Verloren gehen von Claudia Bitter, 2008, Klever

Claudia Bitter

Ans Ufer gehen wollen
(Leseprobe aus: Verloren gehen, Erzählungen, 2008, Klever Verlag).

Ans Ufer gehen wollen, eine Grube graben wollen, endlich eine Grube graben,

eine tiefe Grube graben wollen, direkt am Ufer, feste Schuhe anziehen, vielleicht

auch nur Turnschuhe anziehen, auf jeden Fall Schuhbänder binden, fest, eine

Doppelmasche vielleicht, je nach Länge der Schuhbänder, eine Jacke anziehen,

den Reißverschluss der Jacke hinaufziehen, bis es ansteht, nicht mehr weiter

geht, den Schlüssel im Schloss der Tür des Hauses am Ufer umdrehen, wenn

abgesperrt ist, die Tür öffnen, nicht sperrangelweit öffnen, nur einen Spalt breit

zum Hinausschlüpfen, die Tür hinter sich schließen, nicht zuwerfen, die

Türschnalle ganz hinunterdrücken beim Türschließen, die steinernen Stufen in

die Wiese hinuntersteigen, sechs Stufen hinuntersteigen, vielleicht auch zwei

Stufen auf einmal nehmen, vielleicht auch springen, über alle sechs Stufen auf

einmal springen, vielleicht dabei stürzen, sich vielleicht sogar verletzen

über die Wiese gehen, geradeaus über die Wiese ans Ufer, direkt ans Ufer,

gleichmäßige Schritte nach vorne zum Ufer, Schuhe werden nass von der Wiese,

vielleicht ans Imprägnieren denken, ans Weghalten der Schuhe und ans

Drücken auf den Sprayknopf, an das weit genug Weghalten der Sprayflasche

von den Schuhen, vielleicht den Geruch des Sprays noch in der Nase haben

vielleicht die Schritte zählen, vom Haus zum Ufer, je nachdem wie groß die

Schritte sind, etwas mehr oder weniger Schritte zählen, vielleicht die Bäume

rundherum bemerken oder das braune Laub auf der Wiese, vielleicht gar nichts

bemerken, auch nicht das Schreien der Vögel, von der Wiese ans Ufer steigen,

auf Steine und Erde, sich vielleicht fragen, wo genau das Ufer beginnt, wo genau

stehen bleiben, wo genau die Grube graben, wo die Nähe zum Wasser die

geringste ist, wo Wasser ist, ist schon See vielleicht, wo das Wasser aufhört,

beginnt das Ufer, an diesem Ufer stehen bleiben, die Füße direkt vor dem

Wasser absetzen, keine Wellen, Schuhe werden nicht nass von Wellen, vielleicht

ans Meer und hohe Wellen denken, die meterhoch spritzen, stehen bleiben,

ruhig atmen, auf den See schauen, die Ufer des Sees anschauen, das

gegenüberliegende Ufer sehen, die Wasseroberfläche sehen, nicht in die Tiefe

des Sees schauen können, vielleicht die Enten sehen, vielleicht die Enten zählen,

das Schilf sehen, nicht in den Himmel schauen, nur auf den See schauen und an

die Ufer des Sees, nicht alle Ufer sind zu sehen, das eigene Ufer anders zu sehen

als das gegenüberliegende, die fernen Ufer verschwommen, vielleicht fremd,

einen festen Stand am eigenen Ufer haben, die Beine stehen fest auf der Erde,

die Arme hängen lose, die Augen sehen ein Boot in der Mitte des Sees, sich

vielleicht fragen, wo genau die Mitte des Sees ist, keine Fische sehen können,

die Enten hören können, sie nicht hören wollen, das Rauschen im Schilf hören,

nur das Rauschen im Schilf hören wollen, weil es der Wind macht, sonst nichts

hören, sich hinhocken auf das Steinufer, die Steine zur Seite schieben, zu

graben beginnen, in der Erde, mit beiden Händen, in der kalten Erde, vom

Graben werden die Hände warm, die feste Erde lässt sich schwer bewegen, eine

Grube graben, so groß wie möglich, damit man darin Platz hätte vielleicht,

neben der Grube die Erde anhäufen, die man ausgräbt, ein dunkles Loch, noch

nicht tief genug, auf die Knie gehen, so besser graben können, die Knie werden

feucht, die Erde ist feucht, durch die Hose die feuchte Haut auf den Knien

spüren vielleicht, oder es nicht spüren, so ins Graben vertieft, aus dem Loch

Steine herausholen, kleine Steine die voller Erde sind, klebrige Erde, wässrige

Erde kommt zum Vorschein, der Erdhaufen wird immer größer neben dem

Loch, das Loch immer tiefer, das Loch wird zur Grube, es wird einem warm

beim Graben, die Ärmel der Jacke hinaufschieben, sie stören beim Graben und

es wird warm in der Jacke, oder die Jacke ganz ausziehen und im Hemd

weitergraben, die Ärmel des Hemdes vielleicht raufschieben, so warm wird es

beim Graben, die Grube so tief graben wie der Arm lang ist, tiefer geht es nicht,

die Arme sind nicht länger, um die Grube noch tiefer zu graben, keine längeren

Arme haben, die Schaufel aus dem Schuppen holen, weil man eine größere

Grube braucht, mit schnellen großen Schritten, direkt auf den Schuppen

zugehen, die Tür des Schuppens öffnen, sie ist nicht abgesperrt, die Schaufel

lehnt an der Wand neben der Tür des Schuppens, die Schaufel ist nicht schwer,

ein Holzstiel mit einer Eisenschaufel, mit ihr geht das Graben leichter, die

Grube wird tiefer gegraben mit der Schaufel, irgendwann ist sie groß genug

vielleicht, die Schaufel an den nächsten Baum lehnen, die Grube noch

gleichmäßig machen, die Wände abstreifen, glatt streifen, eine schöne tiefe

Grube am Ufer, am eigenen Ufer, das Wasser reicht nicht an die Grube heran,

die Grube in der Erde bleibt leer, die Hände voll Erde, schmutzig, sie vielleicht

an der Hose abstreifen, die Hose schmutzig, die Hände werden nicht sauber

vom Abstreifen, sie müssten gewaschen werden, nicht ins Haus gehen wollen,

nicht vom Ufer weg wollen, bei der Grube bleiben wollen, auf sie aufpassen

wollen, aufstehen und rundum die Grube gehen, sie von allen Seiten betrachten,

zufrieden mit ihr sein, vielleicht die eine oder andere Stelle noch ausbessern,

einen Klumpen Erde noch weggeben, dann den Erdhaufen wegtragen, dazu die

Schaufel verwenden, die am Baum lehnt, mit der Schaufel in den Erdhaufen

hineinfahren und mit der vollen Schaufel zum Gebüsch gehen, die Erde

hineinfallen lassen, so den ganzen Haufen abtragen, Schaufel für Schaufel,

vielleicht mitzählen wie oft zum Gebüsch gegangen wird und die Erde ins

Gebüsch geworfen wird, dort kann sei bleiben, die Stelle am Ufer, wo der

Erdhaufen war, glätten, Schweiß auf der Stirn, in den Achseln, die Haare aus

dem Gesicht streichen, zufrieden mit der Arbeit, zufrieden mit der Grube, den

Rücken aufrichten, sich strecken nach dem vielen Bücken, das Bücken nicht

mitgezählt haben, die Schaufel an ihren Platz im Schuppen bringen, noch einen

Blick in die Grube am Ufer werfen, sie ist leer, sie ist ganz nahe am Wasser,

dann auf den See schauen, ans andere Ufer schauen, nicht in den Himmel

schauen, und dem See den Rücken zuwenden, langsam auf das Haus zugehen,

sich auf der Wiese gehend noch einmal umdrehen und zur Grube schauen, ohne

dabei zu gehen aufzuhören, die Bäume ringsum nicht bemerken, das braune

Laub auf dem Boden nicht bemerken, auch das Schreien der Vögel nicht hören,

die Stufen hinaufsteigen, eine nach der anderen, die Tür öffnen, sich bücken um

die Schuhe auszuziehen, die Schuhbänder aufziehen, aus den Schuhen

schlüpfen, sie auf ihren Platz stellen, die Jacke ausziehen, auf den

Garderobenhaken hängen, sich ans Fenster stellen und zum Ufer schauen, die

Grube ist nicht zu sehen, nur zu erahnen, genau wissen, wo sie ist, vage die

Umrisse erkennen, beruhigt auf die Grube schauen und auf den See und auf das

andere Ufer, sich nicht an den Tisch setzen, sich nicht an die Arbeit machen,

sich nicht an die Arbeit machen wollen, sich nicht die Hände waschen, sich

nicht die Erde abwaschen wollen, anfangen im Kreis zu gehen, mit großen

Schritten kleine Kreise im Zimmer ziehen, vielleicht an Umlaufbahnen denken,

vielleicht an den Mond, immer wieder im Kreis gehen, die Kreise nicht

mitzählen, der Kopf gesenkt, im Kreis gehen, ohne zu denken, zwischendurch

ein Glas vom Tisch nehmen und Wasser einfüllen, daraus trinken, große

Schlucke machen, das Glas wieder hinstellen und weiter im Kreis gehen, nicht

damit aufhören wollen, langsam schwindlig werden vom im Kreis gehen, sich

hinsetzen und tief ausatmen, vielleicht Musik hören wollen, egal welche, die

Anlage einschalten, irgendeine Musik hören, nicht wissen wer da singt, eine

Frau, sie vielleicht schon einmal singen gehört haben, ihren Namen nicht

kennen, sich bei Musik vielleicht besser an die Arbeit machen können, auf dem

Tisch liegt alles bereit, noch einmal zum Fenster gehen, wenige Schritte vom

Tisch und Sessel entfernt, wieder auf den See hinausschauen und ans andere

Ufer, und die Umrisse der Grube am eigenen Ufer erkennen, am Tisch liegt alles

bereit, jetzt ist vielleicht Klaviermusik zu hören, schwer und träge, die Grube ist

fertig und bereit, gefüllt zu werden, am Tisch liegt alles bereit, das Boot, das

Werkzeug, das Papier, der Stift, nicht wissen wo anfangen, vielleicht nicht

wissen wie anfangen, den Stift in die Hand nehmen, ihn herumdrehen in einer

Hand und seinen Drehungen zuschauen, aufs Blatt Papier ein Wort schreiben

wollen, kein Wort schreiben können, keinen Satz denken können, es aufgeben,

das Papier und den Stift zur Seite legen, an die Kante des Tisches, vielleicht fällt

das Blatt Papier hinunter, vielleicht bleibt es gerade noch auf der Tischkante

liegen, das Boot in die Hand nehmen, ein einfaches Holzboot mit einem

Stoffsegel, vielleicht von Kindern gebastelt, vielleicht nicht seetauglich,

aufstehen, um ein Glas Wasser zu trinken und mit dem Glas in der Hand ans

Fenster gehen, um auf den See zu schauen, ans andere Ufer zu schauen, die

Grube zu erkennen, keine Musik mehr hören, die Stille hören, die Stille kommt

vom See, vom See ans Ufer, vom Ufer ins Haus, vielleicht liegt die Stille auch in

der Grube, hoffentlich, das eigene Herz spüren, ein Beben und Zittern, ein

Rumoren im Herzen, sich vielleicht an die Brust greifen, keinen Hunger

verspüren, keinen Durst verspüren, aber das Herz rumort, es nicht beruhigen

können, das Werkzeug vom Tisch nehmen und die Brustkammer öffnen, mit

einem Griff, das zappelnde Herz vorsichtig berühren, sanft darüber streichen,

die Adern pochen dick und laut, ein lila Puls strömt durch die Herzkammern,

das Pochen dröhnt in den Ohren, die Brustkammer rasch wieder schließen,

sorgfältig mit dem Werkzeug, vielleicht auf die Uhr schauen, ob es schon Zeit

ist, es ist schon Zeit, es ist schon längst Zeit, die Jacke anziehen, die Schuhe

anziehen, die Schuhbänder nicht binden, einfach nur in die Schuhe stecken, den

Reißverschluss der Jacke nicht zuziehen, das Werkzeug in die eine Hand

nehmen, das Boot in die andere Hand nehmen, die Tür öffnen, vielleicht noch

einen Schluck Wasser trinken, den Schmerz in der Brust spüren, die Tür offen

stehen lassen, nicht absperren, das Werkzeug fest in der einen Hand, das Boot

fest in der anderen Hand umklammert halten, die Stufen hinuntersteigen, sechs

Stufen in die Wiese hinunter, es dämmert schon, in den Himmel schauen,

vielleicht ist ein Stern zu sehen, nicht stehen bleiben, die Bäume ringsum nicht

bemerken, das braune Laub nicht bemerken, vielleicht das Schreien der Vögel

hören, geradlinig auf die Grube zugehen, an der Grube ankommen, rundherum

gehen und sie betrachten, das Boot neben die Grube auf die Erde setzen, die

Schuhe ausziehen, die Jacke ausziehen, sie auf die Erde legen, sich in die Grube

setzen, es ist eng, die Grube wird vom Körper ausgefüllt, es ist eng in der Grube,

es ist gerade genug Platz in der Grube für den Körper, der halbe Körper schaut

aus der Grube heraus, die Grube ist kühl, der Körper ist noch warm, das

Werkzeug in die Hand nehmen und die Brustkammer mit einem Griff öffnen,

das Herz herausnehmen, es geht nicht leicht, es muss vielleicht Kraft

angewendet werden, das Herz pocht nur leicht und leise, das Herz auf das Boot

neben der Grube legen und das Boot mit dem ausgestreckten Arm aus der

Grube heraus ins Wasser setzen, die Brustkammer vorsichtig mit dem

Werkzeug verschließen, die roten nassen Hände nicht abwischen, auf das Boot

schauen, auf den See schauen und auf das Ufer gegenüber schauen, die Leere in

der Brustkammer spüren, vielleicht tut es weh, auf den Wind warten, der das

Boot wegträgt, in die Mitte des Sees, ans andere Ufer, weg von der Grube, der

Abend kommt ans Ufer, die Nacht kommt ans Ufer, nicht in den Himmel, in die

Sterne schauen, auf den dunklen See schauen, auf den Wind warten, das Herz

pocht ganz leise auf dem Boot, es betrachten und belächeln, beglücken, müde

werden, zusammengedrückt in der Grube, die Arme um die Knie geschlungen,

die Knie an der Brust, keine Schmerzen in den Gliedern, keine Kälte empfinden,

vielleicht keinen Wind spüren, das Boot langsam wegtreiben sehen, der

Herzschlag lässt nach, kein Widerstand mehr, beruhigt in der Grube

zusammensinken, gerade groß genug für den Körper, den Kopf an den Rand der

Grube legen und auf den See schauen, auf das Boot und das Herz, endlich

schwimmt es davon, vielleicht ist es seetauglich, vielleicht sinkt es in der Mitte

des Sees, vielleicht strandet es am anderen Ufer.

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