Kalte Herzen von Elisabteh Bowen, 2005, Schöffling

Elizabeth Bowen

Kalte Herzen
(Leseprobe aus: The Heart of the Day/Kalte Herzen, Roman, 1949/2004, Schöffling&Co. - Übertragung Sigrid Ruschmeier)

An dem Morgen brach das Eis, kaum mehr als eine spröde Decke, und trieb im Wasser. Die Stücke stießen zusammen oder trennten sich und bildeten dunkle Kanäle, durch die Schwäne in trägem Unmut schwammen. Die Inseln lagen in einer frostkalten, waldigen braunen Dämmerung, es war zwischen drei und vier Uhr nachmittags. Der Atem der feuchten Erde und der Atem der Stadt außerhalb des Parks verdichteten sich und machten die Luft unklar, in der sich eisesstarr die Bäume um den See erhoben. Bronzene Januarkälte hüllte Himmel und Landschaft ein; der Himmel war der Sonne verschlossen. Doch die Schwäne, die Ränder des Eises und die fahlen Regency-Häuserreihen im Hintergrund besaßen einen unnatürlichen Schimmer, als sei die Kälte Licht. Der tiefe Winter hat etwas Überwältigendes. Auf den Brücken und den schwarzen Gehwegen hallten Schritte. Das Wetter blieb; heute nacht würde es stärker frieren.
Auf der Fußgängerbrücke zwischen dem Land und einer Insel standen, ans Geländer gelehnt, ein Mann und eine Frau und unterhielten sich. Während alle anderen eilig durch die bittere Kälte liefen, hatten sie sich zu einer langen, sommerlichen Pause entschlossen. Reglos, nur mit sich beschäftigt, wirkten sie wie Liebende. Dabei lagen ein paar Zentimeter zwischen ihren Ellenbogen, und sie waren auch nicht voneinander gefesselt, sondern von dem, was die Frau sagte. In den dicken Mänteln sahen ihre Körper geschlechtslos und steif wie Schachfiguren aus. Sie waren wohlhabend, in dem Bollwerk von Pelz und Tuch erzeugten ihre Körper eine beständige Wärme. Sie konnten die Kälte nur sehen; wenn sie sie spürten, dann nur an ihren äußeren Gliedmaßen. Hin und wieder stampfte er mit den Füßen, hielt sie sich den Muff vors Gesicht. Durch den Kanal unter der Brücke schob sich das Eis, und während sie redeten, wurden ihre Spiegelbilder in einem fort gebrochen.
Er sagte: »Du warst wahnsinnig, das Ding überhaupt anzufassen.«
»Ach was, ich bin überzeugt, du hättest es auch getan, St. Quentin.«
»Nein, das bezweifle ich. Eigentlich will ich nie wissen, was andere denken.«
»Wenn ich nur im entferntesten geahnt hätte –«
»Egal, du hast darin gelesen.«
»Und ich war selten so entsetzt.«
»Du Ärmste! ... Wie hast du es denn gefunden?«
»Ich habe es gar nicht gesucht«, erwiderte Anna rasch. »Am besten, ich hätte überhaupt nicht gewußt, daß das Ding existiert. Bis dahin hatte ich auch keine Ahnung. Portias weißes Kleid ist mit einem von mir aus der Reinigung gekommen; ich habe meins ausgepackt, weil ich es anziehen wollte, und da Matchett an dem Tag nicht da war, habe ich ihres in ihr Zimmer gebracht, um es dort aufzuhängen. Sie war natürlich auch nicht da, sondern in der Schule. Ihr Zimmer sah furchtbar aus, womit ich ja jetzt schon immer rechne. Sie hat allen möglichen Krimskrams da stehen, den Matchett nie anrühren würde. Du weißt doch, wie manche Bedienstete sind – unsereins piesacken sie, und bei Kindern oder Tieren entschuldigen sie alles mit Temperament.«
»Du würdest sie als Kind bezeichnen?«
»In vieler Hinsicht ist sie eher wie ein Tier. Ich habe das Zimmer so hübsch für sie hergerichtet. Woher sollte ich wissen, wie wenig Augenmensch sie ist. Jetzt gehe ich kaum noch hinein, man verliert einfach die Lust.«
Mäßig interessiert sagte St. Quentin: »Wie ärgerlich für dich!« In seinem mehrfach um den Hals geschlungenen Schal hatte er den Kopf gedreht und betrachtete Anna mit distanzierter Aufmerksamkeit. Wenn sie mit ihm zusammen war, neigte sie dazu, sich und ihre selbstmitleidigen Klagen ins Lächerliche zu ziehen, bis sie sich exakt so sah, wie er die Frauen sah. Einen Hauch freundlich frivol setzte sie sich
ihm zu Gefallen gleich herab. Er betrachtete ihr Übertreiben zwar als Täuschungsmanöver, mochte aber Anna, die er sehr mochte, dadurch nur noch mehr. Ihre glatten Konturen, ihr mokant gelassenes Lächeln, die Art, wie sie ihr Kinn einzog, wenn sie denn lächelte, erinnerten ihn oft an eine gelangweilte, spöttische weiße Ente. Jetzt aber zweifelte er nicht daran, daß sie nicht nur übertrieb, sondern sich auch wirklich ärgerte. Das Kinn tief in den großen Pelzkragen gedrückt, runzelte sie unter der spitz nach vorn gezogenen Pelzkappe die Stirn und schaute mißlaunig auf ihren Muff hinunter. Ihre feinen blonden Wimpern lagen auf ihren Wangen; ab und zu nahm sie eine Hand aus dem Muff und tupfte sich mit einem Taschentuch die Nasenspitze ab. Sie spürte, wie St. Quentin sie ansah, ignorierte es aber. In seinem Mitleid mit den Frauen entdeckte sie ein wenig Gehässigkeit.
»Dabei habe ich ihr Kleid nur aufgehängt«, fuhr sie fort, »und mich dann einmal umgeschaut, weil ich dachte, ich müßte. Wie immer wurde mir das Herz schwer, eigentlich, fand ich, sollte ich bei Gelegenheit ein Machtwort mit ihr sprechen. Aber sie und ich, wir haben ein komisches Verhältnis. Wenn ich nämlich tatsächlich mal ein Machtwort spreche, merkt sie es überhaupt nicht. Sie ist Dingen gegenüber ganz unnormal dickfellig. Hüte behandelt sie wie alte Briefumschläge. Dinge, die ihr gehören, scheinen ihr eigentlich gar nicht zu gehören. Verstehst du, was ich meine? Ihr etwas zu schenken ist sinnlos, es sei denn, es ist etwas zum Essen, und das mag sie auch nicht immer. Es liegt vielleicht daran, daß sie immer in Hotels gelebt haben. Ich habe zum Beispiel gedacht, ihr gefiele vielleicht ein kleiner Sekretär von Thomas’ Mutter. Gut möglich, daß ihr Vater ihn benutzt hat. Den Sekretär habe ich in ihr Zimmer stellen lassen; er hat verschließbare Schubladen und eine recht breite, herunterklappbare Platte zum Schreiben, die man auch verschließen kann. Ich hatte gehofft, sie würde daran merken, daß ich wirklich wollte, daß sie ihr eigenes Leben führt. Und weißt du, vielleicht ist es ja voreilig, aber wir haben ihr sogar einen Haustürschlüssel gegeben. Die Schlüssel für den Sekretär hat sie aber offenbar verloren, jedenfalls war nichts abgeschlossen, und sie waren auch nirgendwo zu sehen.«
»Wie ärgerlich«, sagte St. Quentin noch einmal.
»Und ob. Denn wenn sie – Aber... Jedenfalls fiel mein Blick auf den dummen kleinen Sekretär. Sie hatte ihn vollgepackt, also wirklich, vollgeladen wie eine Müllhalde. Anscheinend hortet sie gern Papier; sie kriegt fast keine Briefe, bewahrt aber alle möglichen Sachen auf, die Thomas und ich wegwerfen, Bettelbriefe zum Beispiel oder solche Gesundheitsbroschüren von Quacksalbern. Wenn ich Matchett wäre, würde ich sagen: Es hat mir einen gehörigen Schrecken eingejagt.«
»Als du den Schreibtisch aufgemacht hast?«
»Ja, er sah furchtbar aus! Die Schreibplatte ließ sich gar nicht hochklappen, die Papiere hingen nach allen Seiten über und klemmten sogar in den Scharnieren. Ich fing vor Wut an zu zittern, frag mich nicht, warum. Ich habe die Papiere alle zusammengeschoben und auf den Sessel geworfen; ich wollte sie dort liegenlassen und ihr sagen, sie müsse Ordnung halten. Unter den Papieren waren ein paar Schulhefte mit Notizen, die sie im Unterricht gemacht hatte, und unter den Schulheften das Tagebuch, und das habe ich, wie gesagt, gelesen.

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