Babettes Fest von Tania Blixen, 2003, Büchergilde Gutenberg

Tania Blixen

aus: Babettes Fest
(Seite 47-52)

(...) Als Babettes rothaariger Hausgeist die Tür zum Speisezimmer öffnete und die Gäste langsam die Schwelle überschritten, ließen sie die bisher verschlungenen Hände los und verstummten. Es war ein köstliches Verstummen, und im Geiste hielten sie sich noch immer bei den Händen und sangen.
Babette hatte entlang der Mitte des Tisches eine Reihe Kerzen aufgestellt. Die Flämmchen glänzten wider auf den schwarzen Bratenröcken und Kleidern und auf der einen scharlachroten Uniform und spiegelten sich in hellen, feuchten Augen.
General Löwenhjelm sah Martines Gesicht im Kerzenschimmer, nicht anders als damals bei ihrer Trennung vor dreißig Jahren. Was hatten dreißig Jahre Berlevaag-Leben wohl für Spuren darauf hinterlassen? Das goldene Haar war jetzt mit Silber durchzogen; das blumenfrische Gesicht hatte sich langsam in Alabaster verwandelt. Aber wie klar war die Stirn, wie ruhevoll zuverlässig die Augen, wie rein und süß der Mund, als sei nie ein hartes Wort über die Lippen geglitten. Als alle saßen, sprach das älteste Mitglied der Gemeinde das vom Propst selbst verfaßte Tischgebet:

»Mög die Speise den Leib mir erhalten
Und der Leib mir die Seele hochhalten,
Daß die Seele in Taten und Worten
Preis kann singen dem Herrn allerorten.«

Bei dem Wort »Speise« besannen sich die Gäste, die alten Häupter über den gefalteten Händen, ihres Gelübdes, daß sie über diesen Gegenstand kein Wort äußern wollten, und verstärkten in ihren Herzen noch den Schwur: Auch keinen Gedanken wollten sie dem Thema zuwenden. Zwar saßen sie hier zu einem Mahl beisammen; aber das hatten die Leute bei der Hochzeit zu Kana auch getan. Und Gottes Gnade hatte es beliebt, sich alldaselbst zu offenbaren, im Wunder des Weins, nicht minder als an anderen Orten.

Babettes Gehilfe schenkte für jeden ein kleines Gläschen ein. Sie hoben es mit ernster Miene zum Munde, als Bestätigung ihres Entschlusses.
(...)
Im allgemeinen redeten die Leute in Berlevaag nicht viel beim Essen. An diesem Abend aber schienen die Zungen gelöst. Einer von den alten Brüdern erzählte, wie er zum ersten Mal mit dem Propst zusammengetroffen war. Ein anderer wiederholte fast wortwörtlich die Predigt, die vor sechzig Jahren seine Bekehrung bewirkt hatte. Eine alte Frau, dieselbe, der sich Martine in ihrer Not zuerst anvertraut hatte, erinnerte den Freundeskreis daran, wie in jeder Anfechtung alle Brüder und Schwestern bereit waren, die Lasten miteinander zu teilen.
(...)
Der Junge füllte die Gläser neu. Dieses Mal wußten die Brüder und Schwestern, daß es sich bei dem Getränk nicht um Wein handeln konnte, denn es sprühte. Es muß eine Art Limonade sein, die aufs beste zu ihrem angeregten Geisteszustand paßte und sie gleichsam von der Erde emporhob in höhere, reinere Regionen.
(...)
Der Junge hatte Anweisungen: Er füllte den Mitgliedern der Brüdergemeinde die Gläser nur einmal, dem General aber füllte er nach, sowie er ausgetrunken hatte. Und das geschah in raschem Wechsel. Denn wie soll sich ein Mann von Sinn und Verstand verhalten, wenn er sich auf Sinn und Verstand nicht mehr verlassen kann? Besser, man ist betrunken als verrückt.
Häufig war es den Leuten von Berlevaag bisher geschehen, daß sie sich nach einem guten Essen mit der Zeit ein wenig träge fühlten. An diesem Abend war das anders. Die Tafelnden wurden leichter an Gewicht und leichter von innen her, je mehr sie aßen und tranken. Jetzt brauchten sie sich nicht mehr an ihr Gelübde zu erinnern. Es war ihnen klar geworden, wenn der Mensch jeden Gedanken an Speis und Trank nicht allein vergißt, sondern vollkommen aus seinem Bewußtsein verbannt, dann ißt und trinkt er im rechten Geist …

Rezension I Buchbestellung II03 LYRIKwelt © Büchergilde Gutenberg