EineoRoman(n) von Ulle Bowski, 2010Ulle Bowski

EineuRoman(n)
(Leseprobe aus: EineuRoman(n), Roman, 2010, Reichardt Verlag).

Zum Glück bin ich nicht schizophren, sonst müsste ich zweimal

aufstehen. Einmal um sieben und dann vielleicht noch

mal um acht oder um neun. Je nachdem, welche Jobs ich hätte,

wenn ich welche hätte. Ich habe aber keine, gar keine, nicht

mal einen. Von meinem Bett aus schaue ich aus dem Fenster,

draußen regnet es wie aus Eimern.

Heute habe ich mal wieder einen Termin bei meinem Arbeitsberater,

der sich mittlerweile Integrationscoach nennt.

Bei dieser Bezeichnung kommt mir unwillkürlich meine Integrationscouch

in den Sinn. Ich bin ja seit Jahren in meine

Couch integriert. Ich klebe dort förmlich fest, und wenn nicht

dort, dann eben in meinem Bett oder im Park.

Mit der Energie einer Bleikugel stehe ich endlich auf. Es

knirscht, die Arbeitslosigkeit hat Spuren hinterlassen. Bin

vierzig Jahre alt. Das sind 14.600 Tage. Sind 350.400 Stunden.

Sind 21.024.000 Minuten. Über 21 Millionen Minuten! Das

muss man sich mal vorstellen!

Neulich habe ich fast zehn Minuten auf den Bus gewartet.

Das sind 2,1 Millionen Busse, auf die ich bis jetzt hätte warten

können. In zehn Minuten rauche ich locker zwei Zigaretten.

Das sind 4,2 Millionen Zigaretten, die ich hätte rauchen können.

Hätte ich schon seit meiner Geburt geraucht, was das

gekostet hätte!

Seit ich also abwechselnd in mein Bett, in den Park oder auf

meiner Couch voll integriert bin, spiegelt sich mein Leben in

seltsamen Träumen oder Erscheinungen wider.

So ein Traum wie neulich wieder ...

«Durch die Zusammenführung der mächtigsten Länder Europas

und die neu durchgeführte Euroarbeitsmarktanalyse

wird es uns in naher Zukunft möglich sein, die gesamteuropäische

Arbeitslosenquote auf ein Minimum zu reduzieren, von

dem unsere Vorfahren nicht zu träumen wagten!», hallte es

aus unsichtbaren Boxen. «Umschüler und diejenigen, die eine

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vorweisen können, reihen

sich bitte rechts ein!», brüllte eine aggressive Stimme unüberhörbar.

«Arbeitslose, Arbeitssuchende und alle jene, die noch

keine Umschulungsgenehmigung vom Arbeitsministerium

erhalten haben, reihen sich bitte links ein!»

Orientierungslos lief ich durch die Menschenmasse und hatte

Schwierigkeiten, rechts von links zu unterscheiden. Aber

nicht nur mir ging es so, alle arbeitslosen Kandidaten liefen

wild durcheinander. Ratlosigkeit stand in ihre Gesichter geschrieben.

Ich durfte nach rechts, ganz klar. Ich hatte zwar

keine schriftliche Zusicherung vom Arbeitsministerium, aber

das Wort meines Arbeitsberaters. Er hatte mir persönlich zugesichert,

eine Umschulung zu erhalten. «Da brauchen Sie sich

mal keine Sorgen machen», hatte er noch lächelnd gesagt.

«Ihr WEGZ vom Ministerium für Arbeit und Soziales bitte»,

sagte ein Mann mit Armbinde in dominantem Ton zu mir.

«Mein was bitte?», entgegnete ich und schaute verunsichert

um mich. Alle anderen, die hinter mir säuberlich in

der Schlange standen, hielten ein Blatt Papier in der Hand, worauf

deutlich der große Stempelaufdruck WEGZ zu erkennen

war.

«Sie brauchen ein WEGZ vom Ministerium, sonst sehen wir

uns gezwungen, Sie auszugliedern. Haben Sie so ein Schreiben,

ja oder nein?» Während er sprach, drehte er wieder an den

Knöpfen seines Durchsagegerätes.

«Nein, ich habe so ein Schreiben nicht, aber mein Arbeitsberater

hatte mir zugesichert, dass ...», konterte ich nun mit

lauter Stimme.

«Ihr Arbeitsberater? Arbeitsberater gehören der alten Welt an.

Wo ist Ihr Wiedereingliederungszertifi kat vom Ministerium

für Arbeit und Soziales?», sagte er in einem seltsamen Ton.

«Alte Welt? Was für eine alte Welt? Wiedereingliederungszertifi

kat ...?»

Jeden Morgen erwache ich aus irgendeinem dieser bescheuerten

Träume. Dummerweise erlebe ich diese Träume so intensiv,

als wären sie real. Ich sitze dann oft im Halbschlaf am

Frühstückstisch und versuche, meine Träume und mein reales

Leben auseinander zu halten. Die Handlung ist zwar nicht

total identisch, aber meistens ähnlich bescheuert. Ob ich von

meinem Arbeitsberater träume oder leibhaftig vor ihm sitze,

ist kaum ein Unterschied. Die Sätze, die ich höre, sind die gleichen:

«Ja Herr Bowski, im Moment ist ..., Sie wissen schon ...»

Mein Arbeitsberater, der Integrationscoach, meint immer

wieder mal, er hätte da jetzt was für mich. Und als er dies das

letzte Mal meinte, folgten daraufhin sechs Wochen Bewerbungstraining

mit Excel-Seminar und Rechtschreibkurs wegen

der neuen Rechtschreibreform. Meine Leidensgenossen und

ich wurden bewerbungstechnisch so gedrillt, als würden wir

damit auf den nächsten Krieg vorbereitet. Fazit: Ich bin nun

in der Lage, mich überall zu bewerben, egal, als was. Toll, wen

interessiert das? Keiner hat mich bisher für meine Bewerbungen

bezahlt. In unserer Region ist arbeitsmäßig nicht viel zu

holen, aber vielleicht ändert sich das ja heute. Mein Coach ist

der Auffassung, dieses Mal sehe es ganz gut aus.

(...)

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