Der Überraschungsgast von Grégoire Bouiilier, 2008, Nagel-Kimche

Grégoire Bouillier

Der Überraschungsgast
(Leseprobe aus: Der Überraschungsgast, Roman, 2008, Nagel & Kimche - Übertragung Claudia Kalscheuer).

Es war der Tag, an dem Michel Leiris starb. Gegen

Ende September 1990 oder gleich Anfang Oktober,

das genaue Datum weiß ich nicht mehr, egal, das

kann man später immer noch nachprüfen, jedenfalls

muss es ein Sonntag gewesen sein, denn ich war mitten

am Nachmittag zu Hause und es war kalt für die

Jahreszeit, ich hatte mich in eine Decke gewickelt und

war angezogen eingeschlafen, wie fast immer, wenn

ich allein war. Kälte und Vergessen, das war alles, was

ich mir zu jener Zeit wünschte, aber das beunruhigte

mich nicht weiter: Ich wusste, eines Tages würde der

richtige Moment kommen, um wieder ins Leben einzusteigen,

und damit hatte ich es nicht eilig. Ich hatte

genug gesehen, meinte ich. Menschen, Dinge, Landschaften

… genug, um ein oder zwei Jahrhunderte

darüber nachzudenken, und wozu dem Lauf der

Dinge vorgreifen? Ich wollte keinen Ärger mehr.

Doch da weckte mich das Telefon. Im Zimmer war

es fast vollkommen dunkel. Ich nahm ab. Und sofort

wusste ich, dass sie es war. Noch bevor ich es wusste,

war mir klar, dass sie es war. Es war ihre Stimme, ihr

Atem, beinahe ihr Gesicht, und mit ihm tauchten aus

der Vergangenheit tausend Freuden auf, die golden in

der Sonne glänzten und mir das Gesicht streichelten

und die Finger leckten, und die meisten schaukelten

an einem Strick hin und her.

Sogleich hatte ich mich in meinem Bett aufgerichtet,

das Herz hüpfte mir in der Brust, ich hörte deutlich,

wie es unglaubliche, gleichsam elektrisierte Sprünge

vollführte und im ganzen Raum widerhallte, nein, es

konnte keine Täuschung sein, ich träumte nicht, sie

war es tatsächlich, solche Gefühle lügen nicht, auch

wenn ich meinen Ohren kaum traute, dass sie plötzlich

anrief nach all den Jahren, in denen sie nichts von

sich hatte hören lassen, nichts, kein Lebenszeichen,

niemals. Am Ende kommt es doch immer, wie es

kommen muss, dachte ich den Bruchteil einer Sekunde

lang, und noch dazu am Todestag von Michel

Leiris, dachte ich sofort darauf, und dieser Gedanke

erschien mir so verblüffend, dass ich meinte, gleich

loslachen zu müssen, als rührte ich damit an die Komik

der Dinge selbst oder an eine so übergroße Wahrheit,

dass nur ein Lachanfall mich davor schützen

konnte; doch vielleicht war es gar kein Zufall, und auf

einmal durchfuhr mich der Gedanke, dass sie vielleicht

nie angerufen hätte, wenn Michel Leiris nicht

gestorben wäre, ja, wahrscheinlich hatte sie davon

gehört, und sein Verschwinden hatte sie dazu bewegt,

wieder in meinem Leben aufzutauchen, unterschwellig

war das vielleicht der Auslöser gewesen; jedenfalls

ahnte ich da eine Verbindung, in den Träumen ist es ja

angeblich auch so, dass nie das Vordergründige, sondern

irgendein Detail verrät, was sie bedeuten, und

davon, dass es in der Wirklichkeit, der sogenannten

Wirklichkeit, genauso läuft, war ich schon lange überzeugt.

Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um eine solche

Diskussion loszutreten, und überhaupt vermied

ich es, zu viele Worte zu machen, denn ich merkte,

dass meine Stimme matt, dumpf und benommen

klang, und ich versuchte instinktiv zu verheimlichen,

dass ihr Anruf mich geweckt hatte, ja, in diesem Augenblick

zählte für mich nichts anderes, selbst um

den Preis, distanziert, kalt und gleichgültig zu wirken.

Warum rief sie zudem nicht nur ausgerechnet am

Todestag von Michel Leiris an, sondern auch noch,

wenn ich gerade schlief, wenn ich am wehrlosesten

und außerstande war, angemessen auf ihren Anruf zu

reagieren, ja sogar ganz und gar unfähig, dieses Wunder

zu würdigen.

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