Einlangsamer Sturz von Mirco Bonné, 2002, DuMont

Mirco Bonné

Ein langsamer Sturz
(Leseprobe aus: Ein langsamer Sturz, Roman, 2002, DuMont).

Noch in der Luft, bevor seine Maschine sicher landete, sah er durchs Bordfenster, dass auf dem Nachbarrollfeld ein Unfall passiert war. Ein großes Propellerflugzeug lag verdreht und eingeknickt halb auf dem Grasstreifen und halb auf der Piste. Ein Flügel ragte in die Höhe. Über die Rumpfunterseite schlängelten sich silberne Furchen, mächtige Kratzer, Spuren vom Schlittern.
Er hatte nicht in der Maschine gesessen!
Kein Grund zu jubeln. Unverletzt besah er sich das Wrack wie einer, der vom Himmel gefallen kommt. Er konnte Arme und Beine bewegen, doch gerade das kam ihm unwirklich vor. Als lande er in einem Zwischenreich.
Egal! Hauptsache, er lebte. Ein Glück, dass er einen anderen Flieger genommen hatte. Das Glück war auf seiner Seite gewesen, während die Anderen Furchtbares durchlitten hatten in dieser Höllenmaschine, in der auch für Mario Ries ein Platz gewesen war.

Ein Glück, ein furchtbares Glück.
Er musste sich das innerlich hersagen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Die türkische Stewardess wiederholte, dass die havarierte Fokker frühmorgens in Marseille gestartet war, und er merkte, dass der Schock nachließ. Zumal die Frau, die halb im Cockpit und halb im Korridor stand, irritiert schien, weil er ihr zum Abschied die Hand gab. Er spürte die kleine, vollkommen trockene Hand in der seinen so deutlich, als wäre sie aus Holz.
"Sie machen einen irritierten Eindruck", sagte sie, so dass er ihr sicherlich hätte erklären können, dass er selber aus Marseille kam und nur durch eine Verkettung glücklicher Umstände über Brüssel hierher geflogen war.
Er sagte: "Ich bin nur zufällig hier", was sie natürlich nicht verstehen konnte.
Nüchtern betrachtet gab es keinen Grund, verunsichert zu sein. Es hatte seine frühere Frau Rebecca immer belustigt, wenn er einen Platzregen als persönlichen Angriff betrachtete oder etwas auf sich bezog, das für sie entweder höhere Gewalt war oder so simpel wie das Gebot, bei unbeständigem Wetter die Faltregenjacke in die Handtasche zu stecken.
Im Shuttle-Bus lief Musik, während er beschloss, in Hamburg anzurufen. Die Hitze lähmte. Wenn er den Blick hob, kam der spiegelnde Asphalt ihm verlockend wie ein kühles Gewässer vor. Er sagte sich, dass er einer Täuschung aufsaß, und sah in die andere Richtung. Er beobachtete die junge Frau mit dem Pferdeschwanz und der Tennistasche. Bislang hatte er keine zwanzig Meter türkischen Boden betreten. Allerdings kannte er das Land. Desgleichen die Melodie im Bus, die so getragen war, dass sie einem Boxer als Hymne hätte dienen können.
Alle, die ausstiegen und zu dem verglasten Hauptgebäude hinübergingen, trugen viel leichtere Sachen als er mit seinem Straßenanzug. Er fiel zurück in der Gruppe und zückte das Handy. Er hatte seinen Roaming-Vertrag soeben erneuern lassen und konnte in ganz Europa telefonieren. Hier aber war Europa zu Ende. Wie genau nahm sein Handy das?

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