Rotlicht von Nora Bossong, 2016, Hanser

Nora Bossong

Letzte Lichter
(aus:
Rotlicht, Roman, 2015, Hanser).

Lust gibt es nicht geschenkt, auch wenn wir das so gerne glauben

wollen. Ich habe das erst spät begriffen, vielleicht bin ich

noch immer dabei. Jedes Mal, wenn ich über den Bahnhofsvorplatz

meiner Heimatstadt gehe, muss ich daran denken.

Noch immer halte ich dort nach einer rot lackierten Tür Ausschau,

an der mein Blick früher oft hängen blieb. Sie gehörte

zu einem einfachen Sexshop, wie es ihn einmal in jeder mittelgroßen

Stadt in Bahnhofsnähe gab, schmuddelig, verrufen

und trostlos. Dieser Sexshop faszinierte mich damals. Er faszinierte

mich umso mehr, je weniger ich konkret über diesen

Ort wusste. Nur manchmal sah ich einen Mann an mir vorbei

in den Laden gehen, wie von einem geheimen Ritual in die

Geschäftsräume gezogen.

Meine Kindheit endete damit, dass ich nicht mehr jeden

Samstag mit meinen Eltern die Stufen zum Überseemuseum

hinaufstieg, um mir strohige Hütten aus Papua-Neuguinea und

chinesische Totenzüge anzusehen. Meine Pubertät begann,

als mir der zweite exotische Ort am Bremer Bahnhofsvorplatz

bewusst wurde: der Beate-Uhse-Laden, mir genauso fremd

und fern wie eine Insel im Pazifik. Immer wieder warf ich verstohlene

Blicke auf die Eingangstür, neben mir eine Freundin,

mit der ich kichernd weiterlief. Obwohl wir bei unseren heimlichen

Seitenblicken aufgewühlt waren, fast wütend, unsere

Entrüstung diffus und konkret zugleich, verloren wir niemals

auch nur ein offenes Wort über den Laden. Wir stellten uns

wohl nur schweigend dieselben Fragen: Was genau verbarg die

rote Tür, die erst ab einem Alter passiert werden durfte, das für

uns in weiter Ferne lag, hinter unzähligen Schuljahren, Zeugnissen,

Sommerferien? Wer ging dort ein und aus? Und warum

wussten wir so genau, dass wir unter keinen Umständen

auch nur das Schaufenster betrachten durften?

Wir waren elf Jahre alt. Heute denke ich: Vielleicht erlebten

wir noch ein letztes Mal jene vertrauensvolle Neugier, die Kinder

empfinden, wenn sie kurz vor dem Einschlafen im Dunkeln

die Stimmen der Erwachsenen im Nebenzimmer hören:

Signale aus einer Welt, die ihnen allein schon deshalb begehrenswert

erscheint, weil sie vor ihnen verborgen ist. Nur die

Wärme, die die vertrauten Elternstimmen in ein solches Begehren

hineintragen, gab es bei unseren heimlichen Blicken

auf die rot lackierte Tür nicht mehr.

Wurden damals, Mitte der neunziger Jahre, Vibratoren in

der Auslage präsentiert, oder wäre das noch zu anstößig gewesen?

Wurde überhaupt etwas ausgestellt, oder war das Fenster

mit roter Plastikfolie abgeklebt? Ich kann mich nicht erinnern.

Gut möglich, dass im Beate-Uhse-Laden meiner Schulzeit das

Schmuddelige bereits nach außen getragen werden durfte,

dass dort hinter der Scheibe Pornomagazine und Strapse auslagen,

Jahre bevor Unternehmen wie die Bremer Fun Factory

ihre taghellen Shops zu einer Art Apple Stores für das möglichst

saubere, stylische Erotikgeschäft machten. Ein Klassenkamerad,

mit dem ich vielleicht auch einmal an jenem roten

Schaufenster vorbeigegangen bin, arbeitet heute dort. Die

Fun Factory stellt ästhetische Dildos und Vibratoren her und

passt sie nicht nur den Körpern der Frauen an, sondern auch

unserem immer größer werdenden Wunsch, nichts Anrüchiges

in der Hand zu halten.

Doch damals ging es uns nicht um die Auslage. Das eigent11

liche Mysterium lag darin, wer das Innere des Geschäftes betreten

durfte und wer nicht, mehr noch: wer auch nur daran

denken durfte, und wer sogar in seinen Gefühlen von dieser

Welt abzurücken hatte. Die bloße Existenz des Ladens ließ

uns spüren, dass uns etwas kategorisch verschlossen war, mir

in meinem türkisfarbenen Anorak, meiner Freundin mit ihrem

pinken Schulranzen. Einmal schaukelten sich Scham und

Neugier bis zur Hysterie hoch, und wir wären an der Ampel

beinahe vor Lachen in die Knie gegangen, hasteten dann aber

doch Hand in Hand die letzten Schritte hinüber auf die Verkehrsinsel.

Übertreten habe ich die Schwelle des Ladens das erste Mal,

als ich fünfzehn oder sechzehn war. Ganz sicher war ich noch

nicht volljährig, denn ich wusste genau, dass mir das Betreten

des Geschäfts aus Altersgründen nicht gestattet war. Dieses

Verbot machte mir meine kurze Expedition seltsamerweise

leichter: Die obszönen Geräte und die pornografischen Magazine,

die Männer vor den Videoregalen, die mir Blicke zuwarfen,

all die Phänomene, die ich bei meinem Streifzug fasziniert

registrierte, musste ich nicht zu nah an mich heranlassen,

da ich mich zugleich mit meiner kleinen Angst beschäftigen

konnte, gleich von jemandem nach meinem Ausweis gefragt

zu werden. Kein Besuch von irgendjemandem hier erschien

mir statthaft und richtig, für mich aber verbot sich dieser Ort

gleich mit doppelter Wucht.

Fast zwanzig Jahre später gehe ich an einem vernieselten

Novemberabend wieder über den Bahnhofsvorplatz. Eine

Spielhalle und ein Billigdiscounter sind in das Haus gezogen,

in dem früher der Beate-Uhse-Laden lag. Grabbelkisten mit

kitschigem Weihnachtsnippes stehen vor der Geschäftszeile.

Natürlich habe ich mich verändert in all den Jahren, ich trage

keine türkisen Anoraks mehr, und Sex erscheint mir nicht

bloß als eine bizarre Idee aus der Bravo, die uns damals den

Biologieunterricht und das Gerede auf Klassenfahrten belebte.

Doch während ich lediglich erwachsen wurde, hat sich die

Erotik grundsätzlicher verändert – und vor allem das Geschäft

mit ihr. Dieses ist nicht älter geworden, sondern optimiert worden:

kaum noch in Seitenstraßen oder Hinterhauswohnungen

versteckt, sondern jederzeit von überall online abrufbar und

ganz und gar auf die Wünsche der Kunden ausgerichtet. Das

Tabu ist heute nur noch ein dünner Schleier, den man stets

beiseiteziehen kann. Einen Moment lang sehne ich mich danach,

noch einmal jenes späte Kind zu sein, das nach etwas

Ausschau hielt, das nur im Augenwinkel existieren durfte.

Das alte Erotikgewerbe stand für das Verruchte. Es verband

Scham und Schmutz, es wollte alles sein, bloß kein geradezu

hysterisch sauberer und familienfreundlicher Flagshipstore

für versteckte Fantasien. Stattdessen war es offensiv geheim

und anstößig, angesiedelt auf der Rückseite unseres gesellschaftsfähigen

Verlangens, hinter blickdichten Fensterreihen

in den Schmuddelecken der Städte.

Was, wenn diese Form des Rotlichts vollständig aus unserer

Gesellschaft verschwände? Und das nicht nur partiell, hier

ein Sexshop, der nicht zur neuen Shoppingmall passt, dort

ein Pornokino, das in Zeiten des Internets niemand mehr besuchen

möchte, sondern wenn tatsächlich jene Schattenzone

aufhörte zu existieren, die es genauso lange gibt wie unsere

Vorstellungen von Moral und Tugend? Was wäre, wenn die

verheimlichte Lust sich veränderte und verloren ginge, jene

Spielart des Sex, die sich verletzend gegen unsere scheinbar

sichere Ordnung stellt und diese Ordnung dabei doch so sicher

behauptet – in welcher Welt würden wir fortan leben?

Ein ganzer Kontinent der vermeintlichen Lust versänke, von

vielen geleugnet, bestritten, weggelächelt.
 

Heute wird selbst die Bundeswehr von einer Frau geleitet,

ebenso wie unsere Republik und der Internationale Währungsfonds.

Frauen können fast alles werden – zumindest in der

Theorie. Doch die Welt des Rotlichts ist nach wie vor eine geradezu

abergläubisch absolute Männlichkeitsdomäne, wie es

sie sonst in der westlichen Welt höchstens noch bei Matrosen

und katholischen Würdenträgern gibt. So sehr sich die Erotikindustrie

auch mit Sexspielzeugen oder neuen Formen der

Pornografie gegenüber Frauen öffnet, die Orte der tatsächlich

käuflichen Lust bleiben eine Domäne zeitloser Männlichkeit,

die eine Frau wie ich immer nur von außen sehen kann.

Männer gehen allein ins Bordell oder auch miteinander, zur

Verbrüderung nach einem Meeting etwa oder zur Feier eines

Junggesellenabschieds, über alle Milieus, Bildungsschichten

und Hierarchien hinweg. Allein die Geschlechtergrenze bleibt

total. Eine Frau, die sich in dieses Terrain einschleicht, ist kein

bloßer Eindringling, sondern ein schlechtes Omen dafür, dass

die gesamte stillschweigende Ordnung unumkehrbar ausgehebelt wird.


Als Frau kann man lediglich käuflich sein, sobald es um das

Geschäft mit der Lust geht. Andere Rollen sind nicht vorgesehen.

Es ist schier unvorstellbar, als Frau aktiv im Rotlicht aufzutauchen.

Man wäre ein Fehler im System, eine Art Machttransvestit.

Ich aber wollte nicht mehr verschämt am System

vorbeigehen, kichernd im Wissen, dass eine ganze Welt mir

verschlossen ist, obwohl ich längst nicht mehr elf Jahre alt

bin. Ich wollte sehen, was tatsächlich geschieht in Sexkinos

und Laufhäusern, wollte mit Frauen vom Straßenstrich sprechen,

mit beobachtenden Frauenrechtlerinnen und lustsuchenden

Swingerclub-Besuchern. Ich wollte mich unterhalten

und vielleicht auch mehr als das, ich wusste es nicht. Ohne

meine männlichen Begleiter aber hätte man mich an vielen

Orten noch auf der Schwelle abgewiesen, an anderen allenfalls

als seltsamen Paradiesvogel unter besondere Beobachtung

gestellt. Denn gestattet wird Frauen allenfalls, sich der Sphäre

des Rotlichts hingebungsvoll zu unterwerfen. Nicht nur durch

gefeierte Filme wie Luis Buñuels Belle de jour von 1967 oder

fast fünfzig Jahre später François Ozons Jeune et Jolie spuken

von Männern gestaltete Fantasien über bürgerliche Frauen, die

in den Sog des Verruchten geraten. Das tatsächliche Tabu jedoch

verletzt man als Frau erst, wenn man mehr als ein begehrenswertes

Phantasma sein möchte. Wenn man sich unter

die Klientel mischt und als zahlende Mitspielerin auftritt, als

Sehende und Handelnde statt als Betrachtete und Benutzte.

Wenn man sich als Frau einmischt in diesen traurigen, banalen,

rätselhaften Tauschprozess, der allein für Männer schon

immer akzeptabel schien: Geld gegen Lust und Geheimnis.

Durchreist habe ich das Rotlicht mit männlichen Begleitern,

denen ich mich verbunden fühlte – mit einer neuen Liebe,

einem alten Freund, einem ehemaligen Geliebten. Sie alle wie

auch ich bürgerliche Existenzen und in sicheren Welten zu

Hause, mit großzügigen Wohnungen, festen Beziehungen, gesellschaftlichem

Status, und jeder von ihnen hat irgendwann

einmal Foucault gelesen und könnte aus dem Stand ein paar

gelehrige Sätze sagen über die ins Dunkel verdrängte Sexualität

der Neuzeit und die Mechanismen unserer Gesellschaft,

die uns dennoch andauernd über Sex sprechen lassen.

Obwohl wir einander vertraut waren und doch eigentlich

nur gemeinsam als Beobachter in die Welt der nächtlichen

Abenteuer ausziehen wollten, veränderten uns diese Orte. Beziehungen

gingen in die Brüche oder verschoben sich, Sehnsüchte

und Ängste wurden offenbar. Wir haben uns beschützt

und geängstigt, begehrt und geekelt, und über allem lag das

Flackern defekter Leuchtstoffröhren.

Immer tiefer drangen wir vor in die verwaltete Lust. Oft

schien mir, als setzte diese meinen Begleitern noch stärker zu

als mir. Von mir wurde nämlich gar nicht erwartet, auf vorbestimmte

Weise in die Rituale einzusteigen, mich durfte es

ja eigentlich gar nicht geben an diesen Orten. Manche Dinge

in diesem Buch werden vielleicht gerade darum anstößig erscheinen,

weil ich als Frau sie erlebt, gesehen, gekauft habe,

und sie würden anders wirken, hätte ein männlicher Autor

über sie geschrieben – und auch das erzählt von unserer Sexualität.

Es zeigt die brillant funktionierenden Ausschlussmechanismen

unserer Gesellschaft, die mit ihrer Moral fortwährend

in unsere Intimsphäre eingreift. Sie reguliert, was wir

sexuell sein dürfen, wer wir zu sein haben und welche Räume

und Zugänge zur Lust uns geöffnet oder versperrt sind.

Die Männer, die mich durch dieses Buch und durch ein ganzes

Jahr begleiteten, waren daher viel mehr als meine stummen

Beschützer. Sie warfen andere Blicke als ich auf das, was

in unserer Gesellschaft tabuisiert und verheimlicht, was als

Lust imaginiert und was als Befriedigung verkauft wird. Sie

zeigten mir, wie labil Geschlechterrollen sind und wie tradiert

zugleich, und dass es noch immer nur eine einzige Antwort

auf die Frage gibt, wer sich Geheimnisse kaufen darf und wer

nicht. Die Männer waren dabei, wenn sie und ich an unsere

Grenzen stießen – und viel mehr noch an die der Frauen, die

im kühlen Schein des Rotlichts arbeiten und die sich allzu oft

nicht leisten können, Grenzen zu wahren.

Von diesen Frauen und von den Männern und auch von

mir selbst ahnte ich nahezu nichts, als ich damals als Elfjährige

zum ersten Mal aus dem Augenwinkel die rot lackierte Tür erblickte.

Es war Zeit, sie aufzustoßen.

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