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Kalte Herzen
(Leseprobe aus: The Heart of the Day/Kalte
Herzen, Roman, 1949/2004, Schöffling&Co. - Übertragung
Sigrid Ruschmeier)
An dem Morgen brach das Eis, kaum mehr als eine
spröde Decke, und trieb im Wasser. Die Stücke stießen zusammen oder trennten
sich und bildeten dunkle Kanäle, durch die Schwäne in trägem Unmut schwammen.
Die Inseln lagen in einer frostkalten, waldigen braunen Dämmerung, es war
zwischen drei und vier Uhr nachmittags. Der Atem der feuchten Erde und der Atem
der Stadt außerhalb des Parks verdichteten sich und machten die Luft unklar, in
der sich eisesstarr die Bäume um den See erhoben. Bronzene Januarkälte hüllte
Himmel und Landschaft ein; der Himmel war der Sonne verschlossen. Doch die Schwäne,
die Ränder des Eises und die fahlen Regency-Häuserreihen im Hintergrund besaßen
einen unnatürlichen Schimmer, als sei die Kälte Licht. Der tiefe Winter hat
etwas Überwältigendes. Auf den Brücken und den schwarzen Gehwegen hallten
Schritte. Das Wetter blieb; heute nacht würde es stärker frieren.
Auf der Fußgängerbrücke zwischen dem Land und einer Insel standen, ans Geländer
gelehnt, ein Mann und eine Frau und unterhielten sich. Während alle anderen
eilig durch die bittere Kälte liefen, hatten sie sich zu einer langen,
sommerlichen Pause entschlossen. Reglos, nur mit sich beschäftigt, wirkten sie
wie Liebende. Dabei lagen ein paar Zentimeter zwischen ihren Ellenbogen, und sie
waren auch nicht voneinander gefesselt, sondern von dem, was die Frau sagte. In
den dicken Mänteln sahen ihre Körper geschlechtslos und steif wie
Schachfiguren aus. Sie waren wohlhabend, in dem Bollwerk von Pelz und Tuch
erzeugten ihre Körper eine beständige Wärme. Sie konnten die Kälte nur
sehen; wenn sie sie spürten, dann nur an ihren äußeren Gliedmaßen. Hin und
wieder stampfte er mit den Füßen, hielt sie sich den Muff vors Gesicht. Durch
den Kanal unter der Brücke schob sich das Eis, und während sie redeten, wurden
ihre Spiegelbilder in einem fort gebrochen.
Er sagte: »Du warst wahnsinnig, das Ding überhaupt anzufassen.«
»Ach was, ich bin überzeugt, du hättest es auch getan, St. Quentin.«
»Nein, das bezweifle ich. Eigentlich will ich nie wissen, was andere denken.«
»Wenn ich nur im entferntesten geahnt hätte –«
»Egal, du hast darin gelesen.«
»Und ich war selten so entsetzt.«
»Du Ärmste! ... Wie hast du es denn gefunden?«
»Ich habe es gar nicht gesucht«, erwiderte Anna rasch. »Am besten, ich hätte
überhaupt nicht gewußt, daß das Ding existiert. Bis dahin hatte ich auch
keine Ahnung. Portias weißes Kleid ist mit einem von mir aus der Reinigung
gekommen; ich habe meins ausgepackt, weil ich es anziehen wollte, und da
Matchett an dem Tag nicht da war, habe ich ihres in ihr Zimmer gebracht, um es
dort aufzuhängen. Sie war natürlich auch nicht da, sondern in der Schule. Ihr
Zimmer sah furchtbar aus, womit ich ja jetzt schon immer rechne. Sie hat allen möglichen
Krimskrams da stehen, den Matchett nie anrühren würde. Du weißt doch, wie
manche Bedienstete sind – unsereins piesacken sie, und bei Kindern oder Tieren
entschuldigen sie alles mit Temperament.«
»Du würdest sie als Kind bezeichnen?«
»In vieler Hinsicht ist sie eher wie ein Tier. Ich habe das Zimmer so hübsch für
sie hergerichtet. Woher sollte ich wissen, wie wenig Augenmensch sie ist. Jetzt
gehe ich kaum noch hinein, man verliert einfach die Lust.«
Mäßig interessiert sagte St. Quentin: »Wie ärgerlich für dich!« In seinem
mehrfach um den Hals geschlungenen Schal hatte er den Kopf gedreht und
betrachtete Anna mit distanzierter Aufmerksamkeit. Wenn sie mit ihm zusammen
war, neigte sie dazu, sich und ihre selbstmitleidigen Klagen ins Lächerliche zu
ziehen, bis sie sich exakt so sah, wie er die Frauen sah. Einen Hauch freundlich
frivol setzte sie sich
ihm zu Gefallen gleich herab. Er betrachtete ihr Übertreiben zwar als Täuschungsmanöver,
mochte aber Anna, die er sehr mochte, dadurch nur noch mehr. Ihre glatten
Konturen, ihr mokant gelassenes Lächeln, die Art, wie sie ihr Kinn einzog, wenn
sie denn lächelte, erinnerten ihn oft an eine gelangweilte, spöttische weiße
Ente. Jetzt aber zweifelte er nicht daran, daß sie nicht nur übertrieb,
sondern sich auch wirklich ärgerte. Das Kinn tief in den großen Pelzkragen
gedrückt, runzelte sie unter der spitz nach vorn gezogenen Pelzkappe die Stirn
und schaute mißlaunig auf ihren Muff hinunter. Ihre feinen blonden Wimpern
lagen auf ihren Wangen; ab und zu nahm sie eine Hand aus dem Muff und tupfte
sich mit einem Taschentuch die Nasenspitze ab. Sie spürte, wie St. Quentin sie
ansah, ignorierte es aber. In seinem Mitleid mit den Frauen entdeckte sie ein
wenig Gehässigkeit.
»Dabei habe ich ihr Kleid nur aufgehängt«, fuhr sie fort, »und mich dann
einmal umgeschaut, weil ich dachte, ich müßte. Wie immer wurde mir das Herz
schwer, eigentlich, fand ich, sollte ich bei Gelegenheit ein Machtwort mit ihr
sprechen. Aber sie und ich, wir haben ein komisches Verhältnis. Wenn ich nämlich
tatsächlich mal ein Machtwort spreche, merkt sie es überhaupt nicht. Sie ist
Dingen gegenüber ganz unnormal dickfellig. Hüte behandelt sie wie alte
Briefumschläge. Dinge, die ihr gehören, scheinen ihr eigentlich gar nicht zu
gehören. Verstehst du, was ich meine? Ihr etwas zu schenken ist sinnlos, es sei
denn, es ist etwas zum Essen, und das mag sie auch nicht immer. Es liegt
vielleicht daran, daß sie immer in Hotels gelebt haben. Ich habe zum Beispiel
gedacht, ihr gefiele vielleicht ein kleiner Sekretär von Thomas’ Mutter. Gut
möglich, daß ihr Vater ihn benutzt hat. Den Sekretär habe ich in ihr Zimmer
stellen lassen; er hat verschließbare Schubladen und eine recht breite,
herunterklappbare Platte zum Schreiben, die man auch verschließen kann. Ich
hatte gehofft, sie würde daran merken, daß ich wirklich wollte, daß sie ihr
eigenes Leben führt. Und weißt du, vielleicht ist es ja voreilig, aber wir
haben ihr sogar einen Haustürschlüssel gegeben. Die Schlüssel für den Sekretär
hat sie aber offenbar verloren, jedenfalls war nichts abgeschlossen, und sie
waren auch nirgendwo zu sehen.«
»Wie ärgerlich«, sagte St. Quentin noch einmal.
»Und ob. Denn wenn sie – Aber... Jedenfalls fiel mein Blick auf den dummen
kleinen Sekretär. Sie hatte ihn vollgepackt, also wirklich, vollgeladen wie
eine Müllhalde. Anscheinend hortet sie gern Papier; sie kriegt fast keine
Briefe, bewahrt aber alle möglichen Sachen auf, die Thomas und ich wegwerfen,
Bettelbriefe zum Beispiel oder solche Gesundheitsbroschüren von Quacksalbern.
Wenn ich Matchett wäre, würde ich sagen: Es hat mir einen gehörigen Schrecken
eingejagt.«
»Als du den Schreibtisch aufgemacht hast?«
»Ja, er sah furchtbar aus! Die Schreibplatte ließ sich gar nicht hochklappen,
die Papiere hingen nach allen Seiten über und klemmten sogar in den
Scharnieren. Ich fing vor Wut an zu zittern, frag mich nicht, warum. Ich habe
die Papiere alle zusammengeschoben und auf den Sessel geworfen; ich wollte sie
dort liegenlassen und ihr sagen, sie müsse Ordnung halten. Unter den Papieren
waren ein paar Schulhefte mit Notizen, die sie im Unterricht gemacht hatte, und
unter den Schulheften das Tagebuch, und das habe ich, wie gesagt, gelesen.
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