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Die invaliden Geschwister
(Leseprobe aus: Die invaliden Geschwister,
Roman, 1999, Elfenbein
- Übertragung Mira Sonnenschein)
Als er die Anhöhe erklommen hatte,
breitete sich die Hochebene vor ihm aus. Auf dem Acker standen drei Bäume. Der
letzte Schnee taute auf dem Weg, der bereits voller Pfützen war. Gleich
brockenweise blieb der Lehm an den Schuhsohlen kleben. Unter den Bäumen
angekommen, stolperte er über eine Leiche. Sie befand sich im Zustand
fortgeschrittener Verwesung. Man konnte nicht mehr erkennen, ob sie männlich
oder weiblich war. Als er mit dem Fuß gegen diesen Körper stieß, quoll
Schlamm heraus. Es war die Leiche der Welt. Das Wetter war häßlich, der Himmel
trüb. Nach einigen Kilometern erreichte er eine Kneipe. Da er die letzten Tage
ununterbrochen und viel getrunken hatte, plagte ihn ein großer Katzenjammer.
Die Wirtin schenkte ihm ein Bier ein. Sie war dick, aber noch nicht alt. Ihr
dauergewelltes, aber zerzaustes Haar war schwarz und glänzend. Nachdem er in
der Ecke Platz genommen hatte, verschwand sie hinter einer verglasten Tür in
der Küche. Unmittelbar darauf hörte man, wie sie sich dort mit jemandem
paarte. Der Küchenschrank wackelte, Geschirr und Gläser schepperten. Die
Stimme eines Mannes wurde laut und das Stöhnen der Frau. Zwei Beinpaare
rutschten und scharrten über den Fußboden. Der kleine Dorfplatz hinter dem
Fenster war menschenleer. Die Fenster in den kleinen Häusern waren dunkel, verhängt
mit kleinen bunten oder gehäkelten Gardinen. In den Räumen mußte es selbst
jetzt zur Mittagszeit schummrig sein. Nur aus einzelnen Schornsteinen stieg
Rauch auf.
Als er weiterging und sich von der Mitte der Ebene entfernte, dachte er über
die Leiche der Welt nach. Offensichtlich lag sie schon den ganzen Winter über
dort. Es war nicht anzunehmen, daß man im Dorf nicht Bescheid wußte. Sie lag
gleich hinter ihren Scheunen, direkt am Weg. Allem Anschein nach hatten sie ihr
Schuhe und Mütze und bestimmt auch die Uhr abgenommen. Am Rande der Ebene,
dort, wo es wieder abschüssig wurde, blieb er stehen. Durch den lichten Wald
hindurch konnte er bei grauer, doch klarer Luft bis nach unten sehen. Der
Wasserpegel schien wieder gestiegen zu sein. In den letzten Monaten war er unverändert
geblieben, nur einige Meter Land hatte die Flut vorübergehend überschwemmt. Über
Nacht waren die Wasser offensichtlich wieder gestiegen. Man konnte nur abwarten,
ob sie wieder zum Stillstand kamen. Beinahe das gesamte Umland war auf diese
Weise überschwemmt. Seltsam, denn der Hügel, auf dem er stand, war keinesfalls
der höchste. Selbst hohe Berge wurden bereits vom Wasser überflutet. Es umhüllte
sie wie ein wallender Umhang, der sich nicht ablegen ließ, und ihnen mit
erstaunlicher Beständigkeit anhaftete und bis weit in die Ebene hinunter
reichte. Vielleicht war dies hier das letzte Stück Festland. Drüben, unterhalb
des Berges, lag eine Stadt. Dort wohnte er. In der Vorstadt standen schon einige
Häuser unter Wasser. Aber sie standen ohnehin bereits leer. Einmal hatte er
dort in der Nähe in einem Gasthof gesessen, der in einer Senke lag. Es war
nicht auszuschließen, daß sie längst überschwemmt war. Deshalb entschied er
sich für einen anderen Heimweg. So würde er es noch vor Einbruch der
Dunkelheit schaffen. Diesseits des Hügels lagen unterhalb des Waldes noch zwei
Dörfer, und in jedem gab es Bier.
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