Der Sog
(Leseprobe aus: Der Sog, Roman,
Seite 29/30, 1988, Nagel
& Kimche).
Simon hielt das Gesicht auf die Bank gedrückt und weinte leise. Neben ihm sass
Vater und hustete und lachte. Die kleine Flöte hielt er noch immer in der Hand.
Er strich sich übers Gesicht. "So ein Blödsinn", sagte er, "so ein Blödsinn!"
Dann sah er auf Simon. Er stockte. "Du weinst? Mein Gott! Der Bub weint! Komm
her zu Vater!" Er stand auf vom Stuhl, nahm Simon und zog ihn zu sich her.
"Nicht weinen, Simmeli! Ich weiss, Vater soll nicht lachen." Er suchte sein
Taschentuch hervor und tupfte Simon übers Gesicht. Er hob den Bub vom Boden und
setze ihn sich aufs Knie. "Mutter kommt wieder. Jaja, aber sicher! Bestimmt!" Er
drückte Simons Kopf gegen sich und wiegte den Bub langsam hin und her. "Doch
doch. Natürlich kommt sie." Und nach einer Weile, als Simon den Kopf schüttelte,
sagte er, Mutter sei hinaufgegangen zu Mock ins Dorf, zur grossen Scheune, um
die Milch zu holen. Zu Mock, der Gemeindeammann ist und dem die Häuser gehören
am Berg, und dem auch dieses Haus gehört, in dem der Bannwart wohnt, Vater und
Mutter und Simon. Wie jeden Abend hole Mutter die Milch, sagte Vater. "Du wirst
sehen, mit der Frau des Notars, mit Sina kommt sie zurück und bringt die Milch."
Vater hielt Simon die noch warme, noch feuchte Flöte vor den Mund. Aber es
gelang Simon nicht, den Mund so zu formen, dass er einen guten und
gleichmässigen Strahl Luft über die Flöte hin hätte blasen können. Er versuchte
zwar zu lachen, aber noch immer war das Schluchzen stärker. "Dummer Bub", sagte
Vater leise. "Mein lieber dummer Bub." Er spielte Simon die Triller vor. Er
liess Simon die Grifflöcher der Flöte zudecken und wieder freigeben, während er,
Vater, blies. Zusammen sassen sie unter der Lampe und spielten Flöte.
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