Gold und Silber von Lars Brandt, 2008, Hanser

Lars Brandt

Gold und Silber
(Leseprobe aus: Gold und Silber, Roman, 2008, Hanser).

1
Ginger aber wollte in den Wald. Mitternacht, draußen goß
es in Strömen. Der Wein des Portugiesen kam uns langsam
zu den Ohren heraus. Und Hans sagte, in dem Fall
müsse er natürlich erst noch sein Saxophon holen. Der
harte Hans mit seiner langen Nase und den finsteren
Knopfaugen – eine zierliche Marionette aus Pappmaché,
so stakste er wackelnd im Sturzregen vor uns her. Er überraschte
einen damit, sich nicht aufzulösen wie ein Zuckerstück.
Zwischen schwarzen Bäumen unser schwarzer Reigen
durch die Nacht, eine Silhouette schwarz auf schwarz.
Auch das Weiß meiner Jacke war nun schwarz. Sandkörner
prickelten unter den krummen Ledersohlen der Stiefel,
die Hans nie spitz genug sein konnten. Links hielt er das
Köfferchen mit dem Saxophon, rechts die obligate filterlose
Zigarette, deren Glut Mal um Mal eisig unter seiner
Nase aufleuchtete.
Als wir zu dem Punkt gelangt waren, von dem wir tief unter
uns den Strom nicht sahen, dudelte Hans durch die
nasse Nacht. Raucharabesken schlängelten sich aus dem
krächzenden Instrument hin zu der Salami, von der wir
regentriefende Scheiben säbelten und dann mit Grappa
wegspülten.
»Skål!« rief Paavo mit ausgebreiteten Armen, als wolle
er die Welt umfangen, und ließ einen gellenden Pfiff los.
»Skål«, flüsterte Jarl.
Ich bin weniger schwärmerisch angelegt. Trotzdem –
plötzlich begann alles zu schweben, und ich mittendrin.
Eine Leichtigkeit und Beweglichkeit, an der man ebensowenig
teilnimmt, wenn zuviel, wie wenn gar nichts geschieht.
Einen leisen Trinkspruch ist es allemal wert, wenn
weder das eine noch das andere einen behindert, wenn
sich der Traum Bahn bricht, falls es das war, was Jarl gemeint
hatte.
Am nächsten Abend, der Regen hatte aufgehört, und wir
waren wieder drinnen beim Portugiesen, der sich als Spanier
ausgab, saß ich neben Jarl. Er redete gerade auf Sebastian
ein: »Wörter taugen nicht viel. Dann schreibe ich
erst recht. Bilder sind auch nichts wert. Also mache ich
Filme.«
Es war eine Art Selbstgespräch, er kaute auf Gedanken
herum, die für ihn brisant zu sein schienen. Sebastian
hörte nur halb zu und schaute ihn aus kleinen Augen müde
an. Aber Jarl ließ sich nicht bremsen: »Ich habe keine
Lust, es mir im Kino bequem zu machen oder pompös Bücher
aus meinem Regal zu ziehen und bei alledem immer
neu zu finden, wie großartig die Welt ist. Eine Welt, in der
Filme und Bücher alle ihren rechten Platz haben. An die
falschen Plätze gehören sie, wo sie stören. Heraus aus den
vorgesehenen Kästchen, in denen sie nichts mehr durcheinanderbringen
können.«

Jarl war noch nicht am Ende: »Einer plappert dem anderen
nach«, sagte er, ohne sich von Sebastians Desinteresse
ablenken zu lassen: »Filme zeigen Bewegungen, heißt es,
und keiner denkt nach, ob es überhaupt stimmt. Nein. Um
Veränderungen geht es. Das Bild verändert sich. Nicht einmal
das muß sein. Vielleicht vergeht nur Zeit. Bilder mit
Zeit versehen, das ist ein Film, und ob sich auf ihnen auch
etwas ändert oder gar bewegt, soll man erst einmal ab warten.«
Ich mußte zugeben, daß es auch mir bislang so vorgekommen
war, als handele es sich um bewegte Bilder beim
Film. Das spielte aber keine Rolle, beunruhigend fand ich
etwas anderes: Wie viele solcher ungeprüft übernommenen
Vorstellungen ich wohl noch in meinem Kopf mit mir
herumtragen mochte, ohne mir dessen bewußt zu sein?
»Warten. Pause«, sagte Jarl. »Warten, was geschieht. Ob
überhaupt etwas. Wie die Zeit verstreichen wird, die dem
Bild gehört. Alles, worauf es ankommt, das sind die Pausen.
Dunkle, geheimnisvolle Höhlen, in denen sich versteckt
hält, was anders zu bleiben vorhat. Was sich nicht
einfach untermischen läßt. Da beginnt es interessant zu
werden. Filme, die es sich zu machen lohnt, organisieren
Pausen. Sie tun, als ob sie Aktionen feierten, und packen
damit doch nur die kostbaren Pausen ein.
Für sich gibt es sie allerdings nicht – auch das ist eigentlich
aufschlußreich. Erst das, was sie nicht sind, ihr Gegenteil,
macht sie möglich. Das ganze Getöse und Getümmel
drum herum, das sie nährt und umspült. Sonst sind sie
nicht vorhanden. Man kann ja nicht einfach alles sein lassen,
so entsteht keine Pause, sondern gar nichts.«

»Das wäre wiederum schlecht, oder?« fragte Sebastian
verständnislos.
»Im Schlamm auf dem Grund des Grunewaldsees lebt seit
Menschengedenken ein gewaltiger Wels«, meinte Jarl
jetzt unvermittelt.
»So etwas kommt vor.« Sebastian blickte etwas hilfl os
über den Tisch.
»Hast du schon einmal einen Wels gefangen? Am besten
geht es mit einem dicken Bündel Tauwürmer. Aber
der Wels im Grunewaldsee läßt sich nicht fangen, er fängt
selber«, sprach Jarl weiter, der sich nicht darum kümmerte,
ob Sebastian sich für Fische interessierte oder nicht. »Es
gibt viele Schwäne auf dem Grunewaldsee. Die Naturisten
geben acht, ihnen nicht zu nahe zu kommen, ein
aufgebrachter Schwan kann einem nämlich gefährlich
werden. Wenn man noch nicht einmal Hosen anhat, erst
recht. Dabei regen die Schwäne sich über die Falschen
auf. Sie haben vor den Falschen Angst. Immer wieder nämlich
ist plötzlich einer der Vögel weg. Aber weil ihn der
Wels zu sich hinabgeholt hat.«
Sebastian fiel auch hierzu nichts ein, er betrachtete sein
Glas, das er nachdenklich in Augenhöhe schaukelte, und
es hatte nicht den Anschein, als dringe Jarls Rede überhaupt
zu ihm vor. Fürs erste war sie auch abgeschlossen.
Jarl konnte zufrieden sein, in Sebastians Kopf hatte er
unverkennbar eine Pause gepflanzt. Er räusperte sich, und
sein Finger wies auf dessen Weinglas.
»Halbvoll«, konstatierte er.
Sebastians Züge belebten sich wieder. Seine roten
Wangen hätten ihm etwas von einem Putto gegeben, aber
für ein weichbackiges Engelchen war er zu männlich. Und
anstelle blonder Locken wuchsen auf seinem Kopf die
flaumigen Reste farblich unbestimmbarer Stoppeln.
»Oder sind wir vielleicht Zyniker?« insistierte Jarl. Und
als der Kellner mit dem glänzenden Großportemonnaie im
Hosenbund das nächste Mal vorbeihetzte, rief er ihm hinterher:
»Zwei Glas Portwein!«
»Deine Ausstellung ist wieder einmal sehr schlecht – übrigens
keineswegs meine Privatmeinung, darin stimmen
wir alle überein«, jubelte mir Parkland vom anderen Ende
des Tischs und quer durch das Stimmengewirr zu, das in
die Kaschemme gestopft war wie Abfall in den Müllsack.
Alle?, wer sollte das denn sein? So etwas gibt es doch
gar nicht.
Parkland ließ den Auslöser seiner Kamera schnalzen:
Mayo und Hans, Hans und Mayo, und nebenher auch der
Rest von uns. Für sein Archiv. Zufrieden ölte er seine kurzen,
straffgespannten Stimmbänder mit einem weiteren
Pastis, dann wurde zusammengepackt, und der Fotograf
ging ab. Seine Bilder, schien mir, konnten aber nicht viel
wert sein ohne Ginger darauf.
Ginger war an diesem Abend nämlich zu Hause geblieben.
Eigentlich hieß sie Ginevra. Meiner Meinung nach jedenfalls,
oder meinem Gefühl zufolge.
Was es mit unseren Namen letztlich auf sich hat, bekam
ich nie heraus. Sind sie einfach Wörter, die an uns
kleben und die wir dann zwangsläufig mit uns herumtragen?
Aber was bewirkt das: Rudi – ?

Jarl nannte sie Ginger. Für uns alle war sie das eigentlich –
Ginger.
Nur im stillen sagte ich manchmal zu ihr Ginevra. Auch
schon einmal halblaut, wenn ich bei ihr im Konsortium
vorbeiging und zusah, ob ich ihr einen Kaffee, meinethalben
auch einen Tee, dazu eine kleine Unterhaltung, abluchsen
konnte. Ginevra klang in meinen Ohren viel passender,
wenn ich an sie dachte. Und ich dachte viel an
Ginger.
Nicht weit von Gingers Arbeitsräumen hatte sich im
grauen Zwielicht eines Hinterhofs eine altertümliche Kartonagewerkstatt
in die Gegenwart geschmuggelt. Mit der
Zeit nämlich ist es auch so eine Sache: Was ist früh, was
spät? Wo ist der Fixpunkt, den man anpeilen kann, um zu
sehen, was die Uhr geschlagen hat? Woher will man wissen,
auf welchem Kurs man durchs Raumzeitkontinuum
schlingert?
Wer das Tor durchschritt und an den grauen Kartonbahnen
vorbeiging, die gestapelt in der Einfahrt zum Hof lagerten,
tauchte in eine andere Zeit ein. Nicht nur anders berechnet
als die Zeit zweihundert Meter entfernt im Supermarkt,
es war nicht dieselbe wie die hier in der Halle, wo
wie eh und je Rohpappe mit überkommenen Maschinen
geschnitten, gefalzt und geklammert wurde.
Rohpappe – vermutlich heißt es ja ganz anders. Bestimmt
gibt es einen fachmännischen Begriff dafür. Vielleicht
sagt der Fachmann Planage, oder Kartonmutter. Meines
Erachtens jedoch spricht einiges dafür, solche Wörter
nur zu verwenden, wenn sie einem gehören. Nicht alles ist
für alle da.

Die Luft schmeckte nach Regen. Das Kopfsteinpfl aster
roch wie schlecht gespültes Geschirr. Ich gab acht, nicht
auf die Ritzen zu treten, in denen der Dreck sich sammelt.
Hinüber zu Ginger, wo ihre Gegenwart die Zeit aufl öste,
waren es nur wenige Ecken. Heißer Nebel packte meinen
Blick in Watte. Alles auf der Straße schien so dicht an mir,
daß ich mich beengt gefühlt hätte ohne die wohlige Empfindung
von Intimität, die alles umfaßte, jeden Baum, jedes
Auto und jeden Gedankensprung. Keine andere Feierlichkeit,
fühlte ich, wurde im Leben gebraucht, als daß
alles genau war, was es war. Die Straße war eine Straße,
und ich war ich. Ginger vor allem war Ginger. Hoffentlich
war sie auch da.
Eigentlich hätte lange schon der Herbst an der Reihe sein
müssen. Aber statt dessen war der Sommer umgekehrt und
zurückgekommen. Er schnappte sich das Leben noch einmal
und beherrschte es mehr denn je. Die Oktobertage
glühten, bis tief in die Nacht kühlte die Luft nicht ab. In
der Sonne aber leuchteten Mauern und Wälder wie am
ersten Tag. Alles schien aus einer Fülle zu schöpfen, die
sich sonst nicht zeigte, wenn die Natur bereits damit beschäftigt
war, den Winter zu erwarten.
Jeder Tag erschien mir verwirrend, berauschend. Als gelangte
die Reife nie zum Abschluß, verströmte sie ihre intensiven
Aromen. Und ich hielt, was da geschah, nicht von
mir fern. Ohne Vorankündigung hatte etwas begonnen,
dem man sich nicht entziehen konnte, sowenig wie der
Schwüle, die nach Wein und Pilzen duftete.

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