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Das kleine Stück vom großen Himmel
(Leseprobe aus:
Das kleine Stück vom
großen Himmel, Roman, 2002,
Hoffmann&Campe).
Der Beginn jeder Liebe gehört dem Märchen. Im Märchen wird alles durch Vertrauen gelöst. Eine solche märchenhafte Lösung in einem Liebesroman bietet einem Erwachsenen und seinem mühsamen und trübenden Leben den Trost, dass man in seinem Leben nicht geliebt ist nur deswegen, weil man gezwungen wurde, erwachsen zu werden. Ich mag keine Liebesromane lesen, aber der Beginn unserer Liebe war auch wie in einem Märchen.
In einer Nacht, nach einem Monat unserer Bekanntschaft, redeten wir nach der Grammatikstunde lange Zeit und ich verpasste die letzte U-Bahn. Er bot mir an, bei ihm zu übernachten. Ich weigerte mich; er hatte nur ein Bett. Er verstand meine Weigerung und zeigte mir unter seinem Bett eine Luftmatratze.
In der Nacht stand er von der Luftmatratze auf - ich hörte ihn -, er setzte sich auf mein Bett und schaute mich an. Ich war wach, aber mit geschlossenen Augen, ich blickte ihn durch die Wimpern an. Er studierte mich und mein Gesicht eine Weile, dann beugte er sich zu mir und – küsste mich.
Ich blieb atemlos, überrascht, aber ich öffnete die Augen nicht. Ich lag nur und dachte, er höre sicher meine Herzschläge. Er saß noch eine Weile. Dann stand er auf und kehrte auf seine Matratze zurück. Ich lächelte vor Aufregung, vor Glück, vor Freude. Wie lange durch meinen Kopf Gedanken durcheinander liefen, weiß ich nicht. Ruhe fand ich erst vor der Morgendämmerung.
Als ich in der Früh aufwachte, war er schon weg, er hatte Vorlesungen. Ich war in Ernsts Zimmer nicht mehr, ich war in einem Märchen, ich wurde durch den Kuss geweckt, ich lebte endlich, wie Schneewittchen, meine Grammatikbücher lächelten mir zu. Es war gut, dass die Nacht die letzte U-Bahn geschluckt hatte.
Ich war gerettet.
Rezension I Buchbestellung I home IV08 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe