aus: Die Verbündeten
Als Madame Louise Aftalion in Begleitung ihres Sohnes Nicolas in Paris ankam, ließ sie sich unverzüglich zu ihrer Schwester Thérèse Cocquerel fahren, die sie seit mehr als fünfzehn Jahre aus den Augen verloren hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann bewohnte diese in unmittelbarer Nähe der École militaire eine Sechszimmerwohnung in der fünften Etage eines alten Mietshauses, das der Eigentümer, sobald Wohnungen frei wurden, aus Freude am Renovieren ebenso wie aus Gewinnsucht mit modernem Komfort ausstatten ließ, um auf diese Weise die Mieten verdoppeln zu können. Die Wohnungen waren geradezu lächerlich bescheiden. So lag die Wohnung der Cocquerels, deren Fenster fast alle auf die Avenue Bosquet gingen, bei einer Jahresmiete von zweitausend Francs. Thérèse hatte eine Rumpelkammer in ein Badezimmer umbauen lassen. Da es kein Fenster hatte, beschlugen die Spiegel wegen des Dampfes innerhalb von wenigen Sekunden, während sich unter der Decke eine Dunstwolke bildete. Der Salon befand sich an einer Ecke des Hauses. Deshalb, aber auch wegen der länglichen Fenster, die bis auf den Fußboden reichten, war es im Winter bitterkalt. Allen Gegenständen in diesem Zimmer haftete etwas Provinzielles an. Auf einem Konsoltischchen lag ein Fotoalbum mit Kupferverschluß. Um es zu füllen, hatte Benjamin, Thérèses Mann, Postkarten hinzugefügt, Ansichten, die er mit der Schere bearbeitete, damit keine weiße Litze ihre Herkunft verriet. Überall lagen Muschelschalen, Glöckchen und Strandsouvenirs herum. Zwei Porträts von Madame Perrier, der Mutter Thérèse Cocquerels und Louise Aftalions, zierten die Wände. »Bilias Hand hat es verstanden, die Ähnlichkeit einzufangen.« Bilia, ein Freund der Eltern der beiden Schwestern, war der Schöpfer dieser Porträts. Er war ein Künstler, dem ein Platz in der Familie eingeräumt worden war, ein Künstler, über dessen Ruf sich die Perriers überall erkundigten, dessen Namen sie in den Kunstrubriken suchten, dessen Werke sie in den Ausstellungen bewunderten. Der Vater hatte nie Modell stehen wollen, unter dem Vorwand, er sei zu häßlich. »Dein Gesichtsausdruck ist zu eigen, als daß ich dich nach einer Fotografie hinkriegen könnte«, meinte Bilia. Und alle Jahre wieder malte er das Porträt von Madame Perrier. Damals bewohnte Bilia ein großes Atelier in Passy, wo ihn die Familie Perrier des öfteren aufsuchte, nicht ohne daß zuvor tausend Ermahnungen, bloß nichts anzurühren, an die Kinder - Thérèse, Louise, Charles und Marc - ergangen wären. Die Besuche bei dem Maler waren ein Fest. Madame Perrier versäumte es nie, auf den Hängeboden zu steigen, wo sein Zimmer eingerichtet war, und von der Balustrade aus, auf die sie ihre Ellbogen stützte, das Atelier darunter bewunderungsvoll zu betrachten. Die Wände waren bedeckt von Gemälden und Masken aus Gips, die, wie sieglaubte, von Toten abgenommen worden waren, sowie Farbskizzen, wie Bilia seine Landschaften und Entwürfe nannte.
Vom Salon aus gelangte man durch zwei Türen, die bedingt durch eine mechanische Vorrichtung gleichzeitig aufgingen, in den vollständig getäfelten Speiseraum, dessen Zimmerdecke mit Kassetten verziert war, denen die Maler den Farbton und die Maserung von Eichenholz gegeben hatten. Nachdem man einem langen Flur gefolgt war, von dem die Küche sowie die kleine Kammer abzweigte, in der das Badezimmer eingerichtet war, kam man ins Schlafzimmer. Das durch zahlreiche Vorhänge, Stores und Gardinen fallende Licht war sanft und verlieh diesem Zimmer eine intime Atmosphäre. Man ahnte, daß Benjamin dort auf andere Gedanken kommen, seine Sorgen vergessen und sich an kindlichen Beschäftigungen erfreuen sollte. Das Nachbarzimmer gehörte der Tochter der Cocquerels, Edmonde, die es im übrigen nicht bewohnte, denn sie war auf einem Gymnasium in Saint-Germain. Das letzte Zimmer, normalerweise ein Abstellraum, war für die Aftalions hergerichtet worden. Für Nicolas hatte das Dienstmädchen ein Sofa vom Dachboden heruntergeschafft; es verschwand hinter einem Wandschirm. In einem Wandschrank war ein eiserner Waschtisch, wie man sie in Krankenhäusern findet, verstaut worden. Da der Wasserkrug wegen der gebogenen Tischfüße nicht in den Wandschrank hineinpaßte, war er in einer Zimmerecke versteckt und mit einem Handtuch überdeckt worden. Thérèse hatte kurz nach dem Tod ihres Vaters dessen Sekretär geheiratet. Ein Jahr später hatte sie ihre Tochter Edmonde bekommen und war in diese Wohnung gezogen, in der Benjamin geboren und seine Eltern gestorben waren. Verbittert von einem Leben, in dem die Höhepunkte fehlten, brachte sie ihrer jüngeren Schwester einen tiefen Haß entgegen. »Ich bin nicht schlecht«, sagte sie, »aber ich wünschte, ihr würde etwas zustoßen. Das brächte sie zum Nachdenken.« Nein, bösartig war sie nicht. Es kam oft vor, daß sie angesichts des Schicksals unglücklicher Menschen Mitleid empfand. Aufrichtig wünschte sie, ihnen helfen zu können. Doch immer gab es etwas, das sie, wie ihr schien, letztendlich daran hinderte.
Verbissen verteidigte sie ihren Mann. Sie war egoistisch, aber sie war es auch in seinem Sinne. Sie lebte ebensosehr für ihn wie für sich selbst. So achtete sie, wenn sie sich zum Ausgehen bereitmachten, auf seine Kleidung gleichermaßen wie auf die ihre. Sie kochte ihm komplizierte Gerichte, nahm seinen Arm, sobald sie im Freien waren, ja manchmal sogar im Haus, wenn sie von einem Zimmer ins andere gingen. Sie wollte, daß die anderen Frauen sie um diesen Mann beneideten. Sie hatte ein Art, die anderen anzusehen und sich gleichzeitig an ihn zu drücken, womit sie zu sagen schien: »Dies ist ein rechtschaffener Ehemann. Der ist nichts für euch.« Wenn sie in ihrem Automobil saß und darauf wartete, daß Benjamin den Wagen vollgetankt hatte, verspürte sie tiefe Genugtuung darüber, ihn beschäftigt zu sehen, und dabei so gleichgültig gegenüber den vorbeigehenden Leuten.
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