Chilenisches Nachtstück von Roberto Bolano, 2007, Hanser

Roberto Bolaño

Chilenisches Nachtstück
(Leseprobe aus: Chilenisches Nachtstück, Roman, 2007, Hanser - Übertragung Heinrich von Berenberg)

Die erste von mir aufgesuchte Kirche war Santa Maria del Dolore
Perpetuo in Pistoia. Ich hatte erwartet, von einem betagten
Geistlichen empfangen zu werden, aber wie groß war meine
Überraschung, als mich ein Priester begrüßte, der noch nicht die
Dreißig überschritten hatte. Pater Pietro, so sein Name, erklärte mir,
Señor Odeim habe ihm ein Schreiben geschickt, in welchem ihm
mein Besuch angekündigt worden sei, und daß es in Pistoia nicht
etwa die Luftverschmutzung sei, die den romanischen und gotischen
Baudenkmälern am ärgsten zusetze, sondern der von Tieren
stammende Unrat, insbesondere die Exkremente der Tauben, deren
Population sich sowohl in Pistoia wie auch an vielen anderen
europäischen Orten regelmäßig vergrößert hätte. Für dieses Problem
aber gebe es eine sichere Lösung, eine Waffe, die sich noch in ihrem
experimentellen Stadium befände und die er mir am morgigen Tag
vorführen wolle. Ich entsinne mich, daß ich die Nacht in einem
Zimmer neben der Sakristei verbrachte und dort mehrmals aus
meinen Träumen hochschrak, ohne zu wissen, ob ich mich auf dem
Schiff befand oder in Chile, und einmal angenommen, ich war in
Chile, ob ich dann zu Hause wäre, bei meiner Familie oder im
Priesterkolleg oder aber im Haus eines Freundes, und obwohl mir für
Augenblicke die Tatsache dämmerte, daß ich mich im Zimmer neben
einer europäischen Sakristei befand, so wußte ich doch nicht mit
Sicherheit zu sagen, in welchem Land Europas sich das Zimmer
befand und was ich dort zu suchen hatte. Am nächsten Morgen
weckte mich eine Angestellte der Pfarrei. Sie hieß Antonia und sagte:
Pater, Don Pietro erwartet Sie, gehen Sie schnell, sonst schimpft er
mit Ihnen. Genau so. Ich wusch mich also, legte meine Soutane an
und ging hinaus in den Innenhof des Pfarreigebäudes, wo ich den
jungen Pater Pietro antraf, der eine sehr viel sauberere Soutane als ich
trug und dessen linke Hand in einem plumpen großen,
handschuhartigen Gebilde aus Leder und Metall steckte, und während
ich hoch in der Luft über dem Himmelsquadrat, welches sich über
den gelblichen Mauern öffnete, den Schatten eines Vogels erspähte,
erblickte mich seinerseits Pater Pietro und sagte: Gehen wir auf den
Glockenturm, und ohne ein weiteres Wort folgte ich ihm, und so
erklommen wir, schweigend und die Anstrengung des Weges
kostend, die Spitze des Glockenturms, auf der angelangt Pater Pietro
pfiff und die Arme schwenkte, bis der Schatten vom Himmel
herabstieß und sich auf dem großen Handschuh an der linken Hand
des Italieners niederließ, und ich, ohne nötige Erklärungen, selbst
erkennen konnte, daß es sich bei dem dunklen, über der Kirche Santa
Maria del Dolore Perpetuo fliegenden Vogel um einen Falken
handelte und sich Pater Pietro in einen Meister der Falknerei
verwandelt hatte und dies die zur Verwendung anstehende
Hilfsmaßnahme zur Ausrottung der um die alte Kirche herum
hausenden Tauben war, und ich sah die Treppe hinunter, die in den
Innenhof und zum gepflasterten Platz vor der Kirche hinabführte, und
so sehr ich auch spähte, ich sah keine einzige Taube. Am Nachmittag
führte mich Pater Pietro an einen anderen Ort in Pistoia, wo es weder
kirchliche Gebäude noch zivile Baudenkmäler gab, noch sonst etwas,
was es verdient hätte, vor dem Zahn der Zeit geschützt zu werden.
Wir fuhren in dem kleinen Lieferwagen der Pfarrei. In einer Kiste saß
der Falke. An unserem Ziel angelangt, nahm Pater Pietro den Falken
heraus und ließ ihn fliegen. Ich sah, wie er sich auf eine im Flug
entsetzt innehaltende Taube stürzte. Ein Fenster in einem Haus mit
Sozialwohnungen flog auf, und eine alte Frau schrie uns etwas zu und
drohte uns mit der Faust. Pater Pietro lachte. Der Wind bauschte
unsere Soutanen. Wieder zurück, erfuhr ich, daß der Falke Turco
hieß. Als nächstes nahm ich den Zug nach Turin, wo ich mich mit
Pater Angelo von der Kirche San Paolo del Soccorso traf, auch er
versiert in der Kunst der Beizjagd. Sein Falke, er hieß Otello, war der
Schrecken sämtlicher Tauben von Turin, obwohl keineswegs der
einzige in der Stadt, wie Pater Angelo mir anvertraute, der gewichtige
Gründe zu der Annahme hatte, daß irgendwo in einem Viertel von
Turin, wahrscheinlich im Süden der Stadt, ein weiterer Falke lebte
und daß Otello bei seinen luftigen Ausflügen schon einige Male den
Kurs des anderen gekreuzt haben mußte. Beide Raubvögel machten
Jagd auf Tauben und hatten im Prinzip keinen Grund, einander zu
fürchten, aber Pater Angelo war der Meinung, der Tag des
feindlichen Zusammenstoßes der beiden Falken sei nicht mehr fern.
In Turin blieb ich länger als in Pistoia. Später nahm ich den Nachtzug
nach Straßburg, wo Pater Joseph einen Falken namens Xenophon
besaß, einen Raubvogel von bläulicher Schwärze, der bisweilen,
wenn Pater Joseph die Messe las, hoch oben über einer vergoldeten
Baßpfeife auf der höchsten Erhebung der Orgel Platz nahm, und
manchmal, wenn ich kniend dem Worte Gottes lauschen wollte,
spürte ich den Blick des Falken in meinem Nacken, seine stechenden
Augen, und dann zerstreute ich mich, indem ich an Bernanos und
Mauriac dachte, die Pater Joseph in einem fort las, auch an Graham
Greene, den nur ich las, nicht jedoch Pater Joseph, denn die
Franzosen lesen ausschließlich Franzosen, obwohl wir einmal bis
spät in die Nacht, ohne zu einer Einigung zu kommen, über Greene
stritten. Wir sprachen auch über Burson, einen Priester und Märtyrer
aus dem Maghreb, über dessen Leben und apostolische Sendung
Vuillamin ein Buch geschrieben hatte, das Pater Joseph mir schenkte,
und auch über den Abbé Pierre, einen Bettelbruder, an dem sich Pater
Joseph sonntags ergötzte, den er aber montags nicht ausstehen
konnte. Und dann verließ ich Straßburg und fuhr nach Avignon mit
seiner Kirche Notre Dame du Midi, wo Pater Fabrice das Priesteramt
versah und einen in der ganzen Gegend für seine Gefräßigkeit und
Grausamkeit berüchtigten Falken namens Halt’s-Maul sein eigen
nannte, und mit diesem Geistlichen verbrachte ich unvergeßliche
Stunden, während Halt’s-Maul umherflog und dabei nicht nur
Tauben, sondern auch Stare vernichtete, die in jenen fernen und
glücklichen Tagen noch die provenzalischen Lande bevölkerten,
welche auch Sordel durchwandert hatte – Sordel? Sordello? Welcher
Sordello? –, und Halt’s-Maul flog davon und verlor sich zwischen
niedrigen Wolken, den Wolken, die von den geschändeten und
gleichzeitig reinen Hügeln Avignons herabwallten, und während
Pater Fabrice und ich uns unterhielten, erschien mit einemmal
Halt’s-Maul wieder, wie ein Blitz oder die Abstraktion davon, um
über die gewaltigen Starengeschwader herzufallen, die wie
Mückenschwärme von Westen her auftauchten und mit ihrem
erratischen Geflatter den Himmel schwärzten, einem Geflatter, das
innerhalb weniger Minuten zu einem Massaker wurde, blutig
zerstiebend und die Dämmerung über den Vorstädten Avignons mit
einem kräftigen Rot färbend, wie das Rot der Sonnenuntergänge, die
man aus dem Fenster eines Flugzeugs beobachten kann, wenn man,
sanft geweckt und das surrende Geräusch der Motoren in den Ohren,
den kleinen Vorhang beiseite schiebt und am Horizont eine Linie
erkennt, rot wie eine Vene, die Femoralvene, die schwellende Aorta
des Planeten, sie war es, die ich im Himmel über Avignon erblickte,
den blutgetränkten Starenflug, die wie von der Palette eines
abstrakten Expressionisten stammenden Flugbewegungen des
Falken, ach, der Friede, die Harmonie der Natur, nirgendwo zeigen
sie sich so offen und eindeutig wie hier in Avignon, und dann pfiff
Pater Fabrice, und wir warteten eine geraume Zeit, skandiert allein
vom Schlag unserer Herzen, ehe sich der bebende Falke auf seinem
Arm niederließ. Und wieder nahm ich den Zug, tieftraurig schied ich
von Avignon und begab mich in spanische Lande, und
selbstverständlich war Pamplona der erste Ort, wo ich meine
Aufwartung machte und wo man die Kirchen mit anderen Methoden
zu erhalten suchte, Methoden, die mich jedoch nicht interessierten,
wahrscheinlich kümmert sich in Wahrheit sowieso niemand darum,
aber hier mußte ich den Brüdern vom Opus meine Aufwartung
machen, die mich wiederum den Verlegern des Opus, den
Kollegvorstehern des Opus und dem Rektor der Universität
vorstellten, der ebenfalls dem Opus angehörte, sie alle zeigten sie
sich höchst interessiert an meinen literaturkritischen Arbeiten, an
meiner Arbeit als Dichter und Dozent, und boten mir sogleich an, ein
Buch zu veröffentlichen, großherzig, wie sie sind, die Spanier, und
formvollendet, denn am folgenden Tag unterschrieb ich einen
Vertrag, und danach händigten sie mir einen Brief aus, einen Brief
von Señor Odeim, in dem er fragte, wie es mir denn so ginge in
Europa, wie mir das Klima bekomme, das Essen und wie mir die
Baudenkmäler gefielen, ein vollkommen lächerlicher Brief, der
nichtsdestoweniger einen weiteren Brief in sich zu verbergen schien,
nicht zu entziffern und sehr viel ernsteren Inhalts, der mich mit
großer Sorge erfüllte, obwohl ich keine Ahnung hatte, was in dem
verschlüsselten Brief stand, ja, ich war mir nicht einmal sicher, ob
denn überhaupt, irgendwo zwischen den Zeilen des lachhaften
Schreibens, ein verschlüsselter Brief existierte. Und dann, nach
vielen Umarmungen, Empfehlungen und allen Sorten von
Abschiedsbekundungen, verließ ich Pamplona und kam nach Burgos,
wo mich bereits Pater Antonio erwartete, ein früh gealterter Priester
und Besitzer eines Falken namens Rodrigo, der allerdings keine
Tauben jagte, zum Teil, weil das Alter es dem Pater nicht mehr
erlaubte, seinen Raubvogel auf dessen Jagdausflügen zu begleiten,
zum Teil, weil nach der anfänglichen Begeisterung im Kirchsprengel
eine Periode des Zweifels angebrochen war, ob man sich mit Hilfe
solch wirkungsvoller Methoden jene Vögel vom Hals schaffen dürfe,
bei denen es sich schließlich, Exkremente hin, Exkremente her, auch
um Geschöpfe Gottes handelte. So ernährte sich also der Falke
Rodrigo zu der Zeit, als ich nach Burgos kam, ausschließlich von
Geschnetzeltem, Hackfleisch und Innereien, die Pater Antonio und
seine Dienerin auf dem Markt kauften, Leber, Herz, Schlachtabfälle,
und durch die mangelnde körperliche Übung befand er sich in einem
bejammernswerten Zustand, einem Zustand des Verfalls, nicht
unähnlich dem von Pater Antonio, dessen Wangen von zur Unzeit
durchlebter Reue und schlimmsten Zweifeln gezeichnet waren, so
daß, als ich nach Burgos kam, Pater Antonio im Bett lag, einer eines
armen Priesters würdigen Pritsche, unter einer Decke aus grobem
Tuch und in einem großen Zimmer mit Wänden aus unverkleidetem
Stein, und der Falke saß in einer Ecke, zitterte vor Kälte, hatte seine
Kapuze auf und zeigte nicht die Spur jener Eleganz, die ich in Italien
und Frankreich gesehen hatte, ein armer Falke und ein armer Priester,
die sich gegenseitig ihrer Lebensgeister beraubten, und der Pater sah
mich und versuchte, sich auf einen Ellenbogen zu stützen, so wie ich
selbst Jahre, Äonen später, zwei, drei Minuten nachdem der
vergreiste Grünschnabel auf die Bühne gewirbelt war, und ich
erblickte diesen Ellenbogen samt Arm, dünn wie ein Hühnerschenkel,
und Pater Antonio teilte mir seine Gedanken mit. Er sagte: Ich habe
mir gedacht, daß das mit den Falken vielleicht keine gute Idee ist,
denn obwohl sie die Kirche vor den zerfressenden und auf die Dauer
zerstörerischen Folgen der Taubenexkremente bewahren, darf
dennoch nicht vergessen werden, daß wir in den Tauben das irdische
Symbol des Heiligen Geistes vor uns haben, nicht wahr?

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