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2666
(Leseprobe aus:
2666, Roman, 2003, unvollendet/2009, Hanser
- Übertragung Christian Hansen).
Die Tote lag auf einer kleinen Brache in der Siedlung Las Flores. Sie
trug ein weißes, langärmliges Hemd und einen gelben, knielangen
Rock höherer Konfektionsgröße. Spielende Kinder hatten sie gefunden
und ihre Eltern benachrichtigt. Eine der Mütter verständigte die
Polizei, die eine halbe Stunde später eintraf. Die Brache grenzte an
die Straßen Peláez und Hermanos Chacón und reichte bis zu einem
Abwassergraben, hinter dem sich die Mauern einer verlassenen und
schon verfallenen Molkerei erhoben. Die Straße war menschenleer,
weshalb die Polizisten zuerst dachten, jemand habe sich einen Scherz
erlaubt. Dennoch parkten sie ihren Streifenwagen in der Calle Peláez,
und einer der Beamten sah sich auf der Brachfläche um. Nach kurzer
Zeit entdeckte er zwei Frauen, die mit verhüllten Köpfen betend
zwischen den Sträuchern knieten. Von weitem sahen sie aus wie alte
Frauen, aber das täuschte. Vor ihnen lag die Leiche. Ohne sie zu stören,
machte der Polizist auf demselben Weg kehrt und winkte seinen
Kollegen heran, der rauchend im Wagen auf ihn wartete. Dann gingen
beide (der aus dem Auto mit gezückter Pistole) wieder zurück zu den
Frauen, blieben neben ihnen stehen und betrachteten die Leiche.
Der mit der gezückten Pistole fragte, ob sie die Tote kennen würden.
Nein, Señor, sagte die eine. Wir haben sie noch nie gesehen. Die ist
nicht von hier.
Das geschah 1993. Januar 1993. Seit diesem Vorfall begann man, die
Frauenmorde zu zählen. Vermutlich hatte es schon vorher Morde
gegeben. Die erste Tote hieß Esperanza Gómez Saldaña und war
dreizehn Jahre alt. Vermutlich war sie nicht die Erste. Vielleicht aus
Bequemlichkeit, weil sie das erste Mordopfer des Jahres 1993 war,
führt sie die Liste an. Obwohl sicherlich bereits 1992 Frauen ermordet
wurden. Frauen, die nicht auf die Liste kamen oder die nie gefunden
wurden, die man anonym in der Wüste verscharrt oder deren Asche
man in tiefer Nacht verstreut hatte, wenn nicht einmal der, der sie verstreut,
weiß, wo genau er sich befindet.
Die Identifizierung von Esperanza Gómez Saldaña war relativ einfach.
Der Leichnam wurde zunächst in eines der drei Kommissariate
von Santa Teresa gebracht, wo er von einem Untersuchungsrichter in
Augenschein genommen und von Polizeibeamten begutachtet und
fotografiert wurde. Wenig später, während vor dem Kommissariat ein
Krankenwagen wartete, traf der Polizeichef Pedro Negrete in Begleitung
zweier Adjutanten ein und untersuchte die Leiche erneut. Anschließend
zog er sich mit dem Richter und drei Beamten in ein Büro
zurück und fragte, zu welchen Schlussfolgerungen sie gelangt seien.
Sie wurde erwürgt, sagte der Richter, das ist sonnenklar. Die Polizisten
nickten schweigend. Weiß man, wer sie ist? fragte der Polizeichef. Alle
schüttelten den Kopf. Gut, das kriegen wir raus, sagte Pedro Negrete
und verließ zusammen mit dem Richter das Kommissariat. Einer der
Adjutanten blieb da und befahl, ihm die Polizisten zu bringen, die die
Tote aufgefunden hatten. Sie fahren schon wieder Streife, sagte einer.
Dann bringt sie her, wenn sie zurück sind, ihr Schwachköpfe. Inzwischen
wurde die Tote in die Leichenhalle des städtischen Krankenhauses
gebracht und dort vom Gerichtsmediziner obduziert. Seinem
Bericht zufolge war Esperanza Gómez Saldaña erwürgt worden. Sie
zeigte Hämatome am Kinn und am linken Auge. Starke Hämatome an
Oberschenkeln und Brustkorb. Sie war vaginal und anal vergewaltigt
worden, wahrscheinlich mehrfach, da sich in Scheidengang und Darm
Risse und Wunden fanden, aus denen sie stark geblutet hatte. Um
zwei Uhr morgens beendete der Gerichtsmediziner die Autopsie und
ging nach Hause. Ein schwarzer Krankenpfleger, vor vielen Jahren aus
Veracruz in den Norden gekommen, übernahm den Leichnam und
schob ihn in ein Kühlfach.
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