manche Bauern, die zum Markt in

die Stadt kamen, vom Friseur rasieren, und der schärfte

sein Messer auf dieselbe Weise, nur leiser. Stefta sagen die

Leute im Gadertal zu Nägeln, oder agut, wenn es sich um

lange Eisennägel handelt. So viel hat sie behalten. Und Löcher,

wie heißen die auf Ladinisch? Sie weiß es nicht

mehr. Die beiden hässlichen Punkte drüben in der Wand –

sie schreibt Zahnpasta auf einen Zettel.

(...)

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