Thomas Böhm

Der Heldenfrisör
(Erschienen im Mai 2007in Podium 143-144, S 95-98)

Es ist elf. Ich stecke fest. So schön habe ich mir das ausgedacht. Über Helden will ich schreiben, genauer über einen Heldenfrisör, der seinem Vorbild Stefan Zweig nacheifert. Der ist ebenfalls ein Heldenfrisör gewesen. Einer, der die Geschichten aus dem Krieg so aufbereitet, dass sie das Volk motivieren. Ein Propagandaautor, der aus den Frontberichten die auswählt, die gut zu erzählen sind, deren Hauptakteure herzeigbar und am Leben sind. Damit diese Helden, ausgestattet mit einem Vortrag und einem Orden, durch die Lande geschickt werden können. Am Wochenende habe ich in der Zeitung einen Artikel von Paulus Hochgatterer gelesen. Sehr leicht und sehr subtil hat er seine Hauptfigur durch eine spannende Geschichte geführt. So soll mein Text klingen, genau so. 
Ich sitze vor dem vierten Versuch. Ich habe heute noch keine Zeile geschrieben. Um zwölf muss ich weg, Befundbesprechung beim Arzt. Ich speichere Version vier ab, die sich in nichts von der Version drei unterscheidet und beschließe erneut, das Vorhaben "Heldenfrisör" aufzugeben. 

Es ist schön draußen. Ich gehe zu Fuß zum Arzt, freue mich an dem Licht, halte mich an die Sonnenseite der Straße. Ein Gässchen, eine Fußgänger-Ampel, kein Verkehr. Neben mir ein Grauhaariger. Ich will nicht mehr warten, gehe los, höre hinter mir eine laute Stimme. Ich drehe mich um. Der Grauhaarige regt sich auf, weil ich bei Rot über die Straße gegangen bin. Ich zucke die Achseln. Er kommt auf mich zu. Er ist mir schon ein paar Gassen vorher aufgefallen. Gut gekleidet, sportlich. Ich sollte auch mehr Sport machen. Er schreit, nennt mich Arschloch, will mich anzeigen. Was soll die Aufregung, wegen einer roten Ampel? Er will meinen Ausweis sehen. Jetzt wird es mir zuviel, ich will weitergehen. Er öffnet seine Jacke und legt die Hand an eine Pistole an seiner Hüfte. Zeigen sie mir ihren Ausweis, ich zeige sie an. Sind sie Polizist? Ja. Zeigen sie mir erst ihren Dienstausweis. Nein, sie zuerst. Ich drehe mich weg und gehe weiter, erschreckt und konfus. Ich biege um die nächste Ecke, bleibe stehen, sehe ihn an mir vorbei gehen, die Strasse runter. Ich rufe 133. 
Die Polizisten beruhigen mich und schreiben mit. Noch ein Streifenwagen kommt, die Beamten hören sich kurz an, in welche Richtung er gegangen ist und fahren wieder. Die Polizisten vom ersten Wagen bleiben bei mir. Noch einmal genauer. Sie fragen es aus mir heraus. Graue Haare, kurz, Dreitagesbart, grauer Pulli, moderne schwarze Jacke, Wiener, gepflegte Sprache, gut aussehend. Also eine Art George Clooney? Wir lachen. Die Polizisten werden wieder ernst. Warum ich nicht weggelaufen bin? Ich weiß es nicht. 

Ich komme zu spät zum Arzt. Im Vorzimmer habe ich weiche Knie, erst jetzt wird mir klar, was gerade geschehen ist. Ich versuche meine Verspätung zu erklären, irritierte Blicke, ich lasse es, sage sorry. Der Arzt sagt nichts, sieht in den Befund. spricht über Blutsenkung, Bilirubin, HBA1C, alkalische Phosphatase, HDL- und LDL-Cholesteryn. Ich bin beeindruckt. 
Mein Blutzucker ist etwas zu hoch. Wer gesund ist, hat unter 110, ich habe 115, oder so. Ich bin also nicht gesund? So kann man es nicht sagen, ich soll mich nicht beunruhigen, nur Diät machen und mehr Sport. Es klingt ganz einfach, so wie er es sagt, aber es ist nicht einfach, weil es nicht meiner Natur entspricht. Trotzdem soll ich Sport machen, nur ein wenig, so 30 bis 60 Minuten am Tag, das ist doch nichts. Wenn sie es sagen, Herr Doktor. Sonst sind meine Werte "schön", d.h. ich entspreche dem Durchschnitt, und das bedeutet, ich bin gesund. 

Die Kellnerin bringt mir den Kaffee. Sie lächelt, wie immer. Ich bin oft hier, noch nie hat sie nicht gelächelt. Es ist voll, alle rufen nach ihr, und sie lächelt. Ihr Lächeln ist wie goldenes Licht. 
Ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, fährt mit seinem Spielzeugauto über die Lehnen der Polstersessel in der Ecke. Immer wieder zeigt sein Vater, wie der Porsche zu führen ist, damit er auf der Lehne oben bleibt. Der kleine Bub jauchzt jedes Mal, wenn sein Auto doch abstürzt. So musst du es machen, sagt der Vater und der Sohn macht es genau anders. Der Vater sieht sich um, sieht die Beobachter. Er hebt die Arme und die Schultern, lässt sie wieder sinken, was soll man da machen? Was ist richtiges Verhalten, frage ich mich und denke an die rote Ampel.
Der Vater hilft seinem Sohn beim Ankleiden. Die Jacke wird verschlossen, die Stirn geküsst, die Haube tief ins Gesicht gezogen und der Porsche in die Jackentasche gesteckt. 
Ein Tisch weiter sitzt ein alter Vater, mit seinem Sohn, an die vierzig. Die gleichen Augen, das gleiche Kinn und die gleiche Haltung. Der Jüngere spricht mit ernstem Gesicht, der Ältere nickt hin und wieder, lächelt oft, sieht seinen Sohn liebevoll an. Als sie gehen, hilft der Sohn seinem Vater in den Mantel, bevor er seinen eigenen anzieht. 
Das Bild wärmt mich. Ich rufe meinen Vater an, will ihm die Geschichte mit dem Bewaffneten erzählen. Er hört nicht zu, er erzählt mir seine Geschichten, wie er es immer tut. Ich lege auf, ärgere mich. Dass er sich so verhalten wird, habe ich gewusst.
Ich bestelle noch einen Kaffee, das Lächeln der Kellnerin tut mir gut. Sie räumt den Tisch ab, an dem der ältere Vater mit seinem Sohn gesessen hat. Ich sehe die beiden wieder vor mir und weiß jetzt, warum ich meinen Vater angerufen habe. Weil ich die Achtung gespürt habe, die sie füreinander empfinden. Weil ich nicht wahrhaben will, dass mein Vater sich meinen Respekt nie verdienen wollte, mir kein Vorbild ist. Woher soll ich wissen, wie man sich verhält?

Der Mann mit der Waffe ist immer noch in mir. Man muss sich an Regeln halten, hat er gebrüllt. Muss man? Ich beginne seine Erregung zu verstehen. Ich denke an den Mann, der vor kurzem in dem Haus, in dem ich wohne, in die Einfahrt gepinkelt hat. Ihm waren meine Vorhaltungen egal, er hat einfach mit den Schultern gezuckt. Ich habe mich geärgert, nicht nur über die Lacke und den nassen Fleck an der Wand, der frisch gemalten. 
Nein, das ist doch nicht dasselbe. 
Ich beginne meine Gedanken zu notieren. Der Bewaffnete hatte mich nicht bedrohen wollen. Ich hatte mich über Regeln hinweggesetzt, hatte alles mit einem Schulterzucken abgetan. Meine Ignoranz und meine Respektlosigkeit haben ihn wütend gemacht, ihm seine Machtlosigkeit vor Augen geführt. Der war kein Polizist, der wäre gerne jemand, der nicht ignoriert wird, wie eben ein Polizist. 
Ich streiche meine Notizen wieder durch. Es gibt keine Rechtfertigung für sein Verhalten. 

Ein Soldat kommt herein, mit großem Rucksack. Er bestellt, packt ein Buch aus, liest. Seine Abzeichen weisen ihn aus als Korporal in der Offiziersausbildung. Er lernt zu töten, denke ich mir, und andere Männer zu leiten, die töten. Mit größtmöglicher Effizienz. Wer lernt freiwillig so einen Beruf? Noch dazu in einem Land, in dem das Militär nicht ernst genommen wird? Als die Kellnerin sein Getränk bringt, sehe ich den Buchdeckel. Stefan Zweig. Erzählungen.  
Eine junge Frau entschuldigt sich bei dem Offiziersanwärter für ihre Verspätung und setzt sich hin, ganz außer Atem. Er war aufgestanden, hatte sie geküsst. Jetzt hält er ihre Hand, während er ihr zuhört. 
So einen hätte ich nicht vor Augen gehabt, bei meiner Heldengeschichte. Bei Helden denke ich an Draufgänger, die waghalsige Aktionen im Krieg überlebt haben. Aber der Offiziersanwärter am Nebentisch scheint nicht so. Die Geschichte vom Heldenfrisör ist wieder da, und ich denke über die Konstruktion nach. Wo spielt sie? Wir sind nicht im Krieg. Doch sind wir, in Friedensmissionen. Wir Österreicher und noch mehr wir Europäer. Vielleicht lernt ein Soldat heute nicht mehr, effizient zu töten, sondern sich zwischen Konfliktparteien zu stellen und so das Töten zu verhindern? Wären das nicht Helden? Ich verwerfe mein Vorhaben zum fünften Mal. Meine Geschichte sollte davon handeln, dass Heldentum eine altmodische Erscheinung ist. Ich dachte an eine leicht ironische Hauptfigur. Dadurch, dass er die Geschichten der Frontsoldaten so frisiert, dass diese als Helden vermarktbar sind, sollte der Heldenfrisör erkennen, dass es Helden dort gibt, wo Helden gebraucht werden, um sie anderen vor die Nase zu halten und keine Kategorie an sich darstellen. 

Im Bus überwältigt mich der Geruch von schlechtem Atem. Der Bewaffnete hatte nicht aus dem Mund gerochen. So nahe waren wir uns gekommen, dass ich sein Rasierwasser gerochen habe, trocken und dezent. Wir haben uns wie Trottel benommen, sind dicht voreinander gestanden und haben uns angeblafft. Als er mir seine Waffe gezeigt hat, hätte ich ihn nicht nach seinem Dienstausweis fragen sollen, sondern davonlaufen, um Hilfe schreien. Das haben auch die Polizisten gesagt. Was hat mich da gelenkt? Die Wut über seine Überheblichkeit? Die Angst, dass er wirklich ein Polizist ist und all die bösen Geschichten stimmen? Oder, dass er mich für einen Feigling hält?

Zu Hause beschließe ich, die Idee mit dem Heldenfrisör zu verwerfen. Zum sechsten Mal. Und zum letzten Mal. Weil so klar wie der Hochgatterer kriege ich es nicht hin. Und nicht so voll Witz, wie der Achleitner. Und nicht so erzählerisch, wie der Köhlmeier. Und nicht so opulent, wie der Rushdie. Und nicht so fein, wie die Bachmann. Und nicht so poetisch, wie der Schindel. Und nicht so ehrlich, wie der Ernst. Und …

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