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aus: Babettes
Fest
(Seite 47-52)
(...) Als Babettes rothaariger Hausgeist die Tür
zum Speisezimmer öffnete und die Gäste langsam die Schwelle überschritten,
ließen sie die bisher verschlungenen Hände los und verstummten. Es war ein
köstliches Verstummen, und im Geiste hielten sie sich noch immer bei den
Händen und sangen.
Babette hatte entlang der Mitte des Tisches eine Reihe Kerzen aufgestellt. Die
Flämmchen glänzten wider auf den schwarzen Bratenröcken und Kleidern und auf
der einen scharlachroten Uniform und spiegelten sich in hellen, feuchten Augen.
General Löwenhjelm sah Martines Gesicht im Kerzenschimmer, nicht anders als
damals bei ihrer Trennung vor dreißig Jahren. Was hatten dreißig Jahre
Berlevaag-Leben wohl für Spuren darauf hinterlassen? Das goldene Haar war jetzt
mit Silber durchzogen; das blumenfrische Gesicht hatte sich langsam in Alabaster
verwandelt. Aber wie klar war die Stirn, wie ruhevoll zuverlässig die Augen,
wie rein und süß der Mund, als sei nie ein hartes Wort über die Lippen
geglitten. Als alle saßen, sprach das älteste Mitglied der Gemeinde das vom
Propst selbst verfaßte Tischgebet:
»Mög die Speise den Leib mir erhalten
Und der Leib mir die Seele hochhalten,
Daß die Seele in Taten und Worten
Preis kann singen dem Herrn allerorten.«
Bei dem Wort »Speise« besannen sich die Gäste, die alten Häupter über den gefalteten Händen, ihres Gelübdes, daß sie über diesen Gegenstand kein Wort äußern wollten, und verstärkten in ihren Herzen noch den Schwur: Auch keinen Gedanken wollten sie dem Thema zuwenden. Zwar saßen sie hier zu einem Mahl beisammen; aber das hatten die Leute bei der Hochzeit zu Kana auch getan. Und Gottes Gnade hatte es beliebt, sich alldaselbst zu offenbaren, im Wunder des Weins, nicht minder als an anderen Orten.
Babettes Gehilfe schenkte für jeden ein kleines
Gläschen ein. Sie hoben es mit ernster Miene zum Munde, als Bestätigung ihres
Entschlusses.
(...)
Im allgemeinen redeten die Leute in Berlevaag nicht viel beim Essen. An diesem
Abend aber schienen die Zungen gelöst. Einer von den alten Brüdern erzählte,
wie er zum ersten Mal mit dem Propst zusammengetroffen war. Ein anderer
wiederholte fast wortwörtlich die Predigt, die vor sechzig Jahren seine
Bekehrung bewirkt hatte. Eine alte Frau, dieselbe, der sich Martine in ihrer Not
zuerst anvertraut hatte, erinnerte den Freundeskreis daran, wie in jeder
Anfechtung alle Brüder und Schwestern bereit waren, die Lasten miteinander zu
teilen.
(...)
Der Junge füllte die Gläser neu. Dieses Mal wußten die Brüder und
Schwestern, daß es sich bei dem Getränk nicht um Wein handeln konnte, denn es
sprühte. Es muß eine Art Limonade sein, die aufs beste zu ihrem angeregten
Geisteszustand paßte und sie gleichsam von der Erde emporhob in höhere,
reinere Regionen.
(...)
Der Junge hatte Anweisungen: Er füllte den Mitgliedern der Brüdergemeinde die
Gläser nur einmal, dem General aber füllte er nach, sowie er ausgetrunken
hatte. Und das geschah in raschem Wechsel. Denn wie soll sich ein Mann von Sinn
und Verstand verhalten, wenn er sich auf Sinn und Verstand nicht mehr verlassen
kann? Besser, man ist betrunken als verrückt.
Häufig war es den Leuten von Berlevaag bisher geschehen, daß sie sich nach
einem guten Essen mit der Zeit ein wenig träge fühlten. An diesem Abend war
das anders. Die Tafelnden wurden leichter an Gewicht und leichter von innen her,
je mehr sie aßen und tranken. Jetzt brauchten sie sich nicht mehr an ihr
Gelübde zu erinnern. Es war ihnen klar geworden, wenn der Mensch jeden Gedanken
an Speis und Trank nicht allein vergißt, sondern vollkommen aus seinem
Bewußtsein verbannt, dann ißt und trinkt er im rechten Geist …
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