Der Stiefsohn von Emmanuel Bove, 2002, Manholt-VerlagEmmanuel Bove

aus: Der Stiefsohn

Der Sommer ging zu Ende, als Jean-Noël einen Brief erhielt, auf dem die erste Adresse durchgestrichen war. Die Streichungen und die darübergeschriebenen Wörter erinnerten ihn an den Brief von Marguerite, und bange riß er den Umschlag auf. Der Brief kam von Madame Mercier. Sie schrieb ihrem Sohn, er könne sich noch so gut verstecken, sie würde ihn schon ausfindig machen. Émile sei von Monsieur Wurtzel entlassen worden. Wegen Jean-Noël und wegen Odile, dieser Heuchlerin, sitze sie jetzt in einer Wohnung, deren Miete viel zu hoch sei für sie. Das alles sei ein abgekartetes Spiel gewesen. Als Jean-Noël sie gezwungen habe, aus der Rue Mouton-Duvernet wegzuziehen, habe er schon gewußt, daß er seine Frau verlassen und seine Mutter in diese Lage bringen werde. Er sei wie sein Vater. Annie habe ihm den Kopf verdreht. Aber es gebe eine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Madame Mercier würde ihre Rivalin wiederfinden, und wenn sie dazu auch ihre ganzen Ersparnisse aufbrauchen und sich anschließend an einen Polizeikommissar wenden müsse. Der Brief, der zu einem Zeitpunkt kam, da Jean-Noël jeden Tag darauf gefaßt war, von Marguerite vor Gericht gestellt zu werden, brachte ihn völlig aus der Fassung. Einen Augenblick lang dachte er daran, Madame Mercier zu schreiben, um ihr zu sagen, sich zu gedulden, und um ihr zu sagen, er werde ihr unverzüglich Geld geben. Aber was hätte das genutzt? Dann nahm er sich vor, Annie alles zu erzählen. Er wartete ungeduldig auf ihre Heimkehr. Als sie am späten Nachmittag noch immer nicht zurück war, gab er diesen Vorsatz auf. Annie kehrte auch zum Abendessen nicht zurück. Schließlich ging er allein in das kleine Restaurant in der Rue Campagne-Première. Als er wieder ins Atelier kam, war Madame ‘tlinger noch nicht immer da. Er richtete seinen Arbeitstisch her, zündete eine Petroleumlampe an und löschte das elektrische Licht, dann setzte er sich in einen Sessel und schloß die Augen. Da das Fenster offenstand, schwirrten Nachtfalter um die Lampe. Aus einem benachbarten Atelier drang Musik herüber. Der Abend hatte etwas unendlich Friedliches. Es war nur ein Sommerabend wie alle anderen, voll jener Melancholie, die durch die Entspannung vor dem Schlaf aufkommt. Von Zeit zu Zeit dachte Jean-Noël an Marguerite, an den Brief, den er erhalten hatte. Was würde in den nächsten paar Tagen geschehen? Wie kam es, daß Marguerite nichts von sich hören ließ, obwohl er sein Versprechen nicht gehalten hatte? Stellte auch sie ihm bis in die Rue Boissonnade nach? Diese Überlegungen hinderten ihn jedoch nicht daran, aufmerksam auf jeden Widerhall von Schritten im Hof zu horchen, damit er Zeit hätte, sich an seinen Arbeitstisch zu setzen, denn er wußte, daß das Bild, das er abgäbe, so mitten in der Nacht, mit der Lampe, die seine Bücher und Papiere beleuchtete, auf seine Stiefmutter Eindruck machen würde. Zehn Minuten waren vergangen, seit es Mitternacht geschlagen hatte, als er ein Auto vor dem Haus anhalten hörte und kurz darauf Annies Stimme. Wahrscheinlich hatte ein Freund sie nach Hause begleitet, und sie bedankte sich bei ihm. Dann erkannte er ihre Schritte im Hof, im Treppenhaus. Er saß schon eine ganze Minute an seinem Tisch, als Annie, statt hereinzukommen, anklopfte. Ohne es zu merken, hatte er die Tür abgeschlossen. Er stand widerwillig auf, ging öffnen, und erst nachdem sie gesehen hatte, daß einzig die Petroleumlampe brannte, betätigte er den Schalter. »Schön«, sagte Madame ‘tlinger gleichgültig, » so zu arbeiten.«

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