Erzählung eines Lebens von Franz Blei, 2004, Zsolnay

Franz Blei

Robert Walser
(Leseprobe aus: Erzählung eines Lebens, 1930/2004, Zsolnay - Nachwort von Ursula Pia Jauch)

Im Briefkasten des »Berner Bund«, in welcher Zeitung er das Departement der Literatur mit Ansehen und nicht ohne Einsichten verwaltete, druckte Josef Victor Widmann im Mai 1897 einige Strophen und gab dem nicht genannten Dichter wohlgemeinten Rat, daß und wie es besser zu machen. Als Bodmer und Gottsched in einer Person. Vor diesen Strophen hatte der Praeceptor in litteris die Grenze seiner kritischen Fähigkeiten erreicht. Diese Gedichte waren ungewöhnlich schön und hatten ihren eigenen Ton. Auf eine Anfrage gab der Berner Redaktor Antwort, wie der Dichter hieße und wo er wohne, in Zürich wie man selber. Ich bat ihn in einem Briefe um seinen Besuch. Und ein paar Tage drauf öffnete ich auf ein Klingeln die Türe, und davor stand ein ganz junger Mensch, sah aus wie ein wandernder Handwerksbursch in einer etwas zu knappen Jacke, aus deren kurzen Ärmeln große, etwas rote Hände kamen, die den Hut hielten, und über dem geröteten, schweizerisch knochigen Jungensgesicht struppelte ein Weizenfeld von Haaren. »Ich bin der Walser«, sagte der Wanderbursch.
Er sah in der Tat nicht nur so aus. Immer nur wenn es gerade nötig war, um ein paar Franken für ein sehr einfaches Leben zu verdienen, verdingte er seine geringen Kenntnisse, aber seine überaus schöne feine Handschrift an ein Bankgeschäft und war da ein Schreiber. Nicht ungern, nicht aufsässig. Nur wenn das Wetter mailich wurde und die Sonne schien, litt er ein wenig darunter, »verlegen kratzen zu müssen am Hals unter dem strengen Blick des Prinzipals«, gab die Winterstelle auf und zog über die Landstraßen, ein sehr sauberer und gar nicht robuster, eher zierlicher Wanderbursch, wie aus der Geschichte von Eichendorff herausspaziert. Oder wie ein Kaspar Hauser, der nach seinem Schicksal unterwegs ist. Ganz und gar nicht wie ein Dichter mit dem Schreibtäfelchen im Busen und hungrig nach dem Vers. Als Walser zum zweitenmal zu mir kam, brachte er ein in schwarzes Glanzleinen gebundenes, hübsch liniertes Schulheft mit. Darein hatte er mit seiner sauberen Hand, der des Bankkommis, seine Gedichte geschrieben, etwa vierundzwanzig waren es, keines die Pastiche eines andern; jedes war etwas und stand für sich, Klage nicht lauter als ihr Anlaß, Freude nicht stärker als ihr Grund. Voll Zartheit in der Farbe, nie im Undeutlichen verschwimmend, immer gehalten von einer guten Struktur schweizerischer Jungensknochen, die sich um nichts in der Welt in Stimmungssülze legen lassen. Nirgends auch nur um Geringstes mehr, als was geführtes Leben in Stoff, Wort und Bild hereinbrachte, nichts zu irgendwas Verstelltes. Ganz aus dem Innern dieser Gedichte war der Vers, nirgends von außen appliziert, und er hatte etwas leise Bebendes wie das Zittern eines Pappelblattes. Und auf jedem Worte lag der Tau, als ob es eben aus der Hand Gottes in den Morgen dieser Welt gesetzt worden wäre, und es waren ganz gewöhnliche Worte, nicht »erlauchte«, wie man sie in der damaligen Mode gern – dieses erlaucht inbegriffen – soviel las.
Diese zwei Dutzend Gedichte hatte Walser als ein Siebzehnjähriger aufgeschrieben und von da ab keinen Vers mehr, bis auf einige kleine dramatisierte Gedichte. Ich lese nach dreißig Jahren wieder dieses Schulheft in Glanzleinen. Die Gedichte haben in der langen Zeit kein Fältchen bekommen. Er selber sicher auch nicht, stell ich mir vor, denn ich habe ihn seit langem nicht mehr gesehen. Aber unlängst gehört, wie er als ein Fünfziger den Besuch eines Herrn empfing, der ein Buch von ihm verlegen wollte. Er ließ ihm durch seinen Kammerdiener schreiben, sein Herr sei da und dort in Bern zu sprechen. Der Verleger fuhr nach Bern, kletterte drei Treppen, und auf sein Klingeln öffnete ihm ein blonder Bursch
in Hemdsärmeln. Ja, sein Herr, Herr Walser, sei zu Hause; und führte den Mann in ein Zimmerchen, wo er einen Moment zu warten gebeten wurde. Und gleich darauf trat bei der andern Tür Robert Walser herein, er hatte sich nur einen Rock angezogen. Der Herr war sehr geärgert. Wo doch Walser nur einen seiner Jungenstreiche so für sich selber aufgeführt hatte, indem er sich in sich selber einen Kammerdiener gab, um den Geschäftsmann vielleicht durch ein Lachen menschlicher zu machen. Was ihm mißlang. Aber sonst nichts, weder sein Leben, noch was dieses an Frucht trug. Walser hat in seinen Büchern eine Welt hingestellt, die immer und nichts sonst ist als seine Welt. Er ist mit einer passionierten Hartnäckigkeit bei sich geblieben. »Was dachte ich neulich darüber? Man müsse vom geringsten Gegenstand schön reden lernen, was besser wäre als über einen reichlichen Vorwand sich ärmlich ausdrücken«, schrieb er unlängst. Gibt es für ein solches Selbst ein Geringes? Der sublime Egoismus, – es gibt ja nichts anderes. Man ist ja in diesem Leben hinreichend allein, als daß man sich auch noch seines Selbst berauben könnte.
In seinen jüngern Jahren, seinen noch jüngern, wie man bei ihm sagen muß, war Walser auch ein Page, und sein Traum, einer jungen Dame zu dienen, ihr die Schleppe zu tragen. Nicht so mit Redensarten romantischer Schwärmerei, nicht in banaler Übersetzung etwa einer »dichterischen« Haltung, höchstens ein kleines bißchen außer und abseits der Welt, wie sie in diesen Ephemeriden abläuft. Vielleicht wäre Gärtner der beste praktische Beruf für ihn gewesen, Ziergärtner. Er hat schreibend so viele Sträußchen gebunden, mit Delikatesse, Anmut und heiterer Täuschung über den Busen, den das Gebilde schmücken sollte. Praktisch erfuhr er ja gröbste Widerlegungen. Als er einmal von Zürich nach Berlin zu Fuß wandern wollte und ohne Geld, brach er auf der Straße vor Treuchtlingen zusammen über seinen blutenden Füßen. Und als er sich auf eine Annonce hin, wo für eine Schloßherrschaft in Schlesien ein Diener gesucht wurde, meldete in der Erwartung, dem jungen Fräulein die Schleppe tragen zu dürfen, da kam er durch die zwei sinistren Wintermonate dieser schlesischen Schloßherrlichkeit zu nichts anderem, als daß er die Öfen heizen mußte, von den Korridoren aus, und das Fräulein des Hauses war ein junger Fratz von nur fünfzig gewesen, das Traktätchen für die Innere Mission verfaßte und auch so aussah.
Auch bei Heymel wollte Walser gern Diener werden, aber es stellte sich heraus, daß er weder Silber putzen noch Zylinder bügeln konnte. Allen weiteren Versuchungen dieser Art entging er dann damit, daß er nach dem kleinen Schweizer Städtchen Murten zog und diese Bücher schrieb, die eine so konforme Einheit, ein wirkliches Werk bilden, aus dessen jeder Zeile der Walser erkennbar ist, anmutig, ein bißchen ironisch, ein bißchen weise verspielt, kapriziös und wehmütig gerade nur so viel, wie einem wird, wenn man im Spätsommer die ziehenden Fäden sieht. Oder die Stare sich sammeln zum Abflug.
Dieser Mensch und Dichter, dem ich hier diese Stele des Erinnerns und der Freundschaft aufrichte, hat nie etwas für großes Orchester gesetzt, das auf dem offnen Markt zu spielen wäre. Nur Kammermusik für drei und vier Instrumente. Nie hat er sich in die Hände gespuckt, um auffällig die Kesselpauke zu bearbeiten. Er hat ein zu feines Gehör. Nur feine Ohren können ihn hören.

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