Lichte Stoffe
14:40 Uhr, JFK Airport
(Leseprobe aus: Lichte
Stoffe, Roman, 2007, Eichborn)
Am Ende des Ganges, der an das Innere eines
aufgezogenen Blasebalgs erinnerte, standen zwei Männer in Leuchtwesten. Einer
hielt ein Klemmbrett vor dem Bauch, der andere drückte mit dem Daumen den Auslöser
eines Zählgerätes, ein Schnappen für jeden Passagier. Als Nele an ihnen
vorbeiging, steckten das Klemmbrett und der Zähler ihre Köpfe zusammen. Das
Klemmbrett flüsterte etwas. Auf der Brusttasche seiner Weste stand Mr. Provoke.
Obwohl sie sich mit aller Kraft vorgenommen hatte – schon in dem Moment, da
sie die kleine Valium geschluckt und den Gang betreten hatte –, keine Zeichen
zu sammeln, wirklich, nie mehr Hinweise zu sammeln und auszudeuten; obwohl sie
sich das so sehr vorgenommen hatte, löste das Vorhaben sich augenblicklich in
Luft auf, als sie diesen Namen las. Den Mann anschauen, die Zahl herausfinden,
sagte sie sich, dann weiß ich, wann wir vom Himmel fallen. Es war nur noch eine
Frage des Zeitpunktes. In jedem Falle über dem Atlantik. Mr. Provoke kritzelte
lächelnd auf seinem Klemmbrett herum. Sie machte einige Schritte auf das Oval
der Tür zu, das Zählgerät klickte in ihrem Ohr, jetzt war sie eine Zahl, die
auf dem Grund des Ozeans unauffindbar bleiben würde. Die Stewardessen im
Eingang lächelten synchron, sie steckten mit Mr. Provoke und dem Zählmeister
unter einer Decke. Sie teilten etwas. Sie waren keine Menschen.
»Willkommen an Bord«, sagte eine Tonbandstimme. Noch eine scheinheilige
Stewardess kam ihr entgegen, das perfekt geschminkte Gesicht starr, jedes Haar
am Hinterkopf verzurrt, als hätte ihr jemand befohlen, die Glätte einer
Flugzeugnase zu imitieren. Im Hintergrund die angeschlagenen Aluminiumkisten.
Zum Trost reichte die Stewardess einen Korb mit Bonbons. Es roch nach Aufbackbrötchen,
kalkigem Tee, nach einem zu blumigen Parfum, nichts, was man riechen wollte in
den letzten Stunden seines Lebens. Sphärische Klänge und das Plätschern eines
Springbrunnens. Es rauschte in Neles Ohren, seit man ihr die Bordkarte am
Schalter ausgehändigt und der tulpenrote Mund der Mitarbeiterin sie darauf
hingewiesen hatte, dass dieser Flug nonstop und für Nichtraucher sei. Fenster
oder Gang? Was machte es für einen Unterschied. Ein Vorhang, und dann ein
Kinosaal mit Sitzreihen und Zwischengängen, erwartungsvolle Gesichter, aufrecht
sitzende Menschen, die sich eindeutig darauf freuten, über dem Atlantik vom
Himmel zu fallen. In der ersten Reihe saß ein Mann mit Bürstenhaarschnitt, vor
dem Gesicht ein Buch mit dem Titel: Denke nach und werde reich. Mr. Provoke und
die andere Sicherheitsweste hatten ihre Arbeit jetzt schon erledigt, gingen ein
Feierabendbier trinken. Nele schaute zurück, sah das blaue Licht, das den
Ausgang kennzeichnete, die Bonbon-Stewardeß, ihr eingefrorenes Gesicht, und
machte kehrt. Es ging nicht mehr. Sie stieß mit einem Mann zusammen. Unwirsch
drückte er sich ihr entgegen. Hinter seinem Rücken eine der Scheinheiligen,
die Nele den abgerissenen Teil ihrer Bordkarte aus der Hand nahm. Der Bauch des
Mannes schob sie tiefer in die Kinositzreihen. »Hier, meine Dame, 92 A«, sagte
die Scheinheilige. Nele suchte in ihrem Kopf nach so etwas wie logischem Denken.
Aber überall nur wirres Zeug. »Jetzt setzen Sie sich doch endlich«, sagte der
Mann, den Oberkörper in Tweed, an den Beinen Jeans. »Der Fensterplatz ist
Ihrer. Ich hoffe, wir bleiben zu zweit in der Reihe. Wäre komfortabel, nicht?«
Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Eichborn