Cant lässt grüssen von Alois Brandstetter, 2009, Residenz

Alois Brandstetter

Cant lässt grüssen
(Leseprobe aus: Cant lässt grüssen, Roman, 2009, Residenz).

Gott zum Gruße, sehr verehrtes Fräulein, Freiin Maria von Herbert in Clagenfurth! Im Namen Immanuel Cants, dem zu dienen ich als Amanuensis die academische Ehre habe, darf ich Euch in Beantwortung Eurer Briefe sein besonderes Wohlwollen übermitteln! Von den Beschwerden des Alters heimgesucht und niedergedrückt, bittet er, ihm nachzusehen, daß er nicht manu propria (mit eigener Hand) respondiren kann, sondern und vielmehr sich meiner als seines adjutanten Amanuensis bedienet, um das hernach Folgende in seinem Sinne und Auftrage mittheilen zu lassen. So darf ich als authorisirter Secretär wie folgt festhalten und ausführen:

Nach dem ersten Briefe nun, den Ihr, werthes Fräulein Maria von Herbert, im August des Jahres 1791 aus Clagenfurth im Lande Kärnthen, an meinen Herrn, den Herrn Professor Immanuel Cant, nach hier in Königsberg ins östliche Ostpreußen, zu richten die Güte – und Kühnheit – hattet, war mein Herr nicht aufgelegt zu antworten oder auch durch meine Wenigkeit, seinen Secretär und Amanuensis, correspondiren und repliciren zu lassen.

Ihn erreichen täglich ähnliche Billetten, in denen Leser seiner philosophischen Schriften ihren Beyfall kund thun und mit Complimenten nicht geizen. Mancher Brief hat den im Grunde todernsten Mann auch schon schmunzeln lassen und zu launigen Bemerkungen etwa dieser Art verleitet und verführt: Wenn der Kutscher R. aus Buxtehude applaudirt, dann wird es mit meiner Critik der practischen Vernunft wohl seine Richtigkeit haben. Oder:

Mamsell F. aus Husum ist auch unserer Meinung hinsichtlich des Categorischen Imperativs, so wird er denn allgemeines Gesetz werden können. Einmal quittirte er das überschwengliche Lob eines Freigeistes, seiner bürgerlichen Profession nach aber unfreien Domesticen und Lacaien, Lacaien, Botengehers oder Dieners, über den Erweis der Unmöglichkeit, die Existenz Gottes zu beweisen, den Nachweis der Unmöglichkeit der scholastischen Gottesbeweise also, mit einem Sarcasm, der mir immer und ewig in Erinnerung bleiben wird: So hat einer aufgehört, an Gott, und angefangen, an Cant zu glauben! Ein anderes Mal stöhnte er: Muß ich denn nun auch das Schicksal des Johann Sebastian Bach theilen! Das aber sagte er, weil er öfters schon jenes Bonmot (Gutwort) eines Musikbegeisterten vernommen und im Ohre hatte: Ob ich an Gott glaube, weiß ich nicht, an Bach aber glaube ich gewißlich!

Wäre es nicht besser, mit Bach an Gott zu glauben?, sagte er einmal.

Als Euren »Gott« bezeichnet übrigens auch Ihr, werthes Fräulein Maria von Herbert, meinen Meister, schon im ersten Briefe, was dem Herrn Professor kein geringes Mißvergnügen bereithet hat. Die Wahrheit ist den Menschen zuzumuthen, deshalb will ich mit der Mittheilung nicht hinter dem Berge halten, daß er den ersten Satz Eures Briefes zu wiederholten Malen als Beyspiel für fehl geleitete Devotion bey Tische und im Gespräche mit Freunden, anfangs ablesend, später aber bereits aus auswendiger Kenntnis citirte und hören ließ: »Großer Cant, zu dir rufe ich wie ein Gläubiger zu seinem Gotte um Hülfe, um Trost, oder um Bescheid zum Tode …« Ja, einer der Gründe, nicht zu erwidern und auch nicht erwidern zu lassen, mag gerade darin, in jener schwärmerischen Devotion nämlich, gelegen seyn. In seiner »Anthropologie « (Menschenkunde) rechnet er die Enthusiasten ja nicht bloß zu den »Unsinnigen«, sondern zu den »Wahnsinnigen«. Sie sind schlimmer oder schlimmer daran als die »Phantasten«, die bloß wachend träumen und die er mit »Grillenfänger«, in Klammern gesetzt, in die deutsche Hauptsprache übersetzet. In einem ähnlichen Falle von übertriebener Höchstachtung und Divinirung (Vergötterung) hat mein Herr denn auch einmal, weniger zu Scherzen als zu Ungnade aufgelegt, brummend gesagt: Verwechselt mich nun schon wieder ein einfältiges Frauenzimmer mit dem Dreifaltigen.

Von »Adoration« (Anbetung) spricht freilich schon im Jahre 1784 in einem Briefe an meinen Herrn der durchaus achtbare Professor der Beredsamkeit Christian Gottfried Schütz aus Jena, die ihn bey der Lectüre der »Critik der reinen Vernunft« erfaßt habe. »Bey deren Lectüre ich Sie gerne hätte adoriren mögen.« Adoriren heißet aber in unserer deutschen Hauptsprache »Anbethen«! So sehr meinem Herrn dies auch mißfallen hat, hat er sich von dem Genannten immerhin einladen lassen, als Recensent an einer von ihm und anderen gegründeten Zeitschrift mitzuwirken.

Vergleiche seiner »Critik« mit der »Heilichen Schrift« und der »Bibel« mußte Cant auch sonst öfter über sich ergehen lassen. Gefreut hat ihn dies sicher nicht!

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