Ein Rufer in der Wüste
(Leseprobe aus: Ein Rufer in der Wüste,
Roman, Seite 120, 1921)
Man trug den Sarg hinaus. Die Verwandtschaft
folgte ihm. Vor dem Hause hatten sich die Nachbarsleute eingefunden. Ferdinand
in seiner Uniform mit dem wallenden weissen Rosshaarbusch zog aller Augen auf
sich und beraubte den Abschied seiner schlichten Feierlichkeit. Reinhart und
Walter, als die einzigen männlichen Grosskinder Abrahams, gingen gleich hinter
dem Sarge. Reinharts Blicke glitten von dem langsam rollenden Wagen auf die
Wiesen hinüber, die im Kleid der Herbstzeitlosen wunderbar festlich und doch
traurig waren. So wollten sie von dem alten Meister Abschied nehmen. Wie hatte
er sich für sie gesorgt, durch ein langes Menschenleben hin, wie hatte er sie
jedes Jahr genährt, wie ein Hausvater seine Kinder, wie freudig dankbar hatte
er ihren Segen hingenommen. Wer wird wieder so mit ihnen verwachsen sein wie er
? In einem Grünhag hatten Berberitzensträucher und Pfaffenkäppchen ihre
Herbstfeuer entzündet, sich in ihrem schönsten Staat gekleidet, hinter dessen
Scheinglut freilich wie überall der Tod lauerte.
Neben Reinhart hob ein zwar gedämpftes, aber doch munteres Geplauder an. Walter
setzte dem Stadtvetter seine Zukunftspläne auseinander: Die Handelsschule, dann
eine Lehre in einem grossen Importgeschäft, dann die Reise nach dem fernen
Osten, nach Indochina etwa, wo mit verhältnismässig geringer Mühe viel Geld
zu holen sei. „Und dann willst du wohl einmal in einem goldenen Sarg diesen
Weg fahren ?“ wies ihn Reinhart zurecht.
Walter liess sich aber auf seinen Wegen nicht stören: „Nur die erste Million
ist schwer zu fangen“, versicherte er, „ das habe ich in einer
Lebensbeschreibung gelesen; die andern folgen der ersten wie die Schafe dem
Leithammel. Man macht in den Kolonien das Geld nicht mit der Besoldung, sondern
mit den Tantiemen.“ So schwatzte er.
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