Das Gesetz der Leere von Andrej Blatnik, 2000, Folio

Andrej Blatnik

Worüber wir reden
(aus: Das Gesetz der Leere, Erzählungen, 2003, Folio-Verlag, Übertragung Klaus Detlef Olof)

Ich traf sie im Amerikanischen Zentrum. Ich mußte Carvers What We alk about When We Talk about Love zurückbringen, an dem ich länger gelesen hatte, als erlaubt, und ich fühlte mich unwohl, war mißmutig, weil ich wußte, daß mich der mürrische Blick der Bibliothekarin und ein Kopfschütteln erwarteten, wenn sie vom heutigen Datum zur Frist für die Rückgabe des Buches zurückrechnen würde.

Um die Begegnung mit ihrem Unmut etwas hinauszuschieben, beschloß ich, noch ein wenig in den Zeitschriften zu blättern. Es war früher Vormittag, der Lesesaal war leer, nur sie saß an einem der hinteren Tische und las den Esquire, und vor ihr lag ein geschlossenes Buch, von dem ich, einer Unart folgend, den Titel las: Female Criticism.

Sie sah mich an, und mein Unwohlsein bekam einen Grund: Ich war ertappt worden, ein Beobachter, ein Spionierer, ein Voyeur. Ich mußte meinen Blick verdecken, ich mußte etwas sagen. Möglichkeiten gab es nicht viele. Ich fragte sie, ob sie sich für Frauenliteratur interessiere. Sie sagte, das sei die einzige Literatur, die sie interessiere.

Über Literatur zu sprechen ist eines jener wenigen Dinge, in denen ich ich auszeichnen kann. Ich ergriff die Gelegenheit. Ich sagte, ich sei nicht völlig überzeugt, daß Frauenliteratur überhaupt existiere. Sie blickte mich starr an. Ich breitete die Arme, als wollte ich sagen: Weißt du, was ich sagen will? Sie sagte, sie habe sofort gewußt: Wieder einer dieser typischen Phallokratenleser.

Da war ich machtlos, diese Direktheit trieb mir das Blut in den Kopf. Ich mußte schlucken und sagte, ich hätte zwei Bücher an Anais Nin übersetzt. Sie nickte und sagte, sie habe sie gelesen. Sie habe auch das dritte Buch gelesen, das ich übersetzt hätte, und das eine typische konservative, patriarchale Geschichte gewesen. Ein Mann, der für seine Familie sorge, Geld mache und alle Entscheidungen treffe, eine Frau, die ihm treu zur Seite stehe, und nichts mehr. Etwa von der Art. Typisch.

Ich traute mich nicht zu fragen, ob sie auch Bücher gelesen hätte, die ich geschrieben habe. Ich traute mich nicht zu fragen, wieso sie mich eigentlich kenne. Ich murmelte etwas in der Richtung, daß ich gerade auch einen Roman von Sylvia Plath übersetze und da0 ich somit genaugenommen ein Liebhaber von Frauenliteratur sei. Im Unterschied zu ihr, die Männerzeitschriften lese. Diese Bemerkung überhörte sie und fragte mich, ob es mir für Frauenliteratur wirklich unumgänglich scheine, daß die Frauen als arme, mitleiderregende Hennen aufträten, wie etwa, seien wir doch ehrlich, in der Glasglocke. Einer derartigen Interpretation hätte sich vermutlich widersprechen lassen, doch ich schätze, daß ich dazu nicht gewillt war.

Offensichtlich waren wir zu laut, die Frau hinter dem Pult fing an bedeutungsvoll zu hüsteln. Obwohl wir neben ihr die einzigen im Raum waren, war das hier immerhin ein Lesesaal. Ich faßte Mut und fragte sie, ob sie gegenüber männlichen Angebern so streng sei, daß sie mich für einen Dreckskerl hielte, wenn ich sie zum Kaffee einladen würde. Sie sagte, nein, Kaffee trinke sie schrecklich (ja, genau so sagte sie es) gern. Aber sie zahle ihn selbst. Ich sagte, daß mir das völlig in Ordnung schiene. Sie stand auf und stellte ihr Buch zurück ins Regal. Für einen Moment fragte ich mich, ob sie es vielleicht nur deshalb so vor sich auf den Tisch gelegt hatte, um mich herauszufordern.

Wie auch immer, ich warf mein Buch entschlossen aufs Pult, brummelte meinen Namen, und als mich die Bibliothekarin mit ihrem Blick aufspießte und Luft holte, um ihrem üblichen Maß an Entsetzen und Mißbilligung leiernd Ausdruck zu verleihen, klopfte ich mit den Fingern auf den Tisch und sagte zu ihr, wir würden uns ein andermal unterhalten, weil ich es heute schrecklich (ja, genau so!) eilig hätte. Ich zwinkerte meiner neuen Bekannten zu, und sie zwinkerte zurück.

Etwas muß ich gestehen: wenn es etwas Körperliches gibt, was mich bei Frauen anzieht, dann sind das große Augen. Sie hatte dazu noch eine Frisur, wie sie Glenda Jackson in Women in Love trug. Als ich gegenüber in der Konditorei Tivoli, zu der wir noch immer Petricek sagen, obwohl sie ihren Namen nicht aus politischen Gründen gewechselt hat, irrtümlicherweise meinen Kaffee süßte, was mir sonst nie passiert, sagte ich zu mir: Junge, Junge. Ich hätte das Buch ruhig noch einen Tag zu Haus behalten können. Ich hätte nicht herumspionieren müssen, was andere lesen. Ich hätte sie nicht ansprechen müssen. Oder ich hätte sie zumindest nicht zum Kaffee einladebn müssen. Ja, das alles wäre nicht nötig gewesen.

(...)

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