Die Stadt als Gegenwelt
(Leseprobe aus: Die sinnliche Stadt,
2001, Nagel & Kimche)
Die Stadt: das Zentrum der Essays. Wie sie, diese Hans-Boesch-Stadt, aussieht, wie sie
aussehen sollte, lässt sich vielleicht am klarsten sagen, wenn man festhält, was sie
nicht
ist. Konsequent nicht thematisiert wird, beispielsweise, bei Boesch das Problem der
wuchernden Megastädte und der Slums; nur am Rand und als Hintergrund spielt die City -
als Ort glanzvoller Bauwerke wie auch als steriles Geschäfts- und Bankenzentrum - eine
Rolle; das Image der Stadt, ihre Rolle als intellektuelles Zentrum, all diese bekannten
und viel diskutierten Aspekte werden kaum berührt. Geschweige denn, dass, wie bei Max Frisch in "achtung: die
Schweiz", 1955, die Gründung einer neuen Stadt vorgeschlagen und gefordert würde:
einer Stadt, an deren Bau, so Frisch, die Schweiz ihre Kreativität, ihre Lebensfreude,
ihren Zukunftswillen - und die besten schweizerischen Architekten ihre Fähigkeiten
hätten beweisen können. Die Stadt ist bei Boesch kein Demonstrationsobjekt.
Es ist etwas sehr viel Kleinräumigeres, Bescheideneres, dadurch auch Ungewöhnlicheres,
was ihm vorschwebt. Nicht in erster Linie die Stadt als Ganzes, sondern das Wohnquartier
interessiert ihn: als ein Ort, an dem Menschen wohnen, Kinder aufwachsen können, ohne
allzu viel Schaden zu nehmen; nicht die spektakulären Ereignisse, nicht die modischen
Events, sondern der Alltag, nicht das Außerordentliche, sondern das Gewöhnliche, aus dem
sich das Außerordentliche ergeben kann.
Diese Stadt, seine Stadt, hat Boesch auf eine relativ einfache und
übersichtliche Weise schon in "Das Quartier oder Die Suche nach dem verlorenen
Paradies" (1980) beschrieben: als einen kleinräumigen Kosmos, ohne das Finish der im
Städtebau sonst so häufig angestrebten ästhetischen und technischen Perfektion;
gegliedert und mit einer Mitte versehen (die keine Kirche zu sein braucht, um reale und
existentielle Orientierung zu bieten); in Struktur und Oberfläche inhomogen, körnig,
porös. Eine nicht vollkommene, ja eine noch nicht fertige Welt, mit Lücken und
Freiräumen (nicht Spielwiesen), die Möglichkeiten zur Betätigung und Mitwirkung der
Bewohner bietet, auch der Kinder. Er nennt diesen Kosmos "Die sinnliche Stadt"
(1982), und das ist natürlich nicht die Stadt der größten Street-Parade oder eines
besonders anregenden Nachtlebens. Es ist ein Ort, den man sinnlich erleben kann, und zwar
mit allen Sinnen und im Alltag. Sie ist, so Boesch, "nicht allein visueller Raum,
sondern gleichzeitig auch Hörraum, Geruchsraum, Tastraum, kinästhetischer Raum, also
Bewegungsraum für das Spiel, den Tanz, den Schritt, den Sprung, erlebbar mit Muskeln,
Knochen und Haut" (S. 68).
Man muss sich bei solchen Stadtbeschreibungen, wie überhaupt oft bei Boeschs Texten,
gelegentlich die Umgebung in Erinnerung rufen, in der sie und die ihnen zugrunde liegenden
Untersuchungen entstanden und auch vorgetragen wurden. Man könnte sonst auf die Idee
kommen, da sei ein phantasiereicher Poet und, dies vor allem, ein erklärter Gegner der
Technik am Werk. Das trifft keineswegs zu. Boesch ist ein Gegner des Einseitigen, er sucht
den Ausgleich der Gegensätze. Im Aufsatz "Der moderne Staat und der
Schriftsteller" von 1970 umreißt er knapp und einfach seine Position: "Der
Technik, der Organisation werden große Gebiete überlassen werden müssen, wenn wir
weiterleben wollen. Daneben sind aber größere der Freiheit, dem Landstreicher in uns,
dem Kind und dem Wolf offen zu halten" (S. 33). Da wird aus der Verbindung des
Gegensätzlichen ein Leitgedanke, der für den Schriftsteller wie für den Ingenieur gilt.
Rezension I Buchbestellung I home IV01 LYRIKwelt © Nagel & Kimche