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Der Überraschungsgast
Es war der Tag, an dem Michel Leiris starb. Gegen
Ende September 1990 oder gleich Anfang Oktober,
das genaue Datum weiß ich nicht mehr, egal, das
kann man später immer noch nachprüfen, jedenfalls
muss es ein Sonntag gewesen sein, denn ich war mitten
am Nachmittag zu Hause und es war kalt für die
Jahreszeit, ich hatte mich in eine Decke gewickelt und
war angezogen eingeschlafen, wie fast immer, wenn
ich allein war. Kälte und Vergessen, das war alles, was
ich mir zu jener Zeit wünschte, aber das beunruhigte
mich nicht weiter: Ich wusste, eines Tages würde der
richtige Moment kommen, um wieder ins Leben einzusteigen,
und damit hatte ich es nicht eilig. Ich hatte
genug gesehen, meinte ich. Menschen, Dinge, Landschaften
… genug, um ein oder zwei Jahrhunderte
darüber nachzudenken, und wozu dem Lauf der
Dinge vorgreifen? Ich wollte keinen Ärger mehr.
Doch da weckte mich das Telefon. Im Zimmer war
es fast vollkommen dunkel. Ich nahm ab. Und sofort
wusste ich, dass sie es war. Noch bevor ich es wusste,
war mir klar, dass sie es war. Es war ihre Stimme, ihr
Atem, beinahe ihr Gesicht, und mit ihm tauchten aus
der Vergangenheit tausend Freuden auf, die golden in
der Sonne glänzten und mir das Gesicht streichelten
und die Finger leckten, und die meisten schaukelten
an einem Strick hin und her.
Sogleich hatte ich mich in meinem Bett aufgerichtet,
das Herz hüpfte mir in der Brust, ich hörte deutlich,
wie es unglaubliche, gleichsam elektrisierte Sprünge
vollführte und im ganzen Raum widerhallte, nein, es
konnte keine Täuschung sein, ich träumte nicht, sie
war es tatsächlich, solche Gefühle lügen nicht, auch
wenn ich meinen Ohren kaum traute, dass sie plötzlich
anrief nach all den Jahren, in denen sie nichts von
sich hatte hören lassen, nichts, kein Lebenszeichen,
niemals. Am Ende kommt es doch immer, wie es
kommen muss, dachte ich den Bruchteil einer Sekunde
lang, und noch dazu am Todestag von Michel
Leiris, dachte ich sofort darauf, und dieser Gedanke
erschien mir so verblüffend, dass ich meinte, gleich
loslachen zu müssen, als rührte ich damit an die Komik
der Dinge selbst oder an eine so übergroße Wahrheit,
dass nur ein Lachanfall mich davor schützen
konnte; doch vielleicht war es gar kein Zufall, und auf
einmal durchfuhr mich der Gedanke, dass sie vielleicht
nie angerufen hätte, wenn Michel Leiris nicht
gestorben wäre, ja, wahrscheinlich hatte sie davon
gehört, und sein Verschwinden hatte sie dazu bewegt,
wieder in meinem Leben aufzutauchen, unterschwellig
war das vielleicht der Auslöser gewesen; jedenfalls
ahnte ich da eine Verbindung, in den Träumen ist es ja
angeblich auch so, dass nie das Vordergründige, sondern
irgendein Detail verrät, was sie bedeuten, und
davon, dass es in der Wirklichkeit, der sogenannten
Wirklichkeit, genauso läuft, war ich schon lange überzeugt.
Aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um eine solche
Diskussion loszutreten, und überhaupt vermied
ich es, zu viele Worte zu machen, denn ich merkte,
dass meine Stimme matt, dumpf und benommen
klang, und ich versuchte instinktiv zu verheimlichen,
dass ihr Anruf mich geweckt hatte, ja, in diesem Augenblick
zählte für mich nichts anderes, selbst um
den Preis, distanziert, kalt und gleichgültig zu wirken.
Warum rief sie zudem nicht nur ausgerechnet am
Todestag von Michel Leiris an, sondern auch noch,
wenn ich gerade schlief, wenn ich am wehrlosesten
und außerstande war, angemessen auf ihren Anruf zu
reagieren, ja sogar ganz und gar unfähig, dieses Wunder
zu würdigen.
Rezension I Buchbestellung I home III08 LYRIKwelt © Nagel+Kimche