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Schillingers Tod
(Leseprobe aus: Bei uns in Auschwitz, Erzählungen,
2006, Schöffling&Co. - Übertragung
Friedrich
Griese)
SS-Oberscharführer Schillinger erfüllte im Jahre 1943 die Aufgaben eines
Lagerführers, seinem direkten Befehl unterstand das Männer-Arbeitskommando im
Abschnitt D des Lagers Birkenau, das zu dem riesigen Komplex größerer und
kleinerer Lager gehörte, die über ganz Oberschlesien verstreut waren und
administrativ dem zentralen Konzentrationslager in Auschwitz unterstanden.
Schillinger war recht klein und untersetzt. Er hatte ein feistes, aufgedunsenes
Gesicht und flachsblondes Haar, das er glatt an den Schädel gekämmt trug. Die
blauen Augen waren immer ein wenig zusammengekniffen, die Lippen zusammengepreßt,
und die Wangen zuckten ein wenig in einem nervösen Krampf. Auf sein Äußeres
legte er keinen Wert, und ich habe nie gehört, daß er sich von Prominenten hätte
bestechen lassen.
Schillinger herrschte aufmerksam und ungeteilt über das Lager D. Rastlos
radelte er auf den Lagerwegen umher und tauchte immer genau dort auf, wo man ihn
am wenigsten gebrauchen konnte. Der Hieb seiner Hand war wuchtig wie ein Knüppel,
spielend zerschlug er einen Kiefer, und wo er hinschlug, floß Blut.
Seine Wachsamkeit war unermüdlich. Oft visitierte er andere Abschnitte des
Lagers Birkenau und verbreitete panischen Schrecken unter den Frauen, den
Zigeunern und den Prominenten von der Effektenkammer, dem wohlhabendsten
Abschnitt von Birkenau, wo die Habseligkeiten der Vergasten aufgewahrt wurden.
Er beaufsichtigte auch die innerhalb der großen Postenkette arbeitenden
Kommandos und durchsuchte unverhofft die Kleider der Häftlinge, die Schuhe der
Kapos und die Brotbeutel der SS-Leute. Auch besuchte er die Krematorien, und
gern schaute er zu, wie die Menschen in die Gaskammern getrieben wurden. Sein
Name wurde oft zusammen mit den Namen Palitsch, Krankenmann und vielen weiteren
Auschwitzer Mördern genannt, die sich damit brüsteten, höchstpersönlich mit
der Faust, dem Knüppel oder der Waffe Zigtausende von Menschen umgebracht zu
haben.
Im August 1943 wurde im Lager gemunkelt, Schillinger sei unter ungeklärten Umständen
umgekommen. Angeblich authentische Berichte über den Vorfall unterschieden sich
diametral. Persönlich würde ich dazu neigen, einem bekannten Vorarbeiter vom
Sonderkommando zu glauben, der sich eines Nachmittags zu mir auf die Pritsche
setzte, um auf Kondensmilch aus dem Magazin des Zigeunerlagers zu warten, und
mir über den Tod des Oberscharführers Schillinger folgendes berichtete:
»Am Sonntag, nach dem Mittagsappell, kam Schillinger auf den Vorplatz des
Krematoriums gefahren, um unseren Chef zu besuchen. Aber der Chef hatte keine
Zeit, weil gerade die ersten Lastwagen von der Rampe kamen, mit dem Transport
aus Bendzin. Du weißt ja selbst, Kumpel, daß es eine schwere Arbeit ist, die
viel Takt erfordert, den Transport auszuladen, den Leuten zu sagen, daß sie
sich ausziehen sollen, und sie dann in die Kammer zu treiben. Jeder weiß genau,
daß es, bevor die Leute nicht in der Kammer eingesperrt sind, verboten ist, die
Klamotten der Leute anzugaffen, darin herumzustöbern oder gar die nackten
Frauen anzufassen. Schon der Befehl, daß die Frauen sich zusammen mit den Männern
ausziehen sollen, ist für die Leute im Zugang ein enormer Schock. Dann wird das
System der Eilbedürftigkeit angewandt, man tut so, als gäbe es bei dem
angeblichen Bad einen Haufen Arbeit. Übrigens muß man sich wirklich beeilen,
wenn man es schaffen will, einen Transport zu vergasen und die Leichen aus der
Kammer zu räumen, bevor der nächste kommt.«
Der Vorarbeiter stand auf, setzte sich auf das Kissen, ließ die Beine vom
Pritschenrand baumeln, steckte sich eine Zigarette an und erzählte weiter:
»Wir hatten also den Transport aus Bendzin und Sosnowitz. Diese Juden wußten
genau, was sie erwartete. Die Jungs vom Sonderkommando waren aufgeregt, einige
stammen aus der Gegend. Es kam vor, daß man im Transport auf Verwandte oder
Bekannte stieß. Mir selbst ist es auch schon passiert...«
»Ich wußte nicht, daß du aus der Gegend bist. An deiner Aussprache merkt man
es nicht.«
»Ich habe in Warschau Pädagogik studiert, ist schon fünfzehn Jahre her. Dann
bekam ich eine Stelle am Gymnasium Bendzin. Man hat mir vorgeschlagen, ins
Ausland zu gehen, aber ich wollte nicht. Wegen der Familie, verstehst du? Und so
kam es dann.«
»Und so kam es dann.«
»Der Transport war unruhig, weißt du, das waren keine Kaufleute aus Holland
oder Frankreich, die im Lager ein Geschäft für die Internierten in Auschwitz
aufmachen wollten. Unsere Juden wußten, woher der Wind weht. Deshalb war auch
ein ganzer Haufen SS-Leute da, und Schillinger, als er sah, was los war, zog den
Revolver. Alles wäre glattgelaufen, doch Schillinger verguckte sich in eine
Frau, wirklich eine klassische Schönheit. Bestimmt ist er deshalb gekommen, den
Chef zu besuchen. Er ging also zu der Frau und packte sie am Arm. Im selben
Moment bückte sich die nackte Frau, nahm eine Handvoll Sand und schleuderte sie
Schillinger in die Augen. Er schrie auf vor Schmerz und ließ den Revolver
fallen, die Frau fing die Waffe auf und schoß Schillinger mehrmals in den
Bauch. Auf dem Platz entstand Panik. Die Nackten rannten schreiend auf uns zu.
Die Frau schoß noch einmal, aber jetzt auf den Chef, und verwundete ihn im
Gesicht. Da nahmen der Chef und die SS-Leute Reißaus und ließen uns allein.
Aber wir wußten uns Gott sei Dank zu helfen. Wir trieben den Transport mit Knüppeln
in die Kammer, schraubten die Tür zu und gaben der SS Bescheid, das Zyklon
einzuwerfen. Wir hatten schließlich einige Übung.«
»Ist mir bekannt.«
»Schillinger lag auf dem Bauch und krallte vor Schmerz seine Finger in die
Erde. Wir hoben ihn auf trugen ihn ohne besondere Rücksicht zum Auto. Die ganze
Zeit jammerte er mit zusammengebissenen Zähnen: ›O Gott, mein Gott, was hab
ich getan, daß ich so leiden muß?‹«
»Dieser Mensch hat also bis zuletzt nichts kapiert«, sagte ich kopfschüttelnd.
»Was für eine merkwürdige Ironie des Schicksals.«
»Was für eine merkwürdige Ironie des Schicksals«, wiederholte der
Vorarbeiter versonnen.
Eine wahrlich merkwürdige Ironie des Schicksals: Als kurz vor der Evakuierung
des Lagers die Juden vom Sonderkommando aus Angst vor der Erschießung einen
Aufstand in den Krematorien entfesselten, die Bauten in Brand steckten, die Drähte
durchschnitten und in die Felder flüchteten, nahmen einige SS-Männer sie unter
MG-Feuer erschossen sie bis auf den letzten Mann.
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