Der Heldenfrisör
(Erschienen im Mai 2007in Podium 143-144,
S 95-98)
Es ist elf. Ich stecke fest. So schön habe ich
mir das ausgedacht. Über Helden will ich schreiben, genauer über einen
Heldenfrisör, der seinem Vorbild Stefan Zweig nacheifert. Der ist ebenfalls ein
Heldenfrisör gewesen. Einer, der die Geschichten aus dem Krieg so aufbereitet,
dass sie das Volk motivieren. Ein Propagandaautor, der aus den Frontberichten
die auswählt, die gut zu erzählen sind, deren Hauptakteure herzeigbar und am
Leben sind. Damit diese Helden, ausgestattet mit einem Vortrag und einem Orden,
durch die Lande geschickt werden können. Am Wochenende habe ich in der Zeitung
einen Artikel von Paulus
Hochgatterer gelesen. Sehr leicht und sehr subtil hat er seine Hauptfigur
durch eine spannende Geschichte geführt. So soll mein Text klingen, genau
so.
Ich sitze vor dem vierten Versuch. Ich habe heute noch keine Zeile geschrieben.
Um zwölf muss ich weg, Befundbesprechung beim Arzt. Ich speichere Version vier
ab, die sich in nichts von der Version drei unterscheidet und beschließe
erneut, das Vorhaben "Heldenfrisör" aufzugeben.
Es ist schön draußen. Ich gehe zu Fuß zum
Arzt, freue mich an dem Licht, halte mich an die Sonnenseite der Straße. Ein
Gässchen, eine Fußgänger-Ampel, kein Verkehr. Neben mir ein Grauhaariger. Ich
will nicht mehr warten, gehe los, höre hinter mir eine laute Stimme. Ich drehe
mich um. Der Grauhaarige regt sich auf, weil ich bei Rot über die Straße
gegangen bin. Ich zucke die Achseln. Er kommt auf mich zu. Er ist mir schon ein
paar Gassen vorher aufgefallen. Gut gekleidet, sportlich. Ich sollte auch mehr
Sport machen. Er schreit, nennt mich Arschloch, will mich anzeigen. Was soll die
Aufregung, wegen einer roten Ampel? Er will meinen Ausweis sehen. Jetzt wird es
mir zuviel, ich will weitergehen. Er öffnet seine Jacke und legt die Hand an
eine Pistole an seiner Hüfte. Zeigen sie mir ihren Ausweis, ich zeige sie an.
Sind sie Polizist? Ja. Zeigen sie mir erst ihren Dienstausweis. Nein, sie
zuerst. Ich drehe mich weg und gehe weiter, erschreckt und konfus. Ich biege um
die nächste Ecke, bleibe stehen, sehe ihn an mir vorbei gehen, die Strasse
runter. Ich rufe 133.
Die Polizisten beruhigen mich und schreiben mit. Noch ein Streifenwagen kommt,
die Beamten hören sich kurz an, in welche Richtung er gegangen ist und fahren
wieder. Die Polizisten vom ersten Wagen bleiben bei mir. Noch einmal genauer.
Sie fragen es aus mir heraus. Graue Haare, kurz, Dreitagesbart, grauer Pulli,
moderne schwarze Jacke, Wiener, gepflegte Sprache, gut aussehend. Also eine Art
George Clooney? Wir lachen. Die Polizisten werden wieder ernst. Warum ich nicht
weggelaufen bin? Ich weiß es nicht.
Ich komme zu spät zum Arzt. Im Vorzimmer habe
ich weiche Knie, erst jetzt wird mir klar, was gerade geschehen ist. Ich
versuche meine Verspätung zu erklären, irritierte Blicke, ich lasse es, sage
sorry. Der Arzt sagt nichts, sieht in den Befund. spricht über Blutsenkung,
Bilirubin, HBA1C, alkalische Phosphatase, HDL- und LDL-Cholesteryn. Ich bin
beeindruckt.
Mein Blutzucker ist etwas zu hoch. Wer gesund ist, hat unter 110, ich habe 115,
oder so. Ich bin also nicht gesund? So kann man es nicht sagen, ich soll mich
nicht beunruhigen, nur Diät machen und mehr Sport. Es klingt ganz einfach, so
wie er es sagt, aber es ist nicht einfach, weil es nicht meiner Natur
entspricht. Trotzdem soll ich Sport machen, nur ein wenig, so 30 bis 60 Minuten
am Tag, das ist doch nichts. Wenn sie es sagen, Herr Doktor. Sonst sind meine
Werte "schön", d.h. ich entspreche dem Durchschnitt, und das
bedeutet, ich bin gesund.
Die Kellnerin bringt mir den Kaffee. Sie
lächelt, wie immer. Ich bin oft hier, noch nie hat sie nicht gelächelt. Es ist
voll, alle rufen nach ihr, und sie lächelt. Ihr Lächeln ist wie goldenes
Licht.
Ein Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre alt, fährt mit seinem
Spielzeugauto über die Lehnen der Polstersessel in der Ecke. Immer wieder zeigt
sein Vater, wie der Porsche zu führen ist, damit er auf der Lehne oben bleibt.
Der kleine Bub jauchzt jedes Mal, wenn sein Auto doch abstürzt. So musst du es
machen, sagt der Vater und der Sohn macht es genau anders. Der Vater sieht sich
um, sieht die Beobachter. Er hebt die Arme und die Schultern, lässt sie wieder
sinken, was soll man da machen? Was ist richtiges Verhalten, frage ich mich und
denke an die rote Ampel.
Der Vater hilft seinem Sohn beim Ankleiden. Die Jacke wird verschlossen, die
Stirn geküsst, die Haube tief ins Gesicht gezogen und der Porsche in die
Jackentasche gesteckt.
Ein Tisch weiter sitzt ein alter Vater, mit seinem Sohn, an die vierzig. Die
gleichen Augen, das gleiche Kinn und die gleiche Haltung. Der Jüngere spricht
mit ernstem Gesicht, der Ältere nickt hin und wieder, lächelt oft, sieht
seinen Sohn liebevoll an. Als sie gehen, hilft der Sohn seinem Vater in den
Mantel, bevor er seinen eigenen anzieht.
Das Bild wärmt mich. Ich rufe meinen Vater an, will ihm die Geschichte mit dem
Bewaffneten erzählen. Er hört nicht zu, er erzählt mir seine Geschichten, wie
er es immer tut. Ich lege auf, ärgere mich. Dass er sich so verhalten wird,
habe ich gewusst.
Ich bestelle noch einen Kaffee, das Lächeln der Kellnerin tut mir gut. Sie
räumt den Tisch ab, an dem der ältere Vater mit seinem Sohn gesessen hat. Ich
sehe die beiden wieder vor mir und weiß jetzt, warum ich meinen Vater angerufen
habe. Weil ich die Achtung gespürt habe, die sie füreinander empfinden. Weil
ich nicht wahrhaben will, dass mein Vater sich meinen Respekt nie verdienen
wollte, mir kein Vorbild ist. Woher soll ich wissen, wie man sich verhält?
Der Mann mit der Waffe ist immer noch in mir. Man
muss sich an Regeln halten, hat er gebrüllt. Muss man? Ich beginne seine
Erregung zu verstehen. Ich denke an den Mann, der vor kurzem in dem Haus, in dem
ich wohne, in die Einfahrt gepinkelt hat. Ihm waren meine Vorhaltungen egal, er
hat einfach mit den Schultern gezuckt. Ich habe mich geärgert, nicht nur über
die Lacke und den nassen Fleck an der Wand, der frisch gemalten.
Nein, das ist doch nicht dasselbe.
Ich beginne meine Gedanken zu notieren. Der Bewaffnete hatte mich nicht bedrohen
wollen. Ich hatte mich über Regeln hinweggesetzt, hatte alles mit einem
Schulterzucken abgetan. Meine Ignoranz und meine Respektlosigkeit haben ihn
wütend gemacht, ihm seine Machtlosigkeit vor Augen geführt. Der war kein
Polizist, der wäre gerne jemand, der nicht ignoriert wird, wie eben ein
Polizist.
Ich streiche meine Notizen wieder durch. Es gibt keine Rechtfertigung für sein
Verhalten.
Ein Soldat kommt herein, mit großem Rucksack. Er
bestellt, packt ein Buch aus, liest. Seine Abzeichen weisen ihn aus als Korporal
in der Offiziersausbildung. Er lernt zu töten, denke ich mir, und andere
Männer zu leiten, die töten. Mit größtmöglicher Effizienz. Wer lernt
freiwillig so einen Beruf? Noch dazu in einem Land, in dem das Militär nicht
ernst genommen wird? Als die Kellnerin sein Getränk bringt, sehe ich den
Buchdeckel. Stefan Zweig. Erzählungen.
Eine junge Frau entschuldigt sich bei dem Offiziersanwärter für ihre
Verspätung und setzt sich hin, ganz außer Atem. Er war aufgestanden, hatte sie
geküsst. Jetzt hält er ihre Hand, während er ihr zuhört.
So einen hätte ich nicht vor Augen gehabt, bei meiner Heldengeschichte. Bei
Helden denke ich an Draufgänger, die waghalsige Aktionen im Krieg überlebt
haben. Aber der Offiziersanwärter am Nebentisch scheint nicht so. Die
Geschichte vom Heldenfrisör ist wieder da, und ich denke über die Konstruktion
nach. Wo spielt sie? Wir sind nicht im Krieg. Doch sind wir, in
Friedensmissionen. Wir Österreicher und noch mehr wir Europäer. Vielleicht
lernt ein Soldat heute nicht mehr, effizient zu töten, sondern sich zwischen
Konfliktparteien zu stellen und so das Töten zu verhindern? Wären das nicht
Helden? Ich verwerfe mein Vorhaben zum fünften Mal. Meine Geschichte sollte
davon handeln, dass Heldentum eine altmodische Erscheinung ist. Ich dachte an
eine leicht ironische Hauptfigur. Dadurch, dass er die Geschichten der
Frontsoldaten so frisiert, dass diese als Helden vermarktbar sind, sollte der
Heldenfrisör erkennen, dass es Helden dort gibt, wo Helden gebraucht werden, um
sie anderen vor die Nase zu halten und keine Kategorie an sich darstellen.
Im Bus überwältigt mich der Geruch von schlechtem Atem. Der Bewaffnete hatte nicht aus dem Mund gerochen. So nahe waren wir uns gekommen, dass ich sein Rasierwasser gerochen habe, trocken und dezent. Wir haben uns wie Trottel benommen, sind dicht voreinander gestanden und haben uns angeblafft. Als er mir seine Waffe gezeigt hat, hätte ich ihn nicht nach seinem Dienstausweis fragen sollen, sondern davonlaufen, um Hilfe schreien. Das haben auch die Polizisten gesagt. Was hat mich da gelenkt? Die Wut über seine Überheblichkeit? Die Angst, dass er wirklich ein Polizist ist und all die bösen Geschichten stimmen? Oder, dass er mich für einen Feigling hält?
Zu Hause beschließe ich, die Idee mit dem Heldenfrisör zu verwerfen. Zum sechsten Mal. Und zum letzten Mal. Weil so klar wie der Hochgatterer kriege ich es nicht hin. Und nicht so voll Witz, wie der Achleitner. Und nicht so erzählerisch, wie der Köhlmeier. Und nicht so opulent, wie der Rushdie. Und nicht so fein, wie die Bachmann. Und nicht so poetisch, wie der Schindel. Und nicht so ehrlich, wie der Ernst. Und …
Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Thomas Böhm