Herzrasen von Pieke Biermann, 1994, RotbuchPieke Biermann

Ein Traum kein Leben
(aus: Herzrasen, 1994, Rotbuch-Verlag)

So hielt sie sie hin. Der Schmerz fing an, ihr das Bewußtsein wiederzugeben. Wen kann man damit noch hinhalten. Wie lange. Noch hatten sie das Treppenhaus vor sich. Es war ihr gelungen, von dem Platz wegzukommen. Das Haus dazwischenzuschieben. Die Mauer. Die Tür. Sie kamen näher. Sie hatte sie gerochen. Dicke krachende Motorräder. Ein sauberes Dutzend. Männer darauf. Sie bremsten scharf. Gleichzeitig. Sie wirbelten Staub auf, Bierdosen, Pappteller mit Senfresten. Und es roch nach Enge und nach kaltem Herz. Sie schob die Arme geschmeidiger unter das kopflose Kind und versuchte aufzustehen. Jetzt stiegen sie aus. Aus blitzsauberen, stinkenden roten Porsches. Keine Helme mehr. Auch keine Glatzen. Blonde Löckchen, die ohne Umweg über irgendeine Stirn von Schädeldecken in Augen hingen. Kleine enge kalte blaue Augen. Und der Platz wurde größer. Enger. Sie wich zurück. Aber da waren keine Häuser mehr in ihrem Rücken. Keine Türen. Nur Fenster mit heruntergelassenen Rolläden. Die Männer formierten sich zur Schlachtreihe. Langsam. Ganz langsam bewegten sich ihre Hände zu den Maschinenpistolen an ihren Schultern. Sie schrie nicht. Wen sollte sie rufen? Der winzige Junge hing in ihren Armen, die gebrochenen Knochen zerfasert wie Äste nach einem Orkan. Die Polizei? Sinnlos. Wozu. Gegen das hier. Wer sollte die rufen. Die Leute, die eben noch anfeuernd geklatscht hatten, waren verschwunden. Die Telefone gingen nicht. Gingen nie. Außer, es war nicht dringend. Außer, es sollte nur in irgendeinem gemütlichen Heim eine Hausfrau informiert werden, daß sie das Kotelett in die Pfanne hauen konnte, weil der Mann jetzt Feierabend hatte. Sonst nicht. Schon gar nicht, wenn jemand, dem gleich das Herz bersten würde, mit angstklammen Fingern 110 zu wählen versucht. Und dann 112.

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