2666 von Roberto Bolano, 2009, Hanser

Roberto Bolaño

2666
(Leseprobe aus: 2666, Roman, 2003, unvollendet/2009, Hanser - Übertragung Christian Hansen).

Die Tote lag auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie

trug ein weißes, langärmliges Hemd und einen gelben, knielangen

Rock höherer Konfektionsgröße. Spielende Kinder hatten sie gefunden

und ihre Eltern benachrichtigt. Eine der Mütter verständigte die

Polizei, die eine halbe Stunde später eintraf. Die Brache grenzte an

die Straßen Peláez und Hermanos Chacón und reichte bis zu einem

Abwassergraben, hinter dem sich die Mauern einer verlassenen und

schon verfallenen Molkerei erhoben. Die Straße war menschenleer,

weshalb die Polizisten zuerst dachten, jemand habe sich einen Scherz

erlaubt. Dennoch parkten sie ihren Streifenwagen in der Calle Peláez,

und einer der Beamten sah sich auf der Brachfläche um. Nach kurzer

Zeit entdeckte er zwei Frauen, die mit verhüllten Köpfen betend

zwischen den Sträuchern knieten. Von weitem sahen sie aus wie alte

Frauen, aber das täuschte. Vor ihnen lag die Leiche. Ohne sie zu stören,

machte der Polizist auf demselben Weg kehrt und winkte seinen

Kollegen heran, der rauchend im Wagen auf ihn wartete. Dann gingen

beide (der aus dem Auto mit gezückter Pistole) wieder zurück zu den

Frauen, blieben neben ihnen stehen und betrachteten die Leiche.

Der mit der gezückten Pistole fragte, ob sie die Tote kennen würden.

Nein, Señor, sagte die eine. Wir haben sie noch nie gesehen. Die ist

nicht von hier.

Das geschah 1993. Januar 1993. Seit diesem Vorfall begann man, die

Frauenmorde zu zählen. Vermutlich hatte es schon vorher Morde

gegeben. Die erste Tote hieß Esperanza Gómez Saldaña und war

dreizehn Jahre alt. Vermutlich war sie nicht die Erste. Vielleicht aus

Bequemlichkeit, weil sie das erste Mordopfer des Jahres 1993 war,

führt sie die Liste an. Obwohl sicherlich bereits 1992 Frauen ermordet

wurden. Frauen, die nicht auf die Liste kamen oder die nie gefunden

wurden, die man anonym in der Wüste verscharrt oder deren Asche

man in tiefer Nacht verstreut hatte, wenn nicht einmal der, der sie verstreut,

weiß, wo genau er sich befindet.

Die Identifizierung von Esperanza Gómez Saldaña war relativ einfach.

Der Leichnam wurde zunächst in eines der drei Kommissariate

von Santa Teresa gebracht, wo er von einem Untersuchungsrichter in

Augenschein genommen und von Polizeibeamten begutachtet und

fotografiert wurde. Wenig später, während vor dem Kommissariat ein

Krankenwagen wartete, traf der Polizeichef Pedro Negrete in Begleitung

zweier Adjutanten ein und untersuchte die Leiche erneut. Anschließend

zog er sich mit dem Richter und drei Beamten in ein Büro

zurück und fragte, zu welchen Schlussfolgerungen sie gelangt seien.

Sie wurde erwürgt, sagte der Richter, das ist sonnenklar. Die Polizisten

nickten schweigend. Weiß man, wer sie ist? fragte der Polizeichef. Alle

schüttelten den Kopf. Gut, das kriegen wir raus, sagte Pedro Negrete

und verließ zusammen mit dem Richter das Kommissariat. Einer der

Adjutanten blieb da und befahl, ihm die Polizisten zu bringen, die die

Tote aufgefunden hatten. Sie fahren schon wieder Streife, sagte einer.

Dann bringt sie her, wenn sie zurück sind, ihr Schwachköpfe. Inzwischen

wurde die Tote in die Leichenhalle des städtischen Krankenhauses

gebracht und dort vom Gerichtsmediziner obduziert. Seinem

Bericht zufolge war Esperanza Gómez Saldaña erwürgt worden. Sie

zeigte Hämatome am Kinn und am linken Auge. Starke Hämatome an

Oberschenkeln und Brustkorb. Sie war vaginal und anal vergewaltigt

worden, wahrscheinlich mehrfach, da sich in Scheidengang und Darm

Risse und Wunden fanden, aus denen sie stark geblutet hatte. Um

zwei Uhr morgens beendete der Gerichtsmediziner die Autopsie und

ging nach Hause. Ein schwarzer Krankenpfleger, vor vielen Jahren aus

Veracruz in den Norden gekommen, übernahm den Leichnam und

schob ihn in ein Kühlfach.

Rezension I Buchbestellung I home III09 LYRIKwelt © Hanser