Reinhard Bottländer

Begegnung mit dem Nichts
(Leseprobe aus: Wissen sie, was sie tun?, Erzählungen, 1979)

Ich sprang ihn mit großer Wucht an. Sein Arm mit der Pistole flog zur Seite. Ein Schuss löste sich, bevor die Waffe ihm aus der Hand glitt und zu Boden fiel.

Wir stürzten beide.

Ich zerrte die Handschellen aus dem schwarzen Täschchen, das ich am Gürtel trug; ein uniformierter Kollege sprang hinzu, und dann schlossen sich die eisernen Fesseln mit dem typisch ratschenden Geräusch um seine Handgelenke.

Ich atmete tief durch. Erst jetzt merkte ich, dass meine Knie zitterten und seltsam weich wurden. Langsam wurde mir bewußt, wie angespannt und erregt ich war. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Es hätte schlimmer kommen können, aber alles war ja gutgegangen.

"Das hat ja prima geklappt, Stefan", sagte ich, und als ich nicht sofort eine Antwort bekam, setzte ich hinzu: "Jetzt könnte ich einen guten Schluck vertragen!"

Nun hätte eine lustige Bemerkung kommen müssen, wie sie für Stefan charakteristisch war; doch es blieb still. Ich sah mich um. Stefan lag mit weit aufgerissenen Augen, in denen sich Angst und Entsetzen spiegelten, auf der Erde. Zwei Kollegen knieten neben ihm.

Verwirrt ging ich auf die Gruppe zu.

"Was ist denn los?" fragte ich, und dann sah ich das Blut. Unaufhörlich floß es über sein buntes Hemd.

"Stefan, steh doch auf", sagte ich leise, "komm, steh doch auf!" Und ich merkte, wie sich Tränen aus meinen Augen lösten, wie ein Kloß im Hals mich zu ersticken drohte. Stefan sah mich groß an. Ich spürte, dass er etwas sagen wollte, obwohl sich kein Muskel in seinem Gesicht regte und kein Ton über seine Lippen kam.

"Komm, steh auf, bitte, steh doch auf!"

Ich kniete nieder, nahm ihn in den Arm und legte seinen Kopf an meine Schulter. Und wie von unsichtbarer Gewalt hob sich mein Kopf; ich sah in die Höhe, verharrte so regungslos, bis ich merkte, daß ich in einem stummen Gebet versunken war, und fast erschrocken lösten sich meine ineinandergefalteten Hände über Stefans Brust.

Ich nahm seine Hand.

Ein höhnisches Lachen, dann die Worte: "Wenigstens einen von euch Schweinen habe ich noch erwischt!"

Der Festgenommene wurde fortgezerrt. Es war mir gleich - ich konnte nicht anders, ich weinte haltlos.

Um mich herum liefen Menschen, redeten heftig aufeinander ein. Ich spürte weder Kälte noch Schmerz, weder Hunger noch Durst; ich spürte nichts!

Irgendwann hörte ich eine leise Stimme und fühlte einen sanften Druck auf meiner Schulter. Längst waren die Tränen getrocknet und der Blick wieder klar. Stefan war nicht mehr da. Ich sah auf. Vor mir stand ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte. "Na, komm, steh auf!" sagte eine angenehme dunkle Stimme, und jemand ergriff meinen Arm, "Komm, steh auf, bitte, steh doch auf!"

Ich erhob mich langsam.

Rezension I Buchbestellung I home 0I07 LYRIKwelt © R.B.