Wie wir verschwinden von Mirco Bonné, 2009, SchöfflingMirco Bonné

Wie wir verschwinden
(Leseprobe aus: Wie wir verschwinden, Roman, 2009, Schöffling & Co.).

Der dunkelgrüne Wagen flog fast, als er aus dem Wäldchen auftauchte und herauspreschte in Richtung Paris. Es war ein trüber Mittag Anfang Januar mit beständigem Nieseln. Diesiges Licht und in der Ferne Krähen und Elstern, die versprengt über Felder und Äcker längs der Chaussee durch die Lüfte gaukelten. Kein Schnee und keine Sonne. Aber beinahe dottergelb waren die zwei Paar Scheinwerferkegel, die da durchs Unterholz brannten und das Zwielicht zwischen den Bäumen auf einen Schlag zunichtemachten. Es schien, das triste Grau der Birken würde im selben Tempo zerplatzen, mit dem der fremde Wagen näher kam und hineinraste in die winterliche Stille des Tages.
Es war ein Tag, der dem Treiben von allem und jedem so zärtlich und so gleichgültig gegenüberstand wie jeder Tag vor ihm und jeder danach – nur ein gewöhnlicher Montag, wäre er nicht der erste Montag des Jahres gewesen. Am 4. Januar 1960 kam der grüne Wagen durch den Wald. Die Fahrbahn war regennass. Auf dem Asphalt spiegelte sich der Himmel. Und in den Pfützen schwammen Abbilder von Wolken, die seit Tagen von den Britischen Inseln herüberkamen und ihren Regen dem Land spendeten zwischen Seine, Marne und Yonne, rasche, tief dahinziehende Wolken aus Somerset und Cornwall.
Was dort herandonnerte, musste ein tonnenschweres Geschoss auf vier Rädern sein, ein Projektil, das durch den Tag flog und in dessen Innern Leute saßen, denen es offenbar darum ging, Zeit zu gewinnen. Der so dachte, stand in sein Regencape gehüllt, mit nassem Gesicht und beschlagener Brille am Straßenrand auf einem schmalen, schmutzig grünen Streifen zwischen Graben und zwei der uralten Platanen, die die Nationalstraße säumten. Vom Sattel auf die Rahmenstange gesprungen, hatte Paul Cassel, ein Bauer aus der Ortschaft Villeblevin, sein Fahrrad zum Stehen gebracht. Es kam nicht oft vor, dass derartiger Lärm die Mittagsstille durchbrach, Lärm wie von einem herabstoßenden Flugzeug. Paul Cassel hatte in den Ardennen gekämpft. Er war in Sachsen in Gefangenschaft gewesen. Der Lärm, den er aus dem Birkenwäldchen hörte, fuhr ihm durch die Glieder wie das Kreischen der deutschen Stukas. Er rutschte vom Sattel und sank auf die Rahmenstange. Und als das Fahrrad stand, wandte er sich um, gepackt von der alten Panik und zugleich neugierig, zu sehen, welche Höllenmaschine dort in seinem Rücken durch Chévreaux’ Forst brach.
Cassel sah vier gelbe Lichter, die auf ihn zurasten, vier Lichter, zwei links, zwei rechts. Ihm war kein Auto mit solchen Scheinwerfern bekannt. Er war ein aufgeklärter Mann, der viel las. Er hatte eine Melkmaschine entwickelt. Er war bei seinem Bruder im Nachbarort Villeneuve-la-Guyard gewesen und hatte dort den ganzen Morgen lang über Elektrozäune diskutiert.
Neun Meter breit war die Route Nationale 6 bei Villeblevin. Rund 30 Meter freie Fläche, in den warmen Jahreszeiten bewachsen von Gras, Brennnesseln und Huflattich, lagen zwischen je zweien der mehr als 250 Platanen zu beiden Seiten der Fahrbahn. In dem noch kahlen Geäst der über ein Jahrhundert alten Chausseebäume hingen die Mistelbälle des letzten Sommers. Paul Cassel wusste, es gab Pläne, jeden zweiten Baum zu fällen, um seinem Nachbarn Platz zum Atmen und Wachsen zu verschaffen, Pläne, gegen die nicht allein die Erben der Chévreaux Einspruch erhoben, die den Platanensaum zu einer Zeit gepflanzt hatten, als die Nationalstraße zwischen Sens und Fontainebleau noch ein Heerweg gewesen war, ungepflastert, mit Sand und Schottersteinen bestreut, die Mulden und Schwemmlöcher mit Scherben aufgefüllt, Scherben aus Ton oder Glas.
Ohne die Geschichte der Straße zu kennen, setzte Gilberte Darbon den Blinker und stoppte ihren Renault kurz vor der Einmündung in die RN 6. Seit den Weihnachtstagen besuchte die Erzieherin aus Lyon eine Freundin, die in Misy-sur-Yonne lebte, ein paar Minuten nördlich von Villeblevin. Selten zu Fuß, lieber mit dem Wagen, zumal es nicht aufhören wollte zu regnen, erkundete sie die Gegend, Kirchen, Märkte. Mademoiselle Darbon war an diesem Montag unternehmungslustig gestimmt, sie hatte das Autoradio laut gestellt und sang die Chansons mit, deren Text sie kannte.
Die Gestalt mit dem roten Cape, die auf der Hauptstraße unter den Bäumen hindurchradelte, hatte sie schon vor einiger Zeit entdeckt, umsichtig, wie sie fuhr, hatte sie den Fahrradfahrer seither nicht aus den Augen gelassen. Dass er, ein Mann, wie sie annahm, einige hundert Meter östlich von ihr und bevor sie auf die Einmündung traf, sein Fahrrad anhielt, verwunderte sie nicht, es erleicherte Gilberte Darbon, und weil er nicht länger ein Verkehrsrisiko für sie darstellte, vergaß sie Paul Cassel wieder.
Gilberte Darbon aus Lyon und der alte Monsieur Cassel waren nicht die ersten, die an diesem 4. Januar Zeugen wurden, mit welcher Geschwindigkeit das dunkelgrüne Coupé durch den Birkenforst bei Villeblevin fuhr. In dem Wäldchen war ein Holztransporter unterwegs, und darin saßen zwei Männer, zwei Brüder: France IV FM spielte ein Chanson von Yves Montand, Les enfants qui s’aiment. Wie die Kindergärtnerin, die das Lied so laut gestellt hatte, dass sie nichts von einem durch das Wäldchen brechenden Lärm vernahm, hörten Montand in ihrer Fahrerkabine auch die Waldarbeiter Roger und Pierre Patache zu, während sie ihren schweren Lastwagen durch das Waldstück bugsierten. Roger saß am Steuer. Sein jüngerer Bruder Pierre, den man Pipin nannte, überflog auf dem Beifahrersitz eine Zeitung. Der Scheibenwischer quietschte. Ab und zu verzog Roger Patache das Gesicht zu einer Grimasse, denn bei dem Lied aus seinem Transistorradio musste er an Yves Montand in Lohn der Angst denken, und auch wenn er selbst bloß Baumstämme geladen hatte, konnte er sich gut in den Nitroglyzerin-Fahrer aus dem Film einfühlen. Seinem Bruder, der ein schlichtes Gemüt besaß, verriet er von dieser Tagträumerei, die ihn für Sekunden zu einem Kinostar machte, allerdings nichts.
Es war ihr erster Transporttag. Weshalb die Erben der Chévreaux beschlossen hatten, das Birkenwäldchen fällen zu lassen, durch das er schon als Kind gelaufen war, wusste Pipin nicht, das heißt, eigentlich wusste er es schon, denn Roger hatte ihm erklärt, dass im Zuge der Flurbereinigung die Abholzung vonnöten war. Er überlegte deshalb, wieso die Felder und der Wald, die er so gut kannte, überhaupt flurbereinigt werden mussten. Pipin fand jedoch vorläufig keine Antwort. Und er wollte Roger auch nicht auf die Nerven gehen, zumal sie beide ja gutes Geld mit dem Holz verdienten, und Arbeit gab es im Winter nur wenig. Pipin vertiefte sich in die Zeitung, er sah sich Bilder darin an, die seine Aufmerksamkeit erregten.
Roger sah den heraneilenden Wagen zuerst, im Rückspiegel tauchten Lichter auf und wurden rasch größer. Er nahm an, der Wagen würde abbremsen und hinter ihnen bleiben, zumindest bis sie aus dem Wald kamen und die Chaussee erreichten. Doch er irrte sich und sagte im selben Moment, als der Wagen auf die andere Spur wechselte und im toten Winkel verschwand: »Jetzt sieh dir den an: Friedhof, ich komme.«
Einen Sekundenbruchteil später erschien das grüne Coupé seitlich vor der Schnauze des alten Simca-Lasters und scherte auf die Spur zurück, so dass auch Pipin es sah.
»Hallo, hallo!«, lachte er, »wie viel Sachen hat der denn drauf!«
Roger schätzte das Tempo des Wagens, der vor ihm davonschoss und dem Ausgang des Wäldchens zustrebte, auf mehr als 130 Stundenkilometer, behielt die Mutmaßung jedoch für sich. Eine andere Frage beschäftigte ihn. Aber auch Roger war das Fabrikat des Wagens unbekannt, er entschied, dass es sich entweder um ein neues Mercedes-Modell oder um einen amerikanischen Wagen handelte.
In einiger Entfernung verlief längs der Chaussee die alte Bahntrasse nach Paris. Mit seiner Dampflok fuhr dort der Mittagszug aus Sens vorbei, Roger sah die Qualmschleppe, wie sie auf der Brücke über die Yonne heller wurde und dann verschwand.
»Hast du die Karre gesehen?«, rief Pipin. »Weißt du, was das war?«
Roger sagte es ihm: ein Chevrolet.
Pipin prustete. Chevrolet . . . Von wegen! Ein Facel Vega sei das gewesen, und er gab sich einen Klaps auf die Stirn, bevor er in tiefes Nachdenken versank. Roger sah den Wagen den Waldsaum erreichen, sah die lange schnurgerade Schneise der Chaussee, in die der Amischlitten eindrang.
Im selben Moment, da sich in ihm ein elendes Gefühl für die Schneckenartigkeit seines nicht im mindesten mit Nitroglyzerin beladenen Lasters breitmachte, stieg ein paar hundert Meter entfernt in Paul Cassel die alte Angst vor dem Lärm der Stukas auf, so mächtig, dass er trotz des Regens sein Fahrrad zum Stehen brachte und die Stiefel in den Matsch grub.
Einen Renault, der in östlicher Richtung in die RN 6 einbog, sah Cassel nicht. »Les enfants qui s’aiment ne sont là pour personne«, sang Yves Montand im Radio und mit ihm Gilberte Darbon, als sie vor sich am Ende der Chaussee das Birkenwäldchen liegen sah. In zartes Lila getaucht, oder vielmehr ein zartes Lila von sich gebend, lag der Wald da. Daraus hervor kam ein Wagen, ein Auto mit vier gleich stark blendenden Scheinwerfern kam ihr so schnell entgegen, dass sie erschrak, noch ehe sie den Mann mit dem Fahrrad wieder entdeckte. Das grüne Auto mit dem weißen Dach jagte in einem Tempo an ihm vorüber, dass der Luftzug den Mann fast von den Beinen hob, er schwankte, das Cape blähte sich, und Cassel fluchte, er hob drohend eine Faust. »Merde alors!«, »So eine Scheiße!«, brüllte er durch den Lärm, in dessen Mitte er sich plötzlich versetzt sah, denn zu seiner Verblüffung stammte das Dröhnen und Kreischen, das er hörte, nicht nur von dem Wagen, der an ihm vorbeibrauste, und von dem Mittagszug, der pfiff, bevor er auf die Yonne-Brücke fuhr, es kam gleichzeitig noch immer aus dem Wald. Roger Patache schaltete dort in einen niedrigeren Gang. Das Lkw-Getriebe jaulte auf, fügte sich, der Simca wurde schneller, auch die Brüder Patache erreichten die Chaussee.

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