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aus: In der Luft
(Seite 48-54)
7.
«Wer war mein Vater?» fragte Erik, während er aus den bizarren Geschirrtürmen ein schmutziges Glas fischte und es kurz unter dem brausenden Wasserstrahl ausspülte. Er schenkte sich herben spanischen Roten aus der Flasche ein.
«Hast du das Geld bekommen?» fragte seine Mutter. Jeden Monat überwies sie ihm achttausend Dollar auf seine zwei Bankkonten: das Konto für die Kommunalabgaben und das für die persönlichen Ausgaben, dreieinhalbtausend bzw. viereinhalbtausend Dollar jeweils. Jeden Monat wanderten die virtuellen Gelder zuverlässig in die virtuellen Geldbeutel, von einer Bankfiliale in die andere. Das lief seit fünf Jahren schon völlig automatisch - und trotzdem fragte ihn seine Mutter jeden Monat, ob er das Geld bekommen habe oder nicht.
«Ja», sagte Erik, «danke. Wer war mein Vater, antworte mir bitte.»
«Niemand», sagte seine Mutter, ohne von ihrem Katalog aufzusehen. «Übrigens», sie hob den Kopf, «was machst du so? Mario ist weg? Super. Du bist hoffentlich nicht in Eile?»
«Ich fliege nach Moskau», sagte Erik.
Seine Mutter sah ihn überrascht an.
«Für lange?»
«Für zwei Wochen.»
«Und warum ausgerechnet nach Moskau?» fragte seine Mutter und schenkte sich Whisky nach.
«Dienstreise», antwortete Erik.
«Du arbeitest?!» Seine Mutter war fassungslos.
«Bereits seit zehn Tagen», antwortete Erik. «Ich hab es dir schon erzählt, du weißt es bloß nicht mehr.»
«Du arbeitest also? ...»
Es klang zutiefst enttäuscht. Seine Mutter zog die Brauen zusammen, so daß sich über ihrer Nasenwurzel ein heraldischer Knoten bildete. Erstmals an diesem Abend sah sie Erik aufmerksam an. «Wieso? Wo? Wofür? Was soll dieser Quatsch?»
Erik klärte sie auf. Zehn Tage schon fahre er jeden Morgen pünktlich zu seiner Arbeitsstelle bei der Gesellschaft zur Förderung verstärkter Wirtschaftsbeziehungen mit den Entwicklungsländern: Er habe beschlossen, sein Leben grundlegend zu ändern und einen Neuanfang zu machen.
Die Gesellschaft befand sich in Queens in dem fünfstöckigen braunen Gebäude einer ehemaligen Bekleidungsfabrik, das Ende der fünfziger Jahre von einem Architekten errichtet worden war, der gleich nach dem Krieg eine Zeitlang als Assistent bei Walter Gropius und «The Architects` Collaborative» gearbeitet und den Gropius später eigenhändig vor die Tür gesetzt hatte, wegen hartnäckigen Zuwiderhandelns gegen die Doktrin des Neoklassizismus (die Sache war so weit gegangen, daß dieser Assistent einmal über Nacht im Büro geblieben war, einige Entwürfe von Gropius vorsätzlich abgeändert und anschließend versucht hatte, während er sich den Händen seines Herrn und Meisters entwand - er verletzte ihn sogar mit einem verkehrt herum gehaltenen Zirkel -, ihm mit seiner durch das gesamte Büro gellender Fistelstimme die totale Nutzlosigkeit und Perspektivlosigkeit seiner künstlerischen Doktrin zu beweisen). Seltsamerweise übernahm der Assistent, kaum daß man ihn hinausgeworfen hatte, unverzüglich die Ansichten des von ihm zuvor abgelehnten Lehrers, und den ersten Auftrag, den er an Land zog (das Gebäude der Bekleidungsfabrik), führte er im Geiste lapidarster Geometrie aus - es war ein Bau, an dessen Fassade graue Fensterbänder mit Streifen braun gestrichenen Betons alternierten und auf dessen Dach die rostigen Eisenstangen der früher dort angebrachten und später von einem Hurrikan weggerissenen Reklametafel für Damenunterwäsche in die Höhe ragten. Zur Arbeit fuhr Erik erst eine ziemlich lange Strecke mit der U-Bahn und dann zwei Haltestellen mit dem Bus, falls es regnete oder er keine Lust hatte, zu Fuß zu gehen.
Die Gesellschaft saß in vier Räumen im ersten Stock dieses Gebäudes. Als Organisation lag sie permanent in den letzten Zügen. Eriks Büro befand sich im zweiten Stock, sein Job nannte sich «Abstractor», und zu seinen Aufgaben gehörte es, Artikel aus verschiedenen Presseorganen zu den Problemen des Privatunternehmertums in Rußland durchzugehen und zusammenzufassen. Das nannte sich «Monitoring». Erik hockte ganze Tage in dem drei mal drei Meter kleinen Kämmerchen zwischen Bergen russischer Zeitungen und Zeitschriften, die ihm den Blick auf den Bildschirm versperrten. Ihm gegenüber am Tisch saß seine Assistentin Jane, der Gesellschaft als Arbeitskraft zugewiesen innerhalb des Programms zur Eingliederung von Menschen mit nicht normgerechtem geistigen Orientierungsvermögen in die tägliche Praxis der Arbeitswelt. Jane trug mit Vorliebe geblümte Baumwollkleider, ihr Brillengestell war knallrot. Von Zeit zu Zeit bat Erik Jane, diesen oder jenen Artikel für ihn zu kopieren, einen Text abzuschreiben, den Drucker zu überprüfen, Kaffee zu kochen, und Jane erledigte das alles mit zufriedenem Lächeln und knappen eigenen Kommentaren in der Art von «der Drucker klappert mit den Zähnen» oder «der Kopierer sieht innen sehr schön aus». Arbeitsbeginn war um acht Uhr morgens, Ende um halb fünf.
Nach der Mittagspause bat der Personalchef ihn zu sich. Erik ging in den ersten Stock hinunter und klopfte an die mit weißer Folie beklebte Tür. «Hiram Rappaport» stand auf dem Schild neben der Tür, Zimmer 28. Das Büro befand sich in der Mitte eines langen Korridors, der von rosa und grünlich getönten Neonlampen erhellt wurde. Erik wartete drei Sekunden, drückte die Klinke herunter und trat ein.
Hiram Rappaport stand am Fenster, den Telefonhörer in der Hand, schwieg und starrte schwermütig in die Gegend. Dem Haus gegenüber lag ein Waschsalon, und durch das große Schaufenster war immer mal wieder ein hübsches junges Mädchen dabei zu sehen, wie es seine duftigen Kleider in einen Waschautomaten einfüllte. Über das Dach des Waschsalons hinweg öffnete sich der Blick auf den Backsteinbau einer Papiertaschentuchfabrik, hinter der ein paar Wohnhäuser hervorlugten. Es regnete, an der Straßenecke gegenüber zwängte sich eine handtuchschmale Tanzschule zwischen die mit Werbung vollgekleisterten Gebäude eines Hotels und eines Pornokinos. Erik dachte, der Personalchef habe den Hörer wahrscheinlich nur am Ohr, um den Neuling zu beeindrucken, doch plötzlich sagte Hiram Rappaport in Richtung Wäscherei, «...aber wen soll das letztendlich interessieren?», wandte sich um und legte den Hörer auf. Trotzdem - der Satz hatte unerträglich falsch geklungen, und Erik zweifelte erneut daran, daß das Telefonat echt gewesen war.
Hiram Rappaport war gute Fünfzig, untersetzt, er trug dunkelblaue Hosen, ein blau-weiß-gestreiftes Hemd und eine kornblumenblaue Krawatte, die auf Brusthöhe mit einer goldenen Nadel - ein Miniaturgolfschläger zwischen zwei verschiedenfarbigen Golfbällen inmitten emaillierter einzelner Grashälmchen, die eine Wiese darstellen sollten - am Hemd befestigt war. Sein Jackett hing über der Stuhllehne.
«Wir waren an den Verhandlungen über einen Kredit zur juristischen Absicherung der Unterstützung kleiner und mittlerer Unternehmen im Regierungsbezirk Kemerowo beteiligt», sagte er ohne Einleitung. «Nehmen Sie Platz», wies er einladend auf die leere Mitte des roten Bürosessels, der vor seinem Tisch stand. Sie setzten sich synchron, jeder auf seinen Platz. «In welchem Jahr haben Sie Rußland verlassen?»
Im Raum lag leichter Essensgeruch. Auf dem Tischchen unter der Lampe stand eine halbtransparente Plastikdose, in deren Innern man die verschwommenen Umrisse von Lebensmitteln erahnen konnte: Huhn-Gurken-Sandwichs, in durch den Kunststoff hindurch matt blinkende Folie gewickelt, selbstgemachte Frikadellen, Käse in Zellophan und Gebäck in leuchtendgelber Papiertüte. Neben der Dose stand ein Plastikbecher, in dem das vom weißen Plastik umrahmte stille Oval nicht ausgetrunkenen und kalt gewordenen Kaffees zu sehen war.
«Neunundachtzig», antwortete Erik, obwohl er sich des genauen Jahrs keineswegs so sicher war.
Der Personalchef schwieg.
«Ich erhalte Briefe», sagte er schließlich mißmutig. «Dostojewski, Kindertränen und dergleichen. Ich verstehe nur Bahnhof. Meinen Abschluß an der Uni habe ich vor vierzig Jahren gemacht, ich habe selbstverständlich Dostojewski gelesen, aber jetzt erinnere ich mich an nichts mehr.»
In seiner Stimme schwang Verzweiflung.
«War es ein großer Kredit?» fragte Erik höflich.
«Darum geht es nicht», erwiderte Hiram Rappaport stirnrunzelnd. Er kaute düster auf seinen Lippen. Sein Haar war sorgfältig um die glatte, sanft gewölbte sommersprossige Glatze herum frisiert. Auf seinem Tisch, neben der Schreibtischgarnitur, stand ein grünes Plastikmodell der Freiheitsstatue mit goldener Fackel. Über dem Tisch hing ein Foto, auf dem, wie Erik schien, ein billiges Motel irgendwo in South Carolina abgebildet war. Auf dem zweiten Foto war der Personalchef festgehalten, wie er neben dem Präsidenten von Turkmenien stand und den eben zum Geschenk erhaltenen Gedichtband des Präsidenten mit dem Titel Ich bin Turkmene an die Brust drückte. Das dritte Foto zeigte die Kuppel des Kapitols in Washington.
«Fünfzigtausend», sagte Hiram Rappaport, «aber es geht hier nicht nur ums Geld. Das Ganze war das Ergebnis langwieriger Verhandlungen», sagte er und sah Erik an, «unter Beteiligung einiger Firmen, die Interesse bekundet hatten und auch weiterhin mit uns zusammenarbeiten wollen, unter Einbindung staatlicher Organe.»
Er schwieg nachdenklich und trommelte mit den Fingern gegen die Tischkante.
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