Samurai
(Leseprobe aus:
Samurai, Erzählungen,
2005, Nagel & Kimche,
Nachwort von Brigitte
Kronauer)
Wieder eine dieser Geschichten!
dachte ich. Ich sah über den staubigen, verwilderten Fußballplatz hin und
dachte an die Vögel, die durch den Himmel schwirrten, Jahr für Jahr, einmal
nordwärts, einmal nach Süden, Vögel kaum mannshoch über dem Fußballplatz.
Ich sah sie nicht nur, ich hörte sie. Und oben stand Hesse und winkte.
Seine Frau hatte auf der andern Seite der Alpen eine Professur bekommen, sagte
sie. Und er, der Mann, blieb. Die Frau war dort, und er war hier. Krank. Er war
sehr krank. Seine Frau hatte ihre Professur und mochte nicht glauben, daß es
schlimm sei mit ihm. Selbst als er nicht mehr zu gehen vermochte, als ich ihn
auf seinem Liegebett in den Garten rollen mußte, selbst dann noch sagte sie,
mit etwas Härte, mit etwas gutem Willen seinerseits könnte er sehr wohl ohne
eine Haushälterin zurechtkommen. Wochenlang kam sie nicht auf Besuch.
Die andere hingegen kam?
Sie kam. Sie stieg durch den Wald hoch, Hesses Weg. Sie kam am Morgen oder am
Abend, manchmal mitten in der Nacht. Er hatte keinen Schlaf gefunden, er hatte
mit ihr telefoniert, und sie nahm ein Taxi und fuhr um den ganzen Berg herum;
durch Lugano fuhr sie und auf dieser, auf unserer Seite den Berg hoch. Durch all
die Dörfer fuhr sie her zu uns. Doch, doch! sie hatte den Schlüssel; sie
brauchte mich nicht zu wecken. Die letzten Wochen ging sie überhaupt nicht mehr
weg. Vierundzwanzig Stunden am Tag war sie bei ihm. Und seine Frau war auf der
Universität und wollte die Krankheit nicht wahrhaben.
Und Hesse kam?
Hesse? Damals war Hesse schon tot, sagte sie. Sie sah mich an. Sie lächelte.
Seine Frau war nicht da, als er starb?
Die andere war da. Ich war da. Und der Pfarrer war da.
Der Pfarrer? Ich dachte, er war Kommunist, sagte ich.
Er war Kommunist, ja. Er spielte mit dem Pfarrer Karten. Das heißt: als er noch
spielen mochte. Auf dem Liegebett, das ich in den Garten gerollt hatte, spielten
sie Karten. Tagelang.
Großartig!
Der liebe Gott kann die Leute nicht zusammenbringen, lachte sie. Die Karten aber
können es.
Ich wollte etwas Kluges sagen, etwas Versöhnliches; aber ich kam nicht dazu.
Der Pfarrer weinte, als er seine Abschiedsrede hielt, sagte sie. Die Urne
stellten wir in den Kamin. Doch dann, nach drei Wochen – ich kam aus dem
Urlaub zurück, die Pflege hatte mich erschöpft, kaum mehr geschlafen hatte ich
–, ich kam aus dem Urlaub zurück, da war seine Urne nicht mehr im Haus. Sie
war nirgends; im Salon nicht, in der Schlafkammer nicht, nicht im Alkoven. Erst
dachte ich, die Professorin habe die Urne in ihre neue Wohnung genommen,
vielleicht in die Universität. Ich rief an und fragte.
Aber die Professorin hatte keine Urne. Sie wußte von nichts. Wer war im Haus
gewesen? fragte sie. Wir überlegten. Handwerker waren keine da gewesen, Diebe
nicht. Weshalb sollten Handwerker und Diebe eine Urne mit sich nehmen? Es konnte
nur die andere gewesen sein, die andere jenseits des Berges. Die andere hatte
den Schlüssel. Und sie hatte, wie sich herausstellte, auch die Urne.
Es gab Krach. Natürlich. Es gab Geschrei und unschöne Fahrten, es gab unschöne
Besuche. Es gab Briefe von Anwälten und es gab Gerichtsentscheide. Die Urne mußte
der Frau Professorin zurückgegeben werden, obschon die andere behauptete, der
Tote habe die Urne ihr, nur ihr zugedacht. Ich habe ihn gepflegt! schrie sie. Du
warst weg, meine feine Frau Professorin, hast dich nicht blicken lassen! Ich
aber schon! Ich war hier! Seine wahre Frau bin ich!
Die Urne kam zurück. Doch kaum stand sie im Kamin, hier im Haus, das er sich
mit seinem vielen Geld gebaut hatte, kaum war sie hier, die Urne, war sie auch
schon wieder weg. Einmal, mehrmals, immer wieder. Die andere fuhr mit dem Taxi
her, wartete, bis ich in den Himbeeren stand oder hinter den Rhododendren, schlüpfte
mit dem Fahrer ins Haus und hieß ihn die Urne wegtragen. Die Urne wechselte von
Haus zu Haus, von hier dorthin und umgekehrt. Eine Art Pingpong.
Die Frau sah mich an. Und es war mir recht so. Sie durfte sehen, daß ich nicht
für Scherze zu haben war.
Mein Herr reiste gern, sagte sie, früher jedenfalls, als er jung war. Ein
Zugvogel, zog er mit seiner Gitarre von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Das hatte er mir
oft erzählt. Von Land zu Land zog er. Möglich, sagte sie und strich sich über
die Oberarme, möglich, daß ihn das Hin-und-Her in seiner Urne ein letztes Mal
freute. Was einer ein Leben lang macht, mag er nicht missen. Und schließlich
ist dann auch die andere gestorben.
Ich sah zu den zwei Türmen oben auf dem Bergrücken. Ich dachte an die Netze für
die Vögel. An die Vogelzüge dachte ich, im Frühjahr, im Herbst, an die Vögel,
die man bei uns nicht mehr fängt. Jetzt nicht mehr. Ich sah über den Fußballplatz
hin, über die Mulde zwischen dem Wald links und dem Wald rechts. Ich sah Hesse
ganz oben vor einem gelben Himmel stehen, schwarz, hager. Ich hörte die Haushälterin
hineingehen in die Küche und hörte sie den Rost in den Kamin schieben. Ich fühlte
mich leicht. Niemand konnte mich zwingen, dachte ich, die Vögel zu essen.
Rezension I Buchbestellung I home IV05 LYRIKwelt © Nagel & Kimche