Ein Vater und seine Tochter von Emmanuel Bove, 2002, Manholt-VerlagEmmanuel Bove

aus: Ein Vater und seine Tochter

Jean-Antoine About galt im Stadtviertel der Place Vintimille als wunderlicher Mann. Sein Alter war schwierig zu bestimmen. »Ich bin sicher, er ist gut und gern sechzig«, sagten die einen. Andere sahen in ihm einen Mann reiferen Alters, der vorzeitig gealtert war. Obschon er zu Beginn des Jahrhunderts in dieses Viertel gezogen war, kannte man ihn erst seit fünf, sechs Jahre vom Sehen. Seine unordentliche Kleidung, sein schmutziges Äußeres, sein verstörter Gesichtsausdruck hatten die Leute auf ihn aufmerksam gemacht. Was aber den kleinen Ladeninhabern der umliegenden Straßen vor allem keine Ruhe ließ, war die Tatsache, daß er in einem Bürgerhaus wohnte, über dessen Fassade sich im zweiten und fünften Stockwerk der ganzen Länge nach ein Balkon zog.
Dieses Haus, in dem Jean-Antoine About eine der zwei Wohnungen in der vierten Etage bewohnte, stand in einer Straße in unmittelbarer Nähe des Square Vintimille, und tatsächlich erblickte er einen Teil des Gitters und die ersten Baumgruppen des kleinen Parks, wenn er sich aus dem Fenster lehnte. Oft stand er mit aufgestützten Armen am hintersten Fenster der Wohnung. Es gehörte zu einem Zimmer, dessen abgeschrägte Wand das Nachbarhaus berührte und daher unpraktisch war. Aus diesem Grund war der Raum auch als Badezimmer eingerichtet worden und diente nun als Abstellkammer.
Jean-Antoine About hatte sich hier einen kleinen Winkel eingerichtet, worüber seine Frau, als sie sein Leben noch geteilt hatte, zu spötteln pflegte: »Du brauchst wohl immer einen kleinen Winkel!Š« oder: »Kannst du denn nicht leben ohne Verschlag?«
Von diesem Platz aus überschaute er ein Drittel des Squares, was ihn erbitterte, wenn sich ein Unfall ereignete oder ein Streit losbrach, denn in diesen Situationen bot sich seinen Augen nur eine der Parteien oder nur der vordere Teil eines Automobils dar. War er angekleidet, ging er dann hinaus, mischte sich unter die Schaulustigen und spähte zu den Fenstern hoch, um mit Handzeichen zu bedeuten, »es lohne sich herunterzukommen«. Doch diese Zeichen brauchten nur von ihm zu kommen, damit keiner der Mieter, die an die Fenster geeilt waren, sich rührte.
Man ging ihm aus dem Weg. Es gab Leute, die sich nach ihm umdrehten, wenn er vorbeiging, andere wichen aus wie bei Betrunkenen, von denen man befürchtet, sie könnten einen Schritt zur Seite tun. Er schaute die Frauen auf so unverschämte Art und Weise an, daß die Mütter, wenn er näherkam, ihre Töchter einschlossen, daß manche Passantin, um ihm zu trotzen, die Augen nicht niederschlug, während andere sich bemühten, ihn zu ignorieren. Er blieb vor den Geschäften stehen, um die Verkäuferinnen zu begaffen. Man sagte, er gehöre in Polizeigewahrsam. Mehrere Ladenbesitzer hatten ihm mit einer Tracht Prügel gedroht. Er verkehrte mit zwielichtigen Gestalten ohne abknöpfbaren Kragen und mit auffälligen Stiefeletten, in deren Gesellschaft er in Cafés gesehen worden war. Schließlich führte die Polizei auf die Bitte zahlreicher Bewohner des Stadtviertels, die eine Art Petition eingereicht hatten, eine Untersuchung durch. Doch sie ergab nichts.
Antoine About lebte allein mit einer alten Dienstmagd namens Nathalie, die er duzte, die er beschimpfte, der er jedoch völlige Freiheit ließ. Eine fixe Idee trieb ihn dazu, ihr den Hof zu machen. Er konnte ihr nicht gegenübertreten, ohne zu versuchen, sie mit einem anzüglichen kleinen Lachen um die Taille zu fassen. Sie wies ihn sanft zurecht. Wie ein Kind behandelt zu werden, brachte ihn nicht in Harnisch. Geduldig versuchte er erneut, seine Dienstmagd zu küssen, ohne daß deren Weigerung ein Gefühl der Wut oder der Enttäuschung in ihm auslöste. Etwas wie Angst, wie Schwäche bewirkte, daß seine Annäherungsversuche harmlos blieben, und Nathalie nahm sie nicht ernst. So verging kein Tag, an dem er ihr, in der Vertiefung einer Tür verborgen, nicht auflauerte und sich auf sie stürzte.
Und sogar in der Nacht, wenn er nach Hause kam, versuchte er, in Nathalies Zimmer einzudringen, die es nicht versäumte, ihre Tür abzuschließen. Da klopfte er dann, flennte, rief: »Mach mir aufŠ NathalieŠ ich liebe dichŠ mach mir aufŠ« Danach ging er zu Bett, ohne sich auszuziehen, ohne Licht zu machen, wie zu der Zeit, als er Kommis war und in einer Mansarde wohnte.

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