Die blaue Gasse von Giuseppe Bonaviri, 2006, BeckWitsch

Guiseppe Bonaviri

Die blaue Gasse
(Leseprobe aus: Die blaue Gasse, Roman, S. 449 - 453, 2006, Beck - Übertragung Annette Kopetzki)

XXI.

In jenen Tagen tauchte in unserem Viertel ein alter Mann auf, den wir Mastro Ciccio Pisciacane nannten. Er trug eine zerrissene Jacke und Schuhe mit löchrigen Sohlen, lebte von Almosen oder vom Verkauf selbstgebundener Kränze und schlief unter den Brücken, die manche Straßen im Ort miteinander verbanden. Oder er wurde in einem catoio beherbergt und durfte neben dem Esel schlafen, wenn draußen der Wind pfiff, der aus Schluchten, Abgründen und Gräben aufstieg.
Da keiner genau wußte, woher er kam, wer er war und ob er womöglich übers Meer gefahren war, um nach Sizilien zu gelangen, hatten sich Legenden um ihn gebildet.
Linuccia Osario mit den sehr lebhaften Augen sagte zum Beispiel, daß der Alte ein Heiliger sei. Er wolle die Menschen erretten, die sich dem Verfall und der Sünde ergeben hätten. Da er über neunzig Jahre alt war, vergaß er manchmal, wer er war, und fragte uns: «Heda, ihr kleinen Wichte, wißt ihr, wer ich bin? Erinnert ihr euch daran?» Er hatte nur noch zwei Eckzähne und wenige, gräßlich schwarze Backenzähne, er trug einen kleinen, gelben Hut und sehr schmutzige weiße Handschuhe.
Zu der Zeit hatte ich mir vorgenommen, eine Quelle zu suchen, die sich meiner Meinung nach in der Gegend des Trezzito oder auf dem Querceto befinden mußte und wahrscheinlich kühl und frisch in einer Höhle entsprang. Ich war überzeugt, dieses Wasser würde uns, wenn wir es auffingen und über unser Glied strömen ließen, mit seinem unablässigen Aufschäumen einen immensen sinnlichen Genuß bereiten. Pino Lauria jedoch entgegnete, dies sei das Wasser, aus dessen winzigen hervorquellenden Wellen Gott entstehe.
«Du denkst immer nur an die körperlichen Freuden», fügte er hinzu.
Egal – gemeinsam hatten wir, Turi Simili, Nico Giostra, Santo Cunsolo, Kòlovoz und auch Pino Lauria, der zum Zeichen der Trauer am linken Jackenärmel eine schwarze Stoffbinde trug, beschlossen, in die Wälder von Trezzito zu gehen. Doch die Anwesenheit des Alten weckte unsere Neugierde und lenkte uns von dem Vorhaben ab. Don Ciccio war ein sonderbarer alter Mann, recht schrullig. Wenn er zum Beispiel Wasser lassen mußte, ging er zu einem Hund und bespritzte ihn mit seinem Urin. Darum wurde er Pisciacane, «Hundepisser», genannt.
Ein plötzlicher trüber Aufruhr in seinen Gedanken trieb ihn, stillende Mütter zu fragen, ob sie ihn ihre Milch saugen lassen würden.
Er würde ihnen dafür Kränze aus Lorbeerzweigen, aus biegsamem Olivenlaub oder den dichten Blättern der Myrte, aber auch Fächer aus Schilfrohr und Flußbinsen geben. Er machte sogar welche aus den winzigen Blüten der Feige.
All diese Girlanden oder Kränze trug er an seinem Wanderstab.
«He, Pisciacane», riefen wir ihm zu, wenn wir ihn sahen, «warum setzt du sie dir nicht auf den Kopf?»
Er hatte stark behaarte Achseln und stank wie ein Ziegenbock, aber manchmal verströmte sein Körper auch den Geruch von fließendem Bachwasser.
Die jungen Mütter jagten ihn davon: «Seit wann saugen alte Männer Milch von unseren Brüsten? Willst du dich vielleicht verjüngen?»
Er antwortete mit zitternder, unsicherer Stimme: «Tut es für die Madonna der Quelle und für die Seelen eurer Verstorbenen.»
Außerdem hatten die Frauen Angst vor ihren äußerst eifersüchtigen Männern.
Selten gelang es ihm, die eine oder andere Bäuerin zu überreden, indem er sie mit zweideutigem Gebaren fragte: «Wenn ich Euer Vater wäre, was tätet Ihr dann? Habt Ihr denn die Fabel von der Tochter vergessen, deren Vater bei Wasser und Brot im Gefängnis saß und die ihm – da sie ein neugeborenes Kind hatte – heimlich durch die Gitterstäbe hindurch ihre Brust darbot?»
Ein einziges Mal geschah etwas Derartiges in unserem Hof, als Don Ciccio sich doch tatsächlich an Donna Peppinella wandte, die ihren kleinen Achille im Arm hielt, um ihn in den Schlaf zu wiegen.
Donna Peppinella bat meine Mutter um Rat (der Balkon und die Tür von Donna Riricchia blieben wegen der Trauer um den Sohn immer geschlossen), die gerade den Topf mit dem prallen, duftenden Basilikumstrauch wässerte. «Donna Giuseppina, darf ich dieses barmherzige Werk tun?»
Meine Mutter antwortete: «Was redet Ihr da? Was fällt Euch ein? Schickt diesen zahnlosen Alten fort!»
Doch Dardania, deren rote Haare leuchteten, machte Donna Peppinella ein Zeichen, sie solle ja sagen, während Caterina-Caterinella ihr einen mit Flitter und Glöckchen bestickten Schleier gab, damit sie sich die Brüste bedeckte.
«Den Armen», sagte Caterina-Caterinella mit flinker, junger Stimme, «verweigert Gott niemals etwas.»
Achilles Mutter machte eine Geste des Abscheus. «Weg, weg!» sagte sie, während sie die Finger der halbgeschlossenen Hände mehrmals abwehrend vorschnellen ließ.
An diesem Morgen waren die Dächer hell, die Felder lagen im Licht, die Hochebenen strahlten.
Caterina-Caterinella und Dardania hatten sich neben Donna Peppinella gestellt, der Alte war näher gekommen und hatte sich mit gefalteten Händen vor ihr niedergekniet. Wir, Santo, Turi Simili und ich, versteckten uns im catoio unseres Hauses, um nicht gesehen zu werden. Er grenzte direkt an den Treppenabsatz von Donna Peppinella – so konnten wir alles, wenngleich nur schräg von der Seite, ungesehen beobachten.
Achilles Mutter machte immer noch «weg, weg» mit den Händen, doch die Bewegung wurde allmählich langsamer, die Finger schwankten, hielten inne. Dardania sagte: «Gestattet mir, Euch zu helfen, bitte.» Und eine Hand auf die Schulter der Freundin gestützt, half sie ihr, die himmelblaue Bluse aufzuknöpfen. Beide, Dardania und Donna Peppinella, legten zart zwei Finger um die linke Brust und ließen sie hervorschauen. Caterina-Caterinella nahm Achille, der schon eingeschlafen war, auf den Arm.
Dardania strich mit ihren fuchsroten Haaren über Donna Peppinellas Brust und ließ dabei die Blütenblätter zweier spät blühender purpurroter Rosen, von denen sie sich eine in den Nacken, die andere hinter das Ohr gesteckt hatte, auf die Brust fallen.
Außer dem hellen Morgen war in diesem Moment nichts und niemand in der Gasse.
Donna Peppinella, die Haare zu zwei sauberen Zöpfen geflochten und zum Knoten verbunden, wehrte sich noch.
Es war Dardania, die dem Alten die Brust reichte, worauf er den Mund mit dem gelben Zahnfleisch öffnete und, nachdem er mit der Zunge über den Busen gefahren war, die Milch zu saugen begann.
Turi Simili sagte sehr leise: «Seht ihr dieses starke Licht? Schaut euch das an!»
Wir bemerkten, daß von den Körpern der drei Frauen, einer wahren Dreifaltigkeit, ein sehr helles Licht ausging, so daß sie wie von einem leuchtenden Tuch umhüllt schienen. In der Gasse herrschte tiefe Stille.
Das Saugen des Alten war unregelmäßig, wir sahen ihn kaum, eher hörten wir die Glöckchen, die Caterina-Caterinella an die Säume des Schleiers genäht hatte, der Peppinellas Brüste bedeckte. Diese atmete seufzend, unterbrochen von Pausen. Die Glöckchen ertönten, manchmal hell klingelnd, dann wieder mit einem kaum hörbaren feinen Bimmeln, bis sie eine Folge rascher Triller wie von Vogelstimmen erzeugten. Die beiden jungen Frauen standen noch immer neben der Freundin, Dardania stützte ihre Brust, und Caterinella versuchte ihr so gut wie möglich den Busen zu verdecken.
Der gesättigte Alte wollte schon einschlafen, aber sie halfen ihm, auf die Beine zu kommen und fortzugehen. «Worauf wartet Ihr, warum nehmt Ihr nicht wieder Euren Wanderstab?» forderte Dardania ihn mit weicher Stimme auf. Er ließ seine Kränze liegen, und während er sich gebückt, mit glückseligem Gesicht, entfernte, sagte er: «Donna Peppinella, Gott wird es Euch vergelten.»
Wir spielten noch eine Zeitlang mit ein paar cisternini im catoio, damit man uns nicht sah.

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