Ludwig Börne

Das Staatspapier des Herzens
(Fragmente und Aphorismen in Asuwahl)

Geistreiche Menschen geraten öfter in Verlegenheit als dumme; denn man muss Geist besitzen, um die Geistesgegenwart verlieren zu können.

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Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, ihr das neue Lager abzustecken. Ließe man diese Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und beobachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinaus will. Aber das tut man nicht. Man nennt jene Vorläufer, Unruhestifter, Verführer, Schwärmer und hält sie mit Gewalt zurück. Aber die Zeit rückt doch weiter mit ihrem ganzen Trosse, und weil sie nichts bestellt und angeordnet findet, wohnt sie sich ein, wo es ihr beliebt, und nimmt und zerstört mehr, als sie gebraucht und verlangt.

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Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muss, wenn ein idealische Geburt zustande kommen soll.

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Wenn, wie es in Deutschland oft geschieht, Gesetze in der Sprache von Befehlen abgefasst werden, gewöhnt man die Bürger daran, Gesetze als bloße Befehle anzusehen, denen man folgt, nicht weil man sie ehrt, sondern weil man sie fürchtet.

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Die Freiheit der Presse hat für die Regierenden manche Unbequemlichkeit; aber wenn sie dieser ausweichen, stürzen sie sich ins Verderben. So hat schon tausendmal der Blitz diejenigen erschlagen, die bei einem Gewitter, nur um nicht durchnässt zu werden, Schutz unter Bäumen suchten.

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Minister fallen wie Butterbrote: gewöhnlich auf die gute Seite.

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Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei.

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Höflichkeit ist das Staatspapier des Herzens, das oft um so größere Zinsen trägt, je unsicherer das Kapital ist.

Rezension I Buchbestellung I home IV04 LYRIKwelt ©  Erich Adler