Selbstbestimmung von Hjalmar Hjorth Boyesen, 2007, Lilienfeld

Hjalmar Hjort Boyesen

Selbstbestimmung
(Leseprobe aus:
Selbstbestimmung, Roman, 2007, Lilienfeldiana im Lilienfeld Verlag - Übertragung Mathilde Mann).

Ein wildbewegter, wolkenzerrissener Himmel, schwarzblau

im Westen, ein braunes, steiniges, mit Seetang

bedecktes Ufer und brechende Wogen, alles von einer

gewaltigen Bergkette umrahmt – das war die Szenerie,

deren Mittelpunkt Hulda bildete. Sie stand auf

einem Vorsprung, beschattete ihre Augen mit der

Hand und sah aufs Meer hinaus. Sie war ein schönes,

großes, schlankes Mädchen von vielleicht neunzehn

Jahren vom reinsten skandinavischen Typus.

Der Wind wehte ihr das blonde Haar ins Gesicht

und preßte ihr das Gewand an die Glieder, während

die Möwen kreischend über ihren Kopf hinwegflogen.

Sie hatte eine gesunde, von der frischen Luft

gerötete Gesichtsfarbe, und in dem wetterkundigen

Blick, mit dem sie den Horizont prüfte, lag etwas

sehr Sachverständiges.

„Es sieht bedenklich aus“, sagte sie zu ihrer jüngeren

Schwester, die auf einem kleinen Steinhaufen zu

ihren Füßen saß. „Siehst du den dunklen Strich dort

am Horizont? Nein, nicht da. Nordnordwest! Das ist

das Dampfschiff. Er kommt!“

Sie sprang von dem Vorsprung herab, faßte ihre

Schwester, die inzwischen aufgestanden war, um

die Taille und fing, eine Melodie trällernd, zu tanzen

an.

„Aber, Hulda, versuche doch, dich etwas mehr

ladylike zu benehmen“, bat Magda, „wie wird er

dich wohl jemals leiden können, wenn du dich so

beträgst!“

„Pah, daraus mache ich mir gar nichts“, rief Hulda

und stellte sich trotzig hin, „wenn er mich nicht leiden

mag, dann mag er dich leiden, und das kommt

ja schließlich auf dasselbe heraus. Er heiratet eine

Tochter aus der Familie, und mehr wird ja nicht von

ihm verlangt! Ich weiß nicht recht, aber eigentlich

wäre es mir lieber, wenn er dich nähme. Du bist ein

so liebes, sanftes, kleines Ding, so recht zum Verziehen.“

Sie schlang ihren Arm um Magdas Hals und

küßte sie mit übertriebener Zärtlichkeit.

„Ach, laß mich in Frieden“, wehrte sich Magda,

„du bist schrecklich, wenn du so aufgeregt bist.“

„Weil ich sage, daß ich ihn dir überlassen, daß ich

ihn nicht ein einziges Mal ansehen will, solange er

bei uns ist? Ich werde so abscheulich gegen ihn sein,

daß er mich aus tiefstem Herzensgrund verachtet!“

„Was für Unsinn du redest! Wie kannst du ihn

mir überlassen, wenn er dir noch gar nicht gehört?

Und wenn er dir gehörte, könntest du es noch viel

weniger. Was würde Mutter dazu sagen! Du weißt,

wie sehr ihr Herz an dem Gedanken hängt, daß du

Herrn Falck heiratest.“

„Doch nur, weil sie meint, daß ich die Hübscheste

sei und am meisten Aussicht habe. Vater will Fritz

auf die Lateinschule in Christiania schicken, und

seine Mittel erlauben ihm das nicht eher, als bis jemand

ihm die Sorge für eine seiner Töchter abgenommen

hat. Es ist ein Jammer, daß Herr Falck kein

Mormone ist; dann könnte er gleich das ganze halbe

Dutzend nehmen.“

(...)

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