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Wer ist Peter Vahlen? (Januar 1967)
(Leseprobe aus:
Schlechte
Gesellschaft, Roman, 2011,
Hanser).
Die Kundgebung hatte bereits angefangen, als Gellmann dazustieß. Er nickte
Seeler und Kolpers zu, die weiter vorne auf den Tischen saßen und rauchten. Der
Mann hinter dem Pult war ein langhaariger, bebrillter Student der Geschichte.
Gellmann hatte ihn schon einmal gesehen. Er konnte nicht reden. Spuckend sprach
er von der "marxistisch-leninistischen Grundordnung", vom "aufrechten Gang" und
von der "Revolution". Aber nach spätestens drei Sätzen merkte jeder, dass er
nichts von all dem begriffen hatte.
Gellmann sah einige Mädchen beim Eingang stehen und ging zu ihnen hinüber.
"Läuft das schon lange so?", flüsterte er der Blondine neben sich ins Ohr.
"Schon eine ganze Weile", sagte sie gelangweilt.
"Hast du Lust, mit vor die Tür zu gehen?" Die Frau schien Gellmann
plötzlich sehr begehrenswert.
"Nein, ich warte auf den nächsten", sagte sie.
Gellmann verdrehte die Augen. Er hörte dem Studenten noch eine Weile zu,
damit es nicht wie ein Rückzug aussah. Dann kämpfte er sich weiter nach vorn in
Richtung Seeler.
"Hast du eine Zigarette für mich?"
"Hast du die Handzettel?"
"Nicht gedruckt, wenn du das meinst. Ich habe ein paar Texte mitgebracht.
Was Einfaches mit Pointe und so. Sollte funktionieren. Drucken müsst ihr
selber."
"Praxis, Mann, Praxis", sagte Seeler.
"Ist das etwa keine Praxis?" Gellmann reichte ihm einen Packen
zerknitterter Zettel, die er in der Hemdtasche getragen hatte.
Jetzt ging der nächste Redner auf die Bühne zu - ein großer, verdrießlich
aussehender Typ mit halblangen Haaren und abgewetztem Jackett. Als er das
Treppchen hochstieg, stolperte er und fiel fast hin.
"Das ist Peter Vahlen aus Frankfurt", sagte Kolpers an Seeler gewandt.
"Wer ist Peter Vahlen?", fragte Gellmann.
"So einer wie du. Bloß effektiver."
Gellmann überlegte kurz, ob er die Beleidigung ernstnehmen sollte. Kolpers
war einer der Asta-Sprecher. Er fühlte sich zuständig für die Verbindung der
Universität mit den Arbeitern. Aber vor allem hatte er schon mehrere wichtige
Partys organisiert. Gellmann grinste und wollte einen Witz machen, als Kolpers
ihn mit einer Geste in Richtung der Bühne unterbrach.
"Es geht los."
Der Typ räusperte sich und ruckelte umständlich am Pult herum. Seine
Schultern waren hochgezogen, trotzdem wirkte er gelassen. Gellmann hatte ihn
noch nie gesehen. Aber den Namen Vahlen meinte er schon einmal gehört zu haben.
Er sah zu der Blondine hinüber, die den neuen Mann auf der Bühne nicht aus
den Augen ließ. Aus der Ferne hatte sie eine ziemlich dicke Nase und gar keine
Brust. Sie flüsterte ihrer Freundin etwas zu. Ihre Freundin lächelte. Sie hatte
ebenfalls hellblondes Haar, war aber schlanker und hatte feinere Züge. Sie sah
großartig aus.
"Scheiße", sagte Gellmann leise.
Jetzt faltete der Typ ein Blatt Papier auseinander, zog eine halbleere
Flasche Bier aus seiner hinteren Hosentasche und nahm einen langen Schluck. Er
las eine Geschichte. Irgendetwas von einem jungen Paar, das kein Hotelzimmer
bekommen konnte, weil es nicht verheiratet war. Und am Ende sagte er, wenn diese
Gesellschaft es weiterhin verbot, dass Menschen, die sich liebten, zusammen sein
konnten, dann werde das ganze autoritäre Scheißsystem trotz der Springerpresse
und trotz des imperialistischen Vietnamkriegs bald von allein zusammenbrechen.
Vahlen würde recht behalten. Das dachte Gellmann an diesem späten Morgen im
Januar 1967. Und vielleicht konnte Vahlen mit seinen schlichten, einleuchtenden
Ideen sogar dazu beitragen, dass es so kommen würde. Vielleicht mehr als
Gellmann, der halbherzig Sprüche für Fabrikarbeiter verfasste und mit dem
revolutionären Straßentheater durch die Republik tingelte. Seit Wochen fanden an
den Berliner Universitäten keine Vorlesungen mehr statt. Von morgens bis abends
wurden neue Formen des Zusammenlebens debattiert. Aber dass ausgerechnet hier
alle Blicke an Vahlens Lippen hingen - ein Typ aus Frankfurt, der einen
drittklassigen Text vorlas, als ob es Ibsen wäre -, darüber kam Gert Gellmann
nicht hinweg.
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