Adam
Bodor
Der Besuch des
Erzbischofs
(Leseprobe aus: Der
Besuch des Erzbischofs, Roman, 1999, Ammann)
Eine Woche vor dem Medardustag brachten die ersten Kunden des Friseurladens die
Neuigkeit mit, am frühen Morgen habe man die Senkowitz-Schwestern eingefangen.
Die beiden alten Jungfern waren Monate vorher aus dem Isoldenviertel, wo die
Lungenkranken isoliert werden, geflohen. Angeblich hatte der Feldgeistliche
Gabriel Ventuza sie an einer Lederleine in die Station zurückgebracht, wo sie,
eingesperrt in einen Hühnerkäfig, sogleich zur öffentlichen Besichtigung
ausgestellt wurden. Meine Ziehmutter, Colentina Dunka, wollte ihren Ohren nicht
trauen, da aber im Laden bereits mehrere Personen warteten und sie selbst nicht
weggehen konnte, schickte sie mich mit der Kämmfrau Natalia Vidra hin, wir
sollten in Erfahrung bringen, was an der Sache stimmte. Zu Fuß braucht man
keine zehn Minuten bis zu der Wiese am Flußufer, wo die Einhegungen der
Isolierstation beginnen und bis an die sich Neugierige immer wieder einmal
hinwagen. Doch als wir dort ankamen, gab es nichts mehr zu sehen. Nirgends ein
Hühnerkäfig, nirgends die Senkowitz-Schwestern. Dann hörten wir, die
Flüchtlinge seien von den anderen Kranken inzwischen gesteinigt worden.
Isolde heißt in Bogdanski Dolina kein Mädchen und keine Frau, sondern die
Isolierstation. So hieß die gesamte Wiese mit dem von Drahtzäunen umgebenen
Lager, wo in den zugigen, sonnenversengten Baracken seit alters her kranke und
sonstige unerwünschte Personen gehalten wurden. Hier endete die Stadt, hinter
dem Lager folgten schon die von Möwen übersäten Mülldeponien der Midia-Wiese.
Monate vorher hatte sich eines Morgens bei der üblichen Anwesenheitskontrolle
herausgestellt, daß die Senkowitz-Schwestern aus der Altjungfernbaracke
fehlten. Ihre Decken und Strohsäcke waren bereits kalt, ihre Kissen zeigten
noch den Eindruck der Köpfe, eine Abschiedsbotschaft fehlte. Sicherlich hatten
sie sich am Abend, als das Licht gelöscht war, schlafend gestellt und bei den
ersten Schnarchwellen im Raum aus dem Staub gemacht. Unter ihren Betten war der
Fußboden aufgebrochen, dort gähnte eine feuchte schwarze Höhle. Sie beide
waren nirgends. Die Erde hatte sie verschluckt.
Es war eine fixe Idee des Geographielehrers Vidra, daß sich die Medvegjica vor
Urzeiten nicht zwischen den sanften Hängen des Tals zur Theiß
durchschlängelte, sondern irgendwo in der Tiefe, und daß unter den Straßen,
Häusern und Höfen auch jetzt noch die verlassenen Gänge von Schlundbächen
die Erde vernetzten. Nur wenige glaubten ihm, obgleich sich doch der Boden unter
den Kellern hohl anhörte. Die Schwestern waren durch einen solchen vom Wasser
gegrabenen Gang aus der gut bewachten Isolierstation zur Midia-Wiese gelangt, wo
etliche Schächte ins Freie führten.
Die Senkowitz-Schwestern waren spindeldürre, verschrobene und ein wenig
einfältige Geschöpfe, soviel schlaue Gerissenheit und Hinterlist hätte ihnen
niemand zugetraut. Jahrelang hatten sie mit dem Suppenlöffel das Erdreich unter
ihren Betten aufgegraben und weggekratzt, aber die anderen Patientinnen
verstanden nicht recht, was zum Teufel sie im Schilde führten. Obgleich die
Barackenverantwortliche etwas argwöhnte und jeden Morgen ihre Meldungen über
das Beobachtete – daß die Höhle unter den Betten der Schwestern immer tiefer
werde – zu Protokoll gab, glaubte man im Büro die Senkowitz-Schwestern zu
kennen und lächelte nur, mochten sie ruhig graben. Daß diese Weibsbilder sich
eines Nachts aufraffen und wie die Ziesel auf die freie Wiese flitzen würden,
war ernsthaft nicht zu denken gewesen. Aber so geschah es. Sie krochen durch die
Wassergänge aus dem Lager, und während die Tiraspoler Mönche mit ihren Hunden
das Schilfgestrüpp und Buschwerk am Ufer kreuz und quer nach ihnen
durchsuchten, gruben sie sich auf der Deponie in aller Ruhe in einen Abfallberg
ein. Ihre Spur verlor sich in dem giftigen Gelände.
Zu dieser Zeit erwartete die Stadt den Erzbischof Zilava, deshalb mußten
unerwünschte Personen, besonders solche frei umherstreunende Kranke, um jeden
Preis dingfest gemacht werden; auf ihren Kopf wurde ein Blutgeld ausgesetzt.
Lebensmittelcoupons für ein Jahr wurden in Aussicht gestellt, die der
glückliche Finder in Naturalien – erhältlich waren vor allem Kekse,
Dörrpflaumen und Grieben –, auf Wunsch aber auch in Bargeld einlösen konnte.
Und das bedeutete damals etliche Millionen. Das alles stand jetzt Gabriel
Ventuza zu, der an diesem Morgen die beiden an einer Lederleine in die
Isoldenstation zurückgebracht hatte.
Als ich mit der Kämmfrau Natalia Vidra an den Isolationszaun kam, zerstreuten
sich die Gaffer gerade. Hatte es überhaupt etwas zu sehen gegeben, war davon
nur ein kleiner Abfallhaufen übrig, über dem sich Möwen zankten.
Die Leute von Dolina sind nicht gerade gesprächig, so war nicht mehr zu
erfahren, als daß die Flüchtlinge, da sie vermutlich direkt aus den Tiefen des
Mülls kamen, noch aus dem Hühnerkäfig heraus einen fürchterlichen Gestank
verbreiteten. Über diesen Käfig, zusammengezimmert aus dünnen Brettern und
einfachem Drahtgeflecht, waren sofort die unersättlichen Möwen hergefallen,
sie zerpickten die Bretter und schnappten mit den Schnäbeln hinein, als
forderten sie ihren Anteil. Als die Kranken mit Steinen zu werfen begannen,
wollten sie angeblich nur die Möwen vertreiben. Doch das Ende war, daß nichts
weiter übrigblieb als zwei oder drei Schippen Abfall. Der Abfall sah kaum nach
einer Toten aus, geschweige denn nach zwei, ein wenig dampfende Fleischmasse,
darin Kleiderfetzen, Späne, Splitter. Auch davon hatten die Möwen nicht viel
übriggelassen.
Als ich also mit Natalia Vidra an den Zaun kam, guckten die meisten Kranken in
die Luft, während sie, die Hände in den Taschen, auf dem Hof
umherschlenderten. Natürlich sahen sie die Gaffer draußen auf der Straße,
aber sie näherten sich der Einhegung nicht, das war hier nicht üblich. Unter
ihnen befand sich der Geographielehrer Sebastian Vidra, Natalia Vidras Ehemann.
Ich erwartete, daß er zu uns herübersehen würde, aber er ließ den Blick nur
apathisch über den Hof wandern.
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