Fahrenheit 451 von Ray Bradbury, 2002, Büchergilde Gutenberg

Ray Bradbury

Fahrenheit 451
(Leseprobe aus:
 Fahrenheit 451, Roman, 1953/2002, Büchergilde Gutenberg - Übertragung Fritz Güttinger)

Es war eine Lust, Feuer zu legen.
Es war eine eigene Lust, zu sehen, wie etwas verzehrt wurde, wie es schwarz und zu etwas anderem wurde. Das gelbe Strahlrohr in der Hand, die Mündung dieser mächtigen Schlange, die ihr giftiges Kerosin in die Welt hinaus spie, fühlte er das Blut in seinen Schläfen pochen, und seine Hände waren die eines erstaunlichen Dirigenten, der eine Symphonie des Sengens und Brennens aufführte, um die kärglichen Reste der Kulturgeschichte vollends auszutilgen. Auf dem Kopf den Helm mit dem Zeichen 451, in den Augen einen flammenden Widerschein dessen, was nun kommen sollte, knipste er das Feuerzeug an, und das Haus flog auf in eine gierige Lohe, die sich rot und gelb und schwarz in den Abendhimmel hineinfraß. Er selber war umschwirrt wie von einem Schwarm von Leuchtkäfern. Ein altes Witzwort kam ihm in den Sinn, und er hätte am liebsten eine aufgespießte Wurst in die Feuersbrunst hineingehalten, während die Bücher mit dem Flügelschlag weißer Tauben vor dem Haus den Flammentod starben. Während die Bücher in Funkenwirbel aufsprühten und von einem brandgeschwärzten Wind verweht wurden.
Montag verzog das Gesicht zu dem grimmigen Lächeln des Menschen, der vor dem sengenden Feuer zurückweichen muß.
Nach getaner Arbeit mochte es vorkommen, daß er dem Gesicht im Spiegel als dem eines Komödianten, mit Ruß in einen Neger umgefärbt, belustigt zuzwinkerte. Auch nachher, wenn er sich schlafen legte, spürte er jeweils im Dunkeln seine Züge noch zu dem brandigen Lächeln verkrampft. Es verließ ihn nie, dieses Lächeln, er konnte sich überhaupt nicht erinnern, es jemals abgelegt zu haben.
Er hängte den schwarzen Helm auf und rieb in blank, hängte den feuersicheren Rock fein säuberlich an den Haken, duschte sich üppig ab und schritt dann pfeifend, die Hände in den Taschen, durch das obere Stockwerk der Feuerwache und ließ sich in das Loch fallen. Im letzten Augenblick, als der Aufprall unvermeidlich schien, holte er die Hände aus den Taschen und fing den Fall ab, indem er die Messingstrange umklammerte. Quietschend rutschte er bis einen Fingerbreit über den Betonboden.
Er trat aus dem Gebäude und ging die mitternächtliche Straße entlang, der Untergrundbahn zu, wo der Lufttriebzug lautlos durch das geschmierte Rohr unter der Erde glitt und ihn mit einem Schwall schaler Wärme entließ und der gelbgekachelten Rolltreppe übergab, die zur Vorstadt emporlief.
Vor sich hin pfeifend, ließ er sich von der Rolltreppe an die stille Nachtluft hinaufbefördern und ging dann unbeschwert auf die Straßenkreuzung zu. Ehe er sie jedoch erreichte, verlangsamte sich sein Schritt, als wäre unvermittelt ein Wind aufgesprungen, als hätte ihn jemand beim Namen gerufen.
Die letzten paar Male hatten ihn auf dem Gehsteig grad um die Ecke die merkwürdigsten Ahnungen angefallen, wenn er in sternklarer Nacht seinem Haus zuschritt. Er hatte das Gefühl gehabt, einen Augenblick bevor er um die Ecke bog, habe jemand dort gestanden. Die Luft schien mit einer besonderen Stille geladen, als hätte dort jemand ruhig gewartet, um sich im letzen Augenblick in ein Nichts zu verflüchtigen und ihn durchzulassen. Vielleicht hatte die Nase einen schwachen Duft wahrgenommen, vielleicht verspürte die Haut auf dem Handrücken, auf dem Gesicht, eine Erwärmung an der Stelle, wo jemand gestanden und die Temperatur der Luft ringsum eine Spur erhöht haben mochte. Begreifen ließ es sich nicht. Wenn er um die Ecke bog, sah er jeweils nur den weißen, menschenleeren Gehsteig, oder höchstens, das eine Mal, etwas behend über den Rasen hin verschwinden, ehe er es ins Auge fassen oder anrufen konnte.
Doch jetzt, diese Nacht, blieb er beinahe stehen. Etwas in ihm, das in Gedanken um die Ecke vorauseilte, hatte das allerleiseste Geräusch vernommen. Atemzüge? Oder eine geringfügige Verdichtung der Luft, lediglich dadurch, daß jemand ruhig dort stand und wartete?
Er bot um die Ecke.
Das Herbstlaub wirbelte auf eine Art den Gehsteig entlang, daß es aussah, das Mädchen, das dort ging, werde von dem Wind und den Blättern geschoben. Es hielt den Kopf gesenkt, um zu beobachten, wie die Schuhe das Laub aufquirlten. Sein Gesicht war schmal und milchweiß, und es lag eine feine Gier darin, die allem mit unermüdlichen Fragen auf den Leib rückte, ein ständiges Staunen sozusagen; der dunkle Blick war so auf die Welt geheftet, daß ihm auch nicht die leiseste Regung entging. In einem weißen, knisternden Kleid kam es einher, er glaubte beinahe das Armeschlenkern zu hören und jetzt das undeutliche leise Geräusch der Kopfbewegung, als das Mädchen merkte, daß da mitten auf dem Gehsteig ein Mann stand und es musterte.
In den Bäumen droben rauschte es gewaltig von dem trockenen Regen, den sie ausschütteten. Das Mädchen schien einen Augenblick überrascht zurückweichen zu wollen, doch statt dessen blieb es stehen und schauten ihn an, mit Augen so dunkel und glänzend und voller Leben, daß er das Gefühl hatte, etwas ganz Wunderbares gesagt zu haben. Dabei wußte er, daß es nur ein „hallo“ gewesen war, und erst als das Mädchen von dem Salamander auf seinem Ärmel und der Phönixplakette am Rock gebannt schien, begann er zu sprechen.
„Ach ja“, sagte er, „du bist doch die neue Nachbarin?“
„Und Sie sind sicher“ – es erhob den Blick von seinen Berufsabzeichen – „der Feuerwehrmann.“ Die Stimme verlor sich.
„Wie sonderbar du das sagst.“
„Ich – ich hätte es sagen können, ohne die Augen aufzumachen“, erklärte das Mädchen bedächtig.
„Warum? Weil ich nach Kerosin rieche? Meine Frau klagt ständig darüber“, lachte er. „Der Geruch läßt sich nie völlig abwaschen.“
„Nein“, sagte es, mit einem leisen Grauen.
Ihm war, als ob ihn das Mädchen in Gedanken umkreise, als ob es ihm das Innerste nach außen kremple, ohne sich selber von der Stelle zu rühren.
„Kerosin“, sagte er dann, als sich das Schweigen in die Länge zog. „Kerosin ist für mich der reine Wohlgeruch.“
„Kommt es Ihnen wirklich so vor?“
„Gewiß. Warum nicht?“
Das Mädchen ließ sich Zeit mit der Antwort. „Ich weiß auch nicht.“ Dann wandte es sich um, nach der Richtung, in der sie wohnten. „Darf ich mit Ihnen zurückgehen? Ich heiße Clarisse McClellan.“
„Clarisse. Guy Montag. Komm nur. Was tust du hier draußen so spät noch ? Wie alt bist du eigentlich?“
Sie gingen in der warm-kühl wehenden Nacht die übersilberte Straße entlang, und in der Luft lag auf einmal ein ganz feiner Hauch von frischen Aprikosen und Erdbeeren; er sah sich um und merkte, daß das ganz ausgeschlossen war, zu so vorgerückter Jahreszeit. Nun war es nur noch das Mädchen, das neben ihm herging, das Gesicht leuchtend wie Schnee im Mondschein, und er ahnte, daß es sich seine Fragen durch den Kopf gehen ließ, um die beste Antwort darauf zu finden.
„Nun“, sagte es dann, „ich bin siebzehn und nicht ganz bei Trost. Mein Onkel meint, das gehöre immer zusammen. Wenn man dich nach deinem Alter fragt, meinte er, sag immer siebzehn und von Sinnen. Es ist doch hübsch, um diese Stunde spazieren zu gehen, in der Welt herumzuschnuppern und herumzugucken. Manchmal laufe ich die ganze Nacht umher und schaue dann zu, wie die Sonne aufgeht.“
Wiederum trat eine Pause ein, und zuletzt sagte das Mädchen nachdenklich: „Wissen Sie, ich habe vor Ihnen gar keine Anst.“ Er war verdutzt. „Weshalb solltest du Angst haben?“ „Viele Leute haben Angst. Vor der Feuerwehr, meine ich. Aber Sie sind eigentlich ganz menschlich ...“
Er erblickte sich in den Augen des Mädchens wie in zwei hellen Wassertropfen schwebend, er selber dunkel und winzig, mit allen Einzelheiten, den Furchen um den Mund, alles ganz deutlich, als wären diese Augen zwei wundersame Stücke veilchenfarbenen Ambers, der ihn umschließen und verewigen könnte. Das Gesicht, das Clarisse ihm jetzt zuwandte, strahlte ein sanftes und beständiges Licht aus. Es hatte nicht das Krampfhafte des elektrischen Lichts – was war es nur? Das seltsam trauliche und dünne und sachte liebkosende Licht der Kerze. Einstmals, als er noch ein Kind war, hatte seine Mutter bei einer Stromsperre eine letzte Kerze gefunden und angezündet, und für eine kurze Stunden hatten sie es wiederentdeckt, wie bei solcher Beleuchtung der Raum behaglich um sie zusammenschnurrte, und beide, Mutter und Sohn, waren wie verwandelt gewesen, hatten gehofft, der Strom möge nicht so bald wieder einsetzen. Und dann sagte Clarisse McClellan:
„Darf ich Sie etwas fragen? Wie lange dienen Sie schon bei der Feuerwehr?“
„Seit ich zwanzig wurde, vor zehn Jahren.“
„Lesen Sie jemals welche von den Büchern, die Sie verbrennen?“
Er lachte. „Das ist doch verboten!“
„Ach so, ja.“
„Es ist ein schöner Beruf. Montag brenne Millay, Mittwoch Melville, Freitag Faulkner, brenne sie zu Asche, dann verbrenne noch die Asche. Das ist unser Wahlspruch.“
Sie schritten weiter dahin, und das Mädchen fragte: „Ist es wahr, daß die Feuerwehr einst Brände bekämpfte, statt sie zu entfachen?“
„Nein. Die Häuser waren schon immer feuerfest, verlaß dich drauf.“
„Merkwürdig. Ich habe mir sagen lassen, früher seien die Häuser manchmal aus Zufall in Brand geraten, und man habe Feuerwehrleute gebraucht, um dem Feuer zu wehren.“
Er lachte.
Clarisse warf ihm einen Blick zu. „Warum lachen Sie?“
„Weiß ich auch nicht.“ Er wollte schon wieder lachen, hielt aber inne. „Warum?“
„Sie lachen, wenn ich nichts Lustiges gesagt habe, und Sie geben immer gleich Antwort. Sie überlegen sich nie, was ich Sie gefragt habe.“
Er blieb stehen. „Du bist wirklich ein sonderbares Geschöpf“, bemerkte er und musterte es. „Hast du denn gar keinen Respekt?“
„Es war nicht schlimm gemeint. Es ist nur mein leidiger Hang, die Leute allzu genau zu beobachten.“
„Und das da, bedeutet dir das gar nichts?“ Er tippte an die Zahl 451, die auf seinem schwarzen Ärmel aufgenäht war.
„Doch“, erwiderte Clarisse leise und beschleunigte ihre Schritte. „Haben Sie je den Turbinenautos zugeschaut, wie sie die Straßen entlangrasen dort drüben?“
„Du wechselst das Thema!“
„Manchmal glaube ich, die Automobilisten wissen überhaupt nicht, was das ist, Gras, oder Blumen, weil sie nie langsam daran vorbeikommen. Wenn man einem Autofahrer etwas Grünverwischtes zeigte, würde er sagen: „Ja, das ist Gras.“ Etwas Rötlichverwischtes? „Das ist ein Rosengarten.“ Weißverwischtes bedeutet Häuser. Braunverwischtes Kühe. Mein Onkel ist einmal langsam gefahren, auf einer Autobahn. Er fuhr mit sechzig Stundenkilometern und wurde zwei Tage lang eingesperrt. Ist das nicht komisch, und traurig dazu?“
„Du machst dir zuviel Gedanken“, bemerkte Montag, dem es nicht wohl war dabei.
„Ich sehe mir selten die Fernsehwände an und gehe auch nicht an Rennen oder auf die Rummelplätze. Daher habe ich wohl eine Menge Zeit für verrückte Gedanken. Sind Ihnen schon die siebzig Meter langen Reklametafeln auf dem Land draußen aufgefallen? Wissen Sie, daß Reklametafeln früher höchstens sieben Meter lang waren? Aber die Wagen sausten so rasch daran vorbei, daß man die Tafeln in die Länge ziehen mußte, damit sie überhaupt noch wirkten.“
„Nein, das habe ich nicht gewußt“, lachte Montag.
„Wetten, daß ich noch etwas weiß, was Sie nicht wissen. Auf dem Gras liegt am Morgen früh Tau.“
Er hätte plötzlich nicht mehr sagen können, ob ihm das bekannt gewesen war oder nicht, und geriet in eine gereizte Stimmung.
„Und wenn Sie genau hinsehen“ – Clarisse deutete mit dem Kopf gegen den Himmel –, „es hockt ein Mann im Mond.“
Er hatte schon lange nicht mehr hingesehen.
Die letzte Strecke gingen sie schweigend nebeneinander her. Clarisse in einem nachdenklichen Schweigen, er in einem gedrückten und unbehaglichen, wobei er ihr von Zeit zu Zeit einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Als sie vor ihrem Haus anlangten, waren da alle Fenster hell erleuchtet.
„Was ist denn bei euch los?“ Montag hatte noch selten ein Haus gesehen, in dem so viel Licht brannte.
„Ach, Mutter und Vater und Onkel sind noch auf und führen ein Gespräch. Es ist, wie wenn man Fußgänger ist, nur viel seltener. Mein Onkel wurde ein andermal verhaftet – habe ich es Ihnen schon erzählt? – wegen Fußgängerei. Oh, wir sind eine höchst eigentümliche Familie.“
„Aber worüber unterhaltet ihr euch denn?“
Das Mädchen lachte bloß. „Gute Nacht.“ Es wandte sich zum Gehen, dann schien ihm etwas einzufallen, und es kam zurück, um ihn neugierig anzustaunen. „Sind Sie glücklich?“ fragte es.
„Bin ich was?“ rief er.
Aber Clarisse war schon weg, lief im Mondschein davon. Sachte ging die Haustür zu.

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