Die Liebesprüfung von Horst Bosetzky, 2006, dtv

Horst Bosetzky

Das Vorspiel
(Leseprobe aus: Die Liebesprüfung, Roman, 2006, dtv)

Der Wecker sprang auf sechs Uhr dreißig, aber er hätte dies ganz sicher unterlassen, wenn ihm die Folgen bewußt gewesen wären.
Als Johannes Raschauer aufwachte und voller Betrübnis feststellte, daß er immer noch am Leben war, träumte er davon, es wie der legendäre Fürst Oblomow zu machen und für immer und ewig im Bett liegenzubleiben.
Als Hanna Raschauer merkte, daß ihr Lebensgefährte seine Augen aufgeschlagen hatte, schloß sie ihre gerade mit einem leisen, aber wohligen Stöhnen, denn seit fünf Uhr saß sie am Computer und war schon wieder müde. Aber glücklich, daß sie auch heute wieder so viel geschafft hatte. Vor dem Aufstehen.
Als Raffael und Raffaela Raschauer mitbekommen hatten, daß ihre Eltern nun dienstbereit waren, zögerten sie keine Sekunde, ihre Tyrannei von gestern fortzusetzen.
»Mama, mein Müsli.«
»Papa, meine Jeans.«
»Nur wenn ich das Wort ›bitte‹ höre!« schrie Johannes.
»Schrei doch nicht so!« schrie Hanna.
Doch Johannes wurde zunehmend lauter. »Wenn Dummheit weh tun würde, müßtest du pausenlos schreien! Und jetzt schreie ich pausenlos, weil ich wirklich der größte aller Trottel bin. Denn nur ein Vollidiot spielt freiwillig die Rolle, die ich in diesem Hause spielen muß: Euer Diener zu sein und euer Fußabtreter noch dazu.«
»Sei doch nicht so verbittert!«
»Während du immer so gottverdammt fröhlich bist wie die Leute von Radio Paradiso und so aufgedreht wie früher.«
»Das ist ja nicht mehr auszuhalten mit dir.«
»Dann such dir doch einen anderen Idioten!«
»Nicht in einem solchen Ton vor den Kindern!«
»Mama, Raffaela hat wieder Arschloch zu mir gesagt.«
»Papa, Raffael spritzt mich wieder mit seiner Milch voll.«
»Keine Angst, die ist vom Biobauernhof.«
Johannes hatte seine Diplomarbeit über die Kunst des Organisierens und das Prinzip des one best way bei Taylor geschrieben und bekam Tag für Tag eine Krise, wenn Hanna und die Kinder darangingen, sich frei zu entfalten. Niemand brachte einen Gegenstand dorthin zurück, wo er ihn hergeholt hatte. Keiner machte sich die Mühe, das aufzuheben, was ihm gerade heruntergefallen war. Und alle drei schienen noch nie davon gehört zu haben, daß es Uhren gab und Pünktlichkeit als eine der Grundvoraussetzungen einer hochkomplexen Gesellschaft zu gelten hatte. Für ihn war Hanna komplett unorganisiert. Eigentlich müßte sie zum Therapeuten. Und das Schlimmste war, daß die Kinder das Chaos-Gen ihrer Mutter voll und ganz geerbt hatten. Nie fand einer von ihnen das, was er suchte. Besonders morgens nicht. Immer kamen sie fünf bis sieben Minuten zu spät aus dem Haus, und mindestens zweimal in der Woche mußten sie von Hanna mit der Taxe in die Schule gebracht werden, damit sie keinen Ärger bekamen. Heute würde es wieder nicht anders ausgehen.
»Wirf doch deine Monatskarte gleich in den Müll!« schimpfte Johannes.
Hanna haßte festgelegte Abläufe und brauchte den allmorgendlichen Kick, daß nichts klappte und alles chaotisch zuging. Nur das war Leben für sie, und die Menschen konnten ihrer Ansicht nach nur auf diese Weise kreativ und glücklich sein. Wenn Ordnungsfanatiker wie Johannes in der Welt das Sagen hatten, dann liefen alle Menschen in Fesseln herum und drohten zu ersticken. Pausenlos nervte er sie: Dein Slip gehört nicht neben die Butter. Wenn du auf die Toilette gehst, vergiß nicht wieder zu spülen. Geh nicht immer mit den Straßenschuhen ins Schlafzimmer. Wir haben extra verschiedene Fächer für Messer, Gabeln und Löffel. Mach bitte das Licht aus, wenn du aus dem Bad kommst, wir sind keine Aktionäre von e•on. Hanna fühlte sich in ihrer eigenen Wohnung wie im Gefängnis. Da war bestimmt weniger reglementiert.
Ein neuer Tobsuchtsanfall nahte. »Das ist ja wortwörtlich zum Kotzen hier!« Johannes hatte hinter der Couch eine von Raffaelas Puppen entdeckt, mit denen die Mädchen vor Wochen gespielt hatten – und zwar Brechdurchfall. Mit Hilfe einer selbstangerührten Masse aus Haferflocken, Mehl, Puderzucker, Rosinen und Kakao. Auf diesem täuschend echten Brei hatten sich nun Schimmelpilze aller Art freudig vermehrt. »Und ich hab’ mich schon die ganze Zeit über gewundert, warum das hier im Zimmer so stinkt.«
»Dann mach das Fenster auf«, riet ihm Hanna.
»Ja, aber höchstens, um mich hinauszustürzen.«
»Warte erst, bis ich das Fernsehen angerufen habe.«
»Mir ist nicht zum Spaßen. Die einzige Gemeinsamkeit, die wir noch haben, ist wirklich die, daß wir keine Gemeinsamkeiten mehr haben.«
Dieser Satz ging Hanna noch immer im Kopf herum, als sie längst im Rathaus saß und ihre Aktenberge abarbeitete. Sie war gelernte Sozialarbeiterin und wirkte in einem der südlichen Berliner Bezirke als Stadträtin für Gesundheit und Soziales. Womit sie nach Meinung ihrer Freundinnen noch nicht am Ende ihrer Karriere angekommen war. Wenn alles gut ging und genügend Leute ihre Partei wählten. Und Johannes weiterhin den Hausmann spielte. Ohne ihr und den Kindern das Leben zu vermiesen.
Auch Hannas Freundin Ulrike konnte sich nicht vorstellen, einen solchen Griesgram zu lieben und gar mit ihm zu schlafen. Sie rief Ulrike an.
»Du, ich denke wieder mal an Trennung«, teilte Hanna ihr dann auch ohne Umschweife mit.
»Heiratet lieber.«
»Komm.«
»Na, entweder – oder. Raffaela fragt mich schon dauernd: ›Wann heiraten denn meine Eltern endlich?‹«
»Seit Johannes nicht mehr in der Firma ist, ist er nicht mehr zu genießen.«
»Wie haben sie früher immer gesungen: I never promised you a rosegarden.«
»Hat er aber«, wandte Hanna ein.
»Nun ist er gefeuert worden und seine Firma in die Insolvenz gegangen – was kann er dafür.«
»Lieber ein Ende mit Schrecken.«
»Denk an die Kinder.«
»Das tu’ ich ja, indem ich ihnen erspare, mit diesem Vater aufzuwachsen.«
»Was sagt denn Johannes dazu?«
»Weiß ich nicht. Der telefoniert wahrscheinlich mit Martin.«
Womit sie recht hatte. Auch Johannes überlegte, ob die Trennung nicht das kleinere Übel wäre.
Martin wich einer klaren Antwort aus und kam ihm mit Fontane: »Keine Frau ist schlimm, aber immer noch besser als eine schlechte.«
»Du rätst mir also zu?«
»Damit du mich nachher dafür verantwortlich machen kannst. Externale Zurechnung – Psychologie, zweites Semester.«
»Lautet die Devise also: Flüchten oder...«
»...standhalten.«
»Nein: flüchten oder die Flucht nach vorne antreten, also heiraten.«
»Also doch standhalten.«
»Ja, aber auf einer anderen Basis. Das heißt, den Neuanfang wagen. So tun, als hätten wir uns gerade erst kennengelernt und würden nicht schon seit dreizehn Jahren zusammen sein.«
Martin bekannte, ihm nicht ganz folgen zu können. »Ich denke, ihr habt keine Gemeinsamkeiten mehr.«
»Vielleicht haben wir doch noch welche. Außer den beiden Kindern.«
»Ich bin gerade in einer Sitzung, ich komme heute abend mal bei euch vorbei. Wenn die Kinder im Bett sind.«
Bis dahin gab es für Johannes noch eine Menge zu tun. Vormittags hatte er zu lüften, die Betten zu machen, das Frühstücksgeschirr wegzuräumen, das Chaos in sämtlichen fünf Zimmern auf ein erträgliches Maß zu reduzieren, staubzusaugen, Raffaels Computer zu reparieren, Hannas Kostüm zur Reinigung zu bringen, mit diversen Verwandten zu telefonieren und Termine auszumachen, seine Großmutter vom Selbstmord abzubringen, zwei Dutzend Dinge einzukaufen und für die Kinder und sich das Mittagessen zu kochen. Zwischendurch mußte er Raffaela von der Schule abholen. Das war härter als all die Jahre bei der Berliner Apparate-Bau, der BAB. Vor allem fehlten ihm die Untergebenen, an die er alles weitergeben konnte, was ihm nicht schmeckte, abgesehen von der Lust, anderen Weisungen zu erteilen. Dieser Verlust schmerzte wohl am meisten. Impotent fühlte er sich, kastriert. Der Untergang der BAB war auch sein Untergang. Im Juli 2002 war er gefeuert worden.

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