36,9° von Nora Bossong, 2015, Hanser

Nora Bossong

36,9°
(Zitat aus:
36,9°, Roman, 2015, Hanser).

I EIN PONCHO

Der Alte öffnete mir im Bademantel die

Tür. Seine Füße steckten in Pantoffeln mit pompösen Quasten,

ein scharlachroter Schal lag wie eine Stola um seine Schultern

und sein Lächeln war elegant und schüchtern und irr.

»Der Dottore aus Deutschland! Piacere piacere piacere –«

Gebetsartig wiederholte Professor Brevi die Bekundung seiner

Freude und schlurfte mit majestätischer Langsamkeit vor

mir her einen langen Flur entlang, von dem diverse Zimmer

abgingen, alle mit Antiquitäten und Nippes vollgestellt. Die

Wohnung machte einen herrschaftlichen Eindruck, von einer

Herrschaft allerdings, die mindestens hundert Jahre zurücklag.

Ich roch Naphthalin und Lavendel. Hinter einer der Glastüren

huschte ein Schatten vorbei, der Alte blieb stehen, »il Dottor

Stöver è venuto, cara!«, und zu mir gewandt erklärte er: »Meine

Haushälterin Gabriella.« Er lächelte und errötete leicht. Die Tür

öffnete sich und ich sah auf eine winzige, in ein rotes Abendkleid

gehüllte alte Dame. Das Kleid mochte ihr einmal gepasst haben,

vor zwanzig, dreißig Jahren vielleicht, nun hing es weit und

schwer auf ihrem Rosinenkörper.

»Oh, es ist Besuch gekommen?«, fragte die Dame in einem

sardischen Tonfall und sah Brevi hilfesuchend an. »Aber Pippo,

ich habe mir noch gar nicht die Haare gemacht.«

Und schon war sie wieder hinter ihrer Glastür verschwunden,

wir hörten sie unruhig auf und ab gehen. Der Alte nickte

bedächtig, dann entschied er: »Wir müssen weiter!«, als brächen

wir zu einer Expedition in ein entlegenes Land auf.

An den Wänden des Zimmers hing eine Tapete mit vergilbtem

Blumenmuster, Gerümpel war als Mobiliar in den Raum

gestellt. Ich hörte zwei erregte Frauenstimmen streiten und etwas

schepperte zu Boden. Die Häuser hier waren so gebaut, dass

sie das Klackern der Schuhe und das Gezeter der Nachbarn von

Wohnung zu Wohnung, von Haus zu Haus leiteten, über Höfe

hinweg, wodurch ein grässliches Surren entstand, das einem in

der Nacht den Schlaf raubte.

(...)

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