Seit ich denken kann, hängt über dem Schreibtisch meines
Großonkels eine alte Zeichnung von einem großen schwarzen Hund. Mit gefletschten
Zähnen, die Lefzen wie die Augen weit aufgerissen, zeigt ihn das Bild mitten im
Sprung auf etwas zu, das jenseits des Rahmens ganz in der Fantasie des
Betrachters liegt. Wer immer dort ist: ein Fliehender oder einer, dem noch eine
Waffe zu ziehen gelang, nie hatte ich Zweifel daran, dass er im nächsten Moment
unter den Bissen jenes Grauen erregenden Hundes sein Leben ausgehaucht haben
würde.
Es ist Arthur Conan Doyles »Hund der Baskervilles«, den die Zeichnung zeigt, und
anders als jeder, der sie in den hundert Jahren seit Sherlock Holmes’ vielleicht
berühmtestem Fall betrachtete, fühlte sich mein Großonkel immer auf mir
unverständliche Weise beschützt von dem Bild. Sein Schreibzimmer, sagt er noch
heute, werde durch das schwarze Ungetüm in ein imaginäres Dartmoor verwandelt,
und die einzigen zwei Menschen, denen er gestatte, diesen wehrhaften Bezirk zu
betreten, das seien er selber und ich, sein wissbegieriger Großneffe.
So habe ich mich jahrelang dem Arbeitsbereich meines Großonkels nur mit
äußerster Vorsicht genähert. Erst als ich selbst begann, Doyles Erzählungen von
Sherlock Holmes und seinem Assistenten Dr. Watson zu lesen, ist mein Respekt,
der mich bis in die Träume hinein verfolgte, allmählich einer Faszination
gewichen, die mir erlaubte, in einer Darstellung von einem blutrünstigen Hund
schließlich nicht mehr allein das Ungeheuer zu sehen, sondern zunächst einmal
ein ungeheures Bild.
Ob es 1975 oder 1976, ob ich also zehn oder elf war, als ich erstmals »Der Hund
der Baskervilles« las, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch bestimmt,
dass der Schreibtisch meines Großonkels zur selben Zeit unter einer Unzahl
anderer, nicht minder ungeheurer Bilder verschwand. Es waren zumeist
Zeitungsausrisse und Fotos aus Büchern, Aufnahmen, die, soweit ich mich
erinnere, alle das Immergleiche zeigten: einen verheerenden Autounfall auf einer
von großen alten Platanen gesäumten, ansonsten aber verlassenen und tristen
Chaussee. An einem Ackerrain war ein Wagen gegen einen Baum gerast, ein
Fabrikat, das ich nie zuvor gesehen hatte. Ich nahm an, dass es ziemlich alt
sein musste, wenn auch nicht so alt, dass ich das in zwei Hälften zerrissene
Gefährt, das auf den Bildern von allen Seiten und in allen Einzelheiten zu sehen
war, als Oldtimer bezeichnet hätte. Der Junge, der ich damals war, hatte
bestimmt noch keine Vorstellung von Nachkriegszeit, den fünfziger oder sechziger
Jahren. Die Fotografien, die mein Großonkel sammelte, ohne dass ich hätte sagen
können, zu welchem Zweck, zeigten für mich das zerfetzte, in seine Einzelteile
zurückgesprengte Wrack eines bloß alten Autos.
Aber ich weiß noch, dass stets, wenn mich die Langeweile an einem verregneten
Nachmittag in das Arbeitszimmer trieb, dasselbe »ungute Gefühl« in mir aufstieg,
von dem meine Mutter oft sprach, überzeugt, ihre hektische Nervosität sei
Ausdruck einer telepathischen Fähigkeit. Bewacht von dem hyänengroßen Hund an
der Wand, ordnete mein Großonkel Papiere, und ich presste so lange die Stirn
gegen den kalten Türrahmen, bis er meine Verholzung bemerkte und mich zu sich
rief. Stundenlang sortierten wir dann gemeinsam Bilder und Artikel, die ich aus
alten, zumeist französischen Zeitungen ausschnitt und die er beschriftete mit
einer Quellenangabe, einem Datum und den immer gleichen zwei Namen »Camus,
Villeblevin«, die mir nichts sagten, sich mir aber einprägten, als wären sie
eintätowiert worden in den Teller meiner noch schmalen Hand mit den roten
Druckringen von der unermüdlich auf und ab durch das Papier gleitenden Schere.
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