Älter Werden von Silvia Bovenschen, 2006, S. Fischer

Silvia Bovenschen

Älter Werden
(Leseprobe aus: Älter werden, Notizen, 2006, S. Fischer)

Anfangen Aufhören
Wann habe ich angefangen, bei der Ansicht älterer Filme zu
registrieren, welche der Schauspieler schon gestorben sind?
Wann habe ich angefangen, bewußt im Fernsehen alte
deutsche Filme aus den fünfziger oder frühen sechziger Jahren
anzusehen, Filme, die mich (ihr Inhalt nicht und ihre Ästhetik
schon gar nicht) überhaupt nicht interessieren, nur in der
Hoffnung, noch einmal den stillen Frieden kriegsverschonter
Straßen in den sogenannten besseren Wohngegenden der
Städte zu sehen: selten mal ein Auto, zuweilen ein Motorrad
mit Beiwagen, baumgesäumte, stille Straßen in Schwarzweiß,
holpriges Pflaster, freilaufende Hunde … Ich sehe die Stille
eines Sommertages. War ich als Kind glücklich, als ich das sah,
oder will ich mich jetzt darin als glückliches Kind sehen?
Wann habe ich angefangen, die Menschen auf der Straße
einzuteilen in diese, die leben wollen, und in jene, die leben
müssen?
Als Heiner Müller in einem Interview kundgab, daß der Zeitpunkt
erreicht sei, da die Zahl der gegenwärtig Lebenden größer
sei als die der Toten aller Vergangenheit, habe ich überlegt,
wann der Zeitpunkt erreicht sein wird, da die Zahl der in mir
präsenten Toten, die ich einmal mochte, gar liebte, größer sein
wird als die der mir nahestehenden Lebenden.
Jahreszeiten
Einst, als Kind, nahm ich die Jahreszeiten, wie sie kamen –
den Wechsel von Helligkeit und Dunkelheit, Wärme und
Kälte, Schulzeit und Ferienzeit. Es lohnte nicht, über diese
Ablösungen nachzudenken, das Jeweilige dauerte zu lang,
unendlich lang. Im Winter konnte ich mir nicht einmal mehr
sehnend vorstellen, daß es dereinst wieder Sommer werden
würde.
Wann habe ich angefangen, die Jahreszeiten ernst zu nehmen?
Im Herbst den Anfang eines Sterbens zu sehen? Mich
vor dem Winter zu fürchten, wirklich zu fürchten?
Altern des Lachens
Wenn ich jetzt Filme sehe, die ich in meiner Jugend schon einmal
sah, schäme ich mich nicht bei der Erinnerung, daß mich
einst diese Schnulze (wann wurde dieses Wort aufgegeben?)
zum Weinen brachte, wohl aber bei der, daß ich einmal bei
jener Klamotte herzlich lachte.
*
Dicke Pferde
Sie verschwanden so langsam, so schleichend aus dem Straßenbild,
daß mir ihr Verschwinden erst viel später auffi el, als
es sie lange schon nicht mehr gab: die Gezeichneten, die Versehrten,
die Krüppel, wie man damals noch sagte. Männer an
Krücken, ein leeres Hosenbein hochgebunden, ein inhaltsloser
Jackenärmel schlaff herunterhängend, die starre hölzerne
Hand im schwarzen Handschuh, schlecht geflickte Gesichter.
wieder ins Bett gehen könnte«, sagt meine achtundachtzigjährige
Freundin F. G. am Telephon. »Das kenne ich«, sage ich.
»Wenn ich kleine Arbeitsgänge im Haushalt erledigt habe, die
ich früher so nebenbei hinter mich gebracht hätte, muß ich
mich gleich wieder hinlegen«, sagt sie. »Das kenne ich«, sage
ich. »Für alles, wirklich für alles, was ich tue, brauche ich jetzt
die doppelte, wenn nicht dreifache Zeit«, sagt sie. »Das kenne
ich«, sage ich. »Es vergeht kein Tag, am dem ich nicht an den
Tod denke«, sagt sie. »Das kenne ich«, sage ich. Dann erzählt
sie mir übergangslos eine witzige Alltagsbeobachtung, die mir
sagt, daß sie noch gerne lebt. Dieses Nebeneinander kenne ich
auch.
So gesehen, nach Maßgabe solcher Erfahrungen, hätte ich
das Buch schon vor zwanzig Jahren schreiben können.
Verkaufsüberlegungen
Einst sollte dieses Buch den Titel »Einst« erhalten. Ich mag dieses
diffuse Wort. In seiner Unbestimmtheit entspricht es dem
Zustand meines Gedächtnisses. Diese Analogie überdeckte
ein leichtes Unbehagen im Hintergrund. Bis meine Freundin
S. Sch. sagte: »Nicht schlecht, aber für einen Titel doch etwas
betulich.« Genau! »Älter werden« fand Gnade bei ihr.
Jetzt: »Vielleicht solltest du dir doch noch einen anderen Titel
überlegen«, sagt mein Lektor, der ein Freund ist, am Telephon.
Er ist zwanzig Jahre jünger als ich. »Warum?« frage ich. »Es
könnte sein, daß sich von dem Titel ›Älter werden‹ nur Ältere
angesprochen fühlen«, sagt er. »Warum?« frage ich tückisch
weiter. »Älter wird man doch vom ersten Tag des Lebens an.«
Er lacht etwas genervt.
Er hat natürlich recht. Ab der Mitte des Lebens steht das
Altern anders im Bewußtsein als in den vorangegangenen Jah19
ren. Das Buch »Älter werden« hätte ich mir ohne Empfehlung
im Alter von dreißig Jahren wahrscheinlich nicht gekauft. Ich
ändere den Titel trotzdem nicht.
»Würdest du ein Buch mit dem Titel ›Älter werden‹ kaufen?«
frage ich am gleichen Tag meinen Freund Th. J., der auch
zwanzig Jahre jünger ist. »Auf keinen Fall«, sagt er. »Warum?«
– »Es klingt wie ein Ratgeber-Buch.«
Ich überlege, ob ich den Titel nicht doch ändern sollte.
Wenige Stunden später ruft mich mein Freund A. G. D. an
– auch er ist erheblich jünger. Ich frage ihn, was er von dem
Titel hält: »Guter Titel«, sagt er, »lakonisch und einfach.« Ich
bin froh, er war mir immer ein guter Ratgeber und Anreger
für meine Texte. Wie angenehm sind doch Ratschläge, die den
eigenen Neigungen entgegenkommen.
Seenot
MS. Ich wußte früh, daß dies die Abkürzung für Motorschiff
ist. Wenn ich die Abkürzung oder das Wort Motorschiff hörte,
assoziierte ich eine Zeitlang ein kleines Boot, das ich als Kind
besaß. Es war etwas zu groß für die Badewanne. Aber wenn
wir im Sommer an einen See fuhren, kam es zum Einsatz. Es
war weiß, hatte einen großen Schornstein, einen Kajütenaufbau,
war bunt bewimpelt, und am Bug stand MS Esperanza.
Aber dann, noch in satter Jugend, mußte ich erfahren, daß
MS auch die Abkürzung für eine tückische Krankheit ist, die
mich befallen hatte. Rasend schnell drehte sich der Assoziationswind.
Plötzlich befand sich das fröhlich beflaggte Schiffchen,
das einst einen sommerlichen Ausflugsspaß verhieß, in
schwerer See.

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