Ausflug mit dem Zerberus von Mirco Bonné, 2010, SchöfflingMirco Bonné

Ausflug mit dem Zerberus
(Leseprobe aus: Ausflug mit dem Zerberus, Roman, 2010, Schöffling & Co.).

Seit ich denken kann, hängt über dem Schreibtisch meines Großonkels eine alte Zeichnung von einem großen schwarzen Hund. Mit gefletschten Zähnen, die Lefzen wie die Augen weit aufgerissen, zeigt ihn das Bild mitten im Sprung auf etwas zu, das jenseits des Rahmens ganz in der Fantasie des Betrachters liegt. Wer immer dort ist: ein Fliehender oder einer, dem noch eine Waffe zu ziehen gelang, nie hatte ich Zweifel daran, dass er im nächsten Moment unter den Bissen jenes Grauen erregenden Hundes sein Leben ausgehaucht haben würde.
Es ist Arthur Conan Doyles »Hund der Baskervilles«, den die Zeichnung zeigt, und anders als jeder, der sie in den hundert Jahren seit Sherlock Holmes’ vielleicht berühmtestem Fall betrachtete, fühlte sich mein Großonkel immer auf mir unverständliche Weise beschützt von dem Bild. Sein Schreibzimmer, sagt er noch heute, werde durch das schwarze Ungetüm in ein imaginäres Dartmoor verwandelt, und die einzigen zwei Menschen, denen er gestatte, diesen wehrhaften Bezirk zu betreten, das seien er selber und ich, sein wissbegieriger Großneffe.
So habe ich mich jahrelang dem Arbeitsbereich meines Großonkels nur mit äußerster Vorsicht genähert. Erst als ich selbst begann, Doyles Erzählungen von Sherlock Holmes und seinem Assistenten Dr. Watson zu lesen, ist mein Respekt, der mich bis in die Träume hinein verfolgte, allmählich einer Faszination gewichen, die mir erlaubte, in einer Darstellung von einem blutrünstigen Hund schließlich nicht mehr allein das Ungeheuer zu sehen, sondern zunächst einmal ein ungeheures Bild.
Ob es 1975 oder 1976, ob ich also zehn oder elf war, als ich erstmals »Der Hund der Baskervilles« las, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch bestimmt, dass der Schreibtisch meines Großonkels zur selben Zeit unter einer Unzahl anderer, nicht minder ungeheurer Bilder verschwand. Es waren zumeist Zeitungsausrisse und Fotos aus Büchern, Aufnahmen, die, soweit ich mich erinnere, alle das Immergleiche zeigten: einen verheerenden Autounfall auf einer von großen alten Platanen gesäumten, ansonsten aber verlassenen und tristen Chaussee. An einem Ackerrain war ein Wagen gegen einen Baum gerast, ein Fabrikat, das ich nie zuvor gesehen hatte. Ich nahm an, dass es ziemlich alt sein musste, wenn auch nicht so alt, dass ich das in zwei Hälften zerrissene Gefährt, das auf den Bildern von allen Seiten und in allen Einzelheiten zu sehen war, als Oldtimer bezeichnet hätte. Der Junge, der ich damals war, hatte bestimmt noch keine Vorstellung von Nachkriegszeit, den fünfziger oder sechziger Jahren. Die Fotografien, die mein Großonkel sammelte, ohne dass ich hätte sagen können, zu welchem Zweck, zeigten für mich das zerfetzte, in seine Einzelteile zurückgesprengte Wrack eines bloß alten Autos.
Aber ich weiß noch, dass stets, wenn mich die Langeweile an einem verregneten Nachmittag in das Arbeitszimmer trieb, dasselbe »ungute Gefühl« in mir aufstieg, von dem meine Mutter oft sprach, überzeugt, ihre hektische Nervosität sei Ausdruck einer telepathischen Fähigkeit. Bewacht von dem hyänengroßen Hund an der Wand, ordnete mein Großonkel Papiere, und ich presste so lange die Stirn gegen den kalten Türrahmen, bis er meine Verholzung bemerkte und mich zu sich rief. Stundenlang sortierten wir dann gemeinsam Bilder und Artikel, die ich aus alten, zumeist französischen Zeitungen ausschnitt und die er beschriftete mit einer Quellenangabe, einem Datum und den immer gleichen zwei Namen »Camus, Villeblevin«, die mir nichts sagten, sich mir aber einprägten, als wären sie eintätowiert worden in den Teller meiner noch schmalen Hand mit den roten Druckringen von der unermüdlich auf und ab durch das Papier gleitenden Schere.

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