Marietta Böning

Anflug eines Gewitters
(Leseprobe aus: Seh-Gänge, Gedichte, 2002, Edition Das fröhliche Wohnzimmer)

Am Horizont entlang getastet
Fluglinien überquert
Verzerrung ausgesetzt
mit spitzem Pinsel nach Realität geworfen,
sie zerkratzt

Pigmente Weiß zerstört
vergrößert Grenzlinien und Wellenschwingen

Und als Fluggeschoss fällt eine kleine Feder aus dem Auge in das alles Hingedeutete

Ölflecken, Weiße, immer wieder speit der Horizont
die Fläche deckt den Möwenschrei

Auf halber Höhe steigt dünnes Papier
frei nach Ummalung Seidenraupentanzbemalung
- eine Verspinnung – 
als schwebte mit ein fremder Vogel, gegenwindgesetzt
die Luftflut, Peitschenhieb knallt gegen sein Gefieder,
unten bricht einer zusammen, eine Ader berstet.

Im weißen Sand
von Schreien übertönt
wo Kinder Seegras brechen, Drachen flicken
kommt über diesem Kopf
ein dunkler Ton am Kopfdamm unaufhörlich an

schwemmt eine Wolkenladung den Horizont hinunter Dünung an
Ein grauer Angstberg wie in einem Schauermonat im Zenit,

mein Blick dient einem Todesstrahl
bricht in Erschrecken wieder zu

es grollt,

alles ist weiß,

und von Reizen überlagert, Schneegras zugedeckt,
Wind leckt das Salz aus Augen
so als wären Schmerzensschreie gegen den Zenit vernommen,
als sähe man die Pfeile aus dem Himmel blitzen.

Ein Tropfen aus dem Wolkentreibholz flieht
die Gischt spritzt,
nichts greift danach, ob mein Kopf noch ist
in Hirn- und Landkarten reifen die Linien aus

aus allen Kriegen stürzen die Geschosse auf die Grenzen zu
die Feder zieht die Sinne mit.

Ich tanze und sie stürzt in Weiße.

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